Die Unerreichte

von Redaktion

Zum heutigen 85. Geburtstag von Opernlegende Julia Varady

Als Gräfin in Mozarts „Figaro“. © R.-Viollet/Ullstein

Mit Ehemann Dietrich Fischer-Dieskau. © R.-Viollet/Ullstein

Als Abigaille in Verdis „Nabucco“. © Anne Kirchbach

„Ich hätte auch gezahlt, um singen zu dürfen“: Die Lücke, die Julia Varady nach ihrem Bühnenabschied 1997 hinterlassen hat, ist nach wie vor nicht geschlossen. © ArenaPAL/Ullstein Bild

Sogar in ihren Meisterklassen, ohne große Bühne, ohne großes Publikum, zerrte es in und an ihr. Man kann das nachschauen auf Youtube-Videos, die dokumentieren, wie Julia Varady unterrichtete. Zwei Planeten trafen da oft aufeinander. Hier die Nachwuchssolistin, die ihre Arie sorgsam vorbereitet hatte und auch so sang. Und dort die Meisterin, die ihr Gegenüber fixierte, unruhig, ungeduldig, aus der die Musik herauswollte, ja herausbrach. Die auch mitsang bei der Schülerin. Nicht, um nach dem Papageien-Prinzip zu lehren, sondern weil sie nicht anders konnte.

So gesehen hat Julia Varady, die heute ihren 85. Geburtstag feiert, die Bühne nie verlassen. Die Lücke, die sie 1997 mit ihrem Opernabschied hinterließ, konnte ohnehin nie geschlossen werden. Keine Kollegin reichte und reicht an ihre Vitellia in Mozarts „La clemenza di Tito“, an Verdis Leonoras (in „La forza del destino“ und „Il trovatore“) oder an dessen Abigaille („Nabucco“) heran. Vielleicht ist Julia Varady sogar die einzig legitime Nachfolgerin der Callas. Die Stimmen ähnelten sich nur wenig, gewiss. Eher hat dies zu tun mit dieser singulären Intensität, dies gepaart mit immenser Kontrolle. Die Varady war keine, die sich in ihre Rollen warf, dabei auf die Emotion des Augenblicks vertrauend. So sehr ihre Rollenporträts glühten, so penibel war doch alles erarbeitet.

Alle großen Rollen sang sie in München

Schon früh forderte die Varady von sich ein enormes Pensum. Anfangs hatte sie fast täglich Gesangsunterricht. Und als sie als junge Sopranistin an der Frankfurter Oper pro Saison sechs, sieben Rollendebüts hatte, empfand sie dies nie als Überforderung, im Gegenteil. Singen bedeutete für Julia Varady weniger Lebenselixier, Singen war Leben. „Ich hätte auch gezahlt, um singen zu dürfen“, wie sie einmal im persönlichen Gespräch sagte. Und wer ihr dabei ins Gesicht sah, begriff sofort: Sie meinte es bitterernst.

Frankfurt war für sie, die 1941 in Oradea (damals Ungarn, heute Rumänien) zur Welt kam, das berühmte Sprungbrett. 1971 sang sie bei den Münchner Opernfestspielen die Vitellia in Mozarts „La clemenza di Tito“, sie wurde eine ihrer Signet-Partien. Und die Bayerische Staatsoper griff sofort zu: Alle großen Rollen hat sie fortan an der Isar gesungen. Auch wenn die Varady an vielen internationalen Bühnen gastierte, blieben doch München und die Deutsche Oper Berlin ihre Heimathäuser. In München, bei einer Produktion von Puccinis „Il tabarro“, lernte sie auch Dietrich Fischer-Dieskau kennen. Sie wurde seine vierte Frau, dreieinhalb Jahrzehnte lebten sie bis zu seinem Tod 2012 zusammen. Und dies an zwei Orten: In Berlin unweit des Theodor-Heuss-Platzes und in Berg am Starnberger See – dort, wo Julia Varady noch heute wohnt. Ein Sänger-Traumpaar waren sie, zugleich denkbar verschieden. Er, der Reflexion auf die Spitze trieb, sie Klang gewordene Energie.

„Ich nehme etwas tief in mir auf, und dann muss es heraus“, sagte die Varady einmal. Singen war für sie nicht nur eine Lebens- , sondern auch eine Fantasiefrage. „Man kann eine noch so schöne Stimme haben, aber wenn man sich beim Singen nichts vorstellen kann…“ Dazu passt, dass die Stimme der Varady ihre Attraktivität nicht aus purer Schönheit speiste. Das begann schon mit dem gewaltigen Tonumfang, dem man anhörte, dass sie zunächst auf Alt und Mezzo trainiert worden war. Eine Stimme, wie ein Chamäleon. Herb und süß konnte sie klingen, lodernd dramatisch und im nächsten Augenblick zu sanfter Lyrik gedimmt. Wie ein alles versengendes Feuer und dann wieder wie ein Kerzenlicht. Nur mit souveräner Technik war dies möglich. Und mit einem Stilbewusstsein, das die richtigen Zutaten für Verdi, Mozart, Wagner, Puccini, Reimann oder Bartók fand: Womöglich war die Varady auch die letzte große Allrounderin.

Ihr Bühnenabschied fiel ihr schwer. „Ich hatte stets ein großes Freiheitsbedürfnis, und dazu brauchte ich den Gesang.“ Lange nach ihrem letzten Auftritt träumte sie noch von der Oper, wie sie zugab. Auf ein Comeback in einer Winzrolle verzichtete sie dann doch, auch hier siegte die Klugheit. Julia Varady war eine der wenigen in diesem von spätherbstlichen Stimmresteverwaltern bevölkerten Geschäft, die auf dem Höhepunkt des Ruhms abtreten konnte. Wer sie besuchte oder auch nur mit ihr telefonierte, wurde sofort gefangen genommen von ihrer überschäumenden Herzlichkeit. Und von ihrem gern unverblümten Humor, wenn sie zum Beispiel über Regisseure sprach: „Sie müssen alles auffüllen, ein Zwischenspiel oder eine Ouvertüre, mit irgendeinem banalen Stehen, Gehen, Purzelbaumschlagen oder was weiß ich alles. Nur um Bewegung zu haben. Ich wüsste schon, wie man sich in den betreffenden Situationen sinnvoll verhält.“MARKUS THIEL

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