Ein Lächeln am Abgrund

von Redaktion

Das grandiose Liedalbum „Melancolie“ von Konstantin Krimmel und Ammiel Bushakevitz

Regelmäßig auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper: Bariton Konstantin Krimmel, hier mit Pianist Ammiel Bushakevitz. © Geoffroy Schied

Das „H“ im Titel fehlt – einfach weil es sich gar nicht um den deutschen Begriff handelt. „Melancolie“, damit ist eher die rumänische Übersetzung gemeint. Konstantin Krimmel, 33 und längst im Kunstlied-Olymp angekommen, hat Wurzeln in Siebenbürgen, seine Mutter stammt von dort. Der Bariton, Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, wuchs zweisprachig auf. Auch sein Klavierpartner, der gebürtige Südafrikaner Ammiel Bushakevitz, ist mehr als polyglott unterwegs. Ihr Albumtitel klingt schwer nach Klischee, nach Trübsal und Depression mit fatalen Folgen. Gesang und Klavierspiel tun es gerade nicht: Da sind zwei Wesensverwandte, die vollkommen klarsichtig an dunklen Rändern stehen. Hineinspringen, sich verlieren im Frust? Eher weniger.

Krimmel und Bushakevitz koppeln Lieder von Johannes Brahms mit denen von Eusebius Mandyczewski (1857-1929). Der Komponist und Musikwissenschaftler entstammt einer rumänisch-orthodoxen Priesterfamilie. Mit dem älteren Meister, den er in Wien kennenlernte, verband ihn – selbstverständlich in tiefstem Respekt – eine Freundschaft. Beide, Brahms und Mandyczewski, hörten hinein ins Volkstum ihrer jeweiligen Heimat, nahmen dies allerdings zum Ausgangspunkt für Kunstlieder, für eine veredelnde Weiterentwicklung gewissermaßen.

Es ist der Gestus einer scheinbaren Naivität, der von Konstantin Krimmel genau getroffen wird. Bei den Brahms-Liedern, die teils ins Balladenhafte driften, hält er die Balance zwischen schlichtem Ton und Reflexion. Ein wissender Erzähler, ein Verführer mit vokalem Feinbesteck, ein Sänger, der mit der Stimme malt. Auch bei Bushakevitz „hört“ man einen feinen Farbauftrag. Und doch geschieht das nie pastellig oder mit Sfumato-Weichzeichner. Man erlebe nur „Unbewegte laue Luft“ von Brahms: Das ist wirklich zu Musik gewordene Ruhe, behutsam geformt – aber sich eben nicht in purer Schönheit erschöpfend.

Überhaupt Krimmels Technik: Fast alles scheint er seiner Stimme abverlangen zu können. Unerhört biegsam und flexibel geführt ist sie, nie verspannt. Die Textbehandlung ist exzellent, ohne dass sich Krimmel einzelne Silben, gar Laute auf der Zunge zergehen ließe. Jedes Wort ist eingebunden in ein alles überwölbendes Legato. Den großen Stimmumfang braucht Krimmel besonders bei Mandyczewski, die Stücke liegen in (für andere) unangenehm hoher Lage. Bei Krimmel ist stets ein feiner, heller Ton zu hören, beim „Frühlingslied“ lächelt der Klang.

Es spricht für das tolle Duo, dass man bei diesem monothematischen Album dranbleibt. Alles kreist um geliebte Mädchen, zaghafte Zuneigung, sachte Enttäuschungen, um Naturempfindungen und auch um Todesnähe. Das könnte ermüden. Doch die Nuancierungskunst der beiden, stufenlos pegelbar, ob mit den Stimmbändern oder den Klaviersaiten, zieht einen in jede einzelne Nummer hinein. Und manchmal, wie in der „Mainacht“ von Brahms, fällt alles zusammen: eine große Ausdrucksdichte und -variabilität auf engstem Raum.

Bushakevitz und Krimmel können auch anders. Man höre nur „Trost!“ von Mandyczewski, da packt der Bariton plötzlich Töne aus, die in Heldentenorregionen reichen. Und auch in den letzten beiden Liedern, in „Das Grab“ und „Der Einsame“ von Mandyczewski, weicht alle Süße. Kerniger, härter ist nun die Stimme. Dunkelwerte und Verzweiflungstöne sind das. Vom „liebeleeren Leben“ handelt das Lied. So wie Krimmel und Bushakevitz dies singen und spielen, spürt man aber auch: Das stimmt nicht ganz.MARKUS THIEL

„Melancolie“.

Konstantin Krimmel, Ammiel Bushakevitz (Alpha).

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