Musiker und Schriftsteller Sven Regener. © Pedersen/dpa
Querköpfe am Tresen: Frank Lehmann (Christian Ulmen, re.) und seine Freunde (Hartmut Lange, li., Detlev Buck) in der Verfilmung „Herr Lehmann“ von 2003. © Imago
Sven Regeners Bücher gehören zur schmutzigsten Literatur im Regal. Kaffee- und Saftflecken, wo man auch hinblättert. Weil man so unvorsichtig war, während des Lesens zu essen oder zu trinken. Das geht eine Weile gut, aber dann muss man so unerwartet losprusten, dass man auf die Seiten kleckert. Und das, obwohl der gebürtige Bremer nun schon seit einem Vierteljahrhundert dasselbe Personal durch seine Romane trudeln und labern lässt. Auch „Fankie und Freddie“, der heute erscheint, erwischt einen wieder. Und man denkt an Marcel Reich-Ranickis legendäre Äußerung im „Literarischen Quartett“ zu Regeners Debüt „Herr Lehmann“ 2001: Er habe sich erst gefragt, was das für ein lächerliches Niveau sei. „Aber auf Seite 100 ist mir etwas passiert, das mich irritiert hat. Ich habe angefangen, schallend zu lachen. Und ich lache nie unter meinem Niveau.“
Regener, Frontmann der Band Element of Crime, hatte es geschafft, einen Antiheld zu erfinden, der mit seinen absurden Erlebnissen (besser: Nicht-Erlebnissen) in Westberliner Kneipen genug Identifikationspotenzial besitzt, um ein Millionenpublikum glauben zu lassen: „Frank Lehmann – das sind ja wir!“ Seine Vorgeschichte hat der Autor seither in sechs Büchern ausgeleuchtet. Ein Entwicklungsroman, nur dass sich hier nichts entwickelt außer lakonischen Dialogen. Und der Zuneigung des Lesers.
Nun also aufs Neue: Wir schreiben immer noch 1980, Frank hat sich in der WG seines Bruders Freddie eingelebt. Der, ein aufstrebender Künstler, hat ein Stipendium für New York und sich die Reise dorthin als Versuchskaninchen für Psychopharmaka verdient. Am Tag vor Heiligabend verlässt er das Hotel, in das er zu dem Zweck einquartiert war. Frank holt seinen noch ziemlich derangierten Bruder ab – und nun geht das Chaos los. Denn Freddie kann seine Tasche mit Pass und Flugticket nicht mehr finden. Eine wilde Hatz durch die verschneite Mauerstadt beginnt.
Regener treibt seine Kunst hier auf die Spitze. Er verdichtet die Geschehnisse auf einen einzigen Tag. Und während er im Vorgänger-Roman „Glitterschnitter“ eine Kakophonie innerer Stimmen hören ließ – der Erzähler nahm wechselnd die Perspektive von bestimmt 15 Figuren ein –, belässt er es hier überwiegend beim inneren Monolog von Frank, der in aberwitzigen Bandwurm-Sätzen über sein ambivalentes Verhältnis zu Freddie grübelt. Und seine Liebe zur erkälteten Chrissie. Ansonsten gibt’s wieder die gewohnten Stakkato-Wortgefechte: „Wir müssen als Erstes Chrissie anrufen!“ „Bist du in die eigentlich verknallt?“ „Was? Ich?“ „Ja natürlich.“ „Verknallt? In Chrissie? Ich?“ „Da ist er wieder“, sagte Freddie, „der gute alte Frankie! Völlig unfähig, eine einfache Lüge wie ,Was? Ich doch nicht!‘ rauszuhauen. Jeder andere, aber nicht Frankie. Frankie stellt lieber so lange Gegenfragen, bis der andere aufgibt, was immer bedeutet, dass man ihn erwischt hat.“ „Wie kommst du denn auf sowas?“ „Siehst du? Das meine ich.“ „Was meinst du?“ „Alles klar!“ Freddie nahm Frankie am Arm und zog daran. „Lass uns Chrissie anrufen, in die du nicht verliebt bist!“
Regener selbst kam um 1980 nach Berlin, und so ist das Geschehen wieder eine Hommage an das alte Kreuzberg – berlinernde Typen wie den drolligen Olli von der Tankstelle inklusive. In detailreicher Kenntnis von Orten und Zeitkolorit geht die Schneematsch-Odyssee mal im Opel Kadett nach Schöneberg, mal mit der U-Bahn zum weihnachtlichen Breitscheidplatz oder gleich unter Ostberlin hindurch in den Wedding, im beklemmenden Schneckentempo vorbei an den Geisterbahnhöfen Jannowitzbrücke und Alexanderplatz.
Am Ende ist Sven Regener wieder ein großartiges, beim Lesen fleckig gewordenes Buch gelungen, über das Aufbrechen und Zurückbleiben, über Weihnachten und Wahlheimaten. Und natürlich über die Liebe. Das Schöne ist, dass er bei seiner Herangehensweise noch ewig so weiterschreiben könnte – aber er verspricht’s nicht: „Die Geschichte muss nicht weitererzählt werden, kann aber“, sagte der 65-Jährige der dpa. Man traut sich, drauf zu wetten. Denn dafür, das merkt man, hat er seine Figuren einfach zu lieb.JOHANNES LÖHR
Sven Regener:
„Frankie und Freddie“. Galiani, 288 Seiten; 24 Euro.