Selbstzweifel, verarbeitet in einem Meisterwerk: Schauspieler Edgar Selge (78) legt seinen zweiten Roman vor. Lesung ist am 15. Oktober in den Kammerspielen. © Muriel Liebmann
War Edgar Selge, der eher schmächtige, schwache Knabe, wirklich so ein schreckliches junges Kerlchen? In seinem Roman „Juras letzter Winter“ – quasi einer Fortsetzung von „Hast du uns endlich gefunden“, seine in Literatur gegossenen Kindheitserinnerungen – unterzieht sich der heute 78-Jährige einer radikalen, schonungslosen Selbstbefragung. Auch diese verfasst er als ein literarisches, politisches wie persönliches Meisterwerk, indem er sich, dem Ich-Erzähler, einen Partner hinzufügt. Der ist keine Fiktion, aber 60 Jahre älter als Selge und vermutlich am 3. März 1942 verstorben: Jura Rjabinkin, ein sechzehnjähriger Junge aus Leningrad, dem heutigen St. Petersburg.
Schicksal eines Leningrader Jungen
Es war die Zeit, in der die deutsche Wehrmacht über Leningrad eine Blockade von 900 Tagen verhängt hatte. Mehr als eine Million Menschen sind ums Leben gekommen. Die meisten sind verhungert. So wie Jura. Es hatte sich später ein Tagebuch gefunden, das Jura von Juni 1941 bis in die ersten acht Tage des Januar 1942 geführt hat. So lange, bis ihn jegliche Daseinskraft verließ. Für Edgar Selge wird diese „Bekanntschaft“ ein wichtiger, zentraler Punkt in seinem Leben – gefühlsmäßig, intellektuell, weltanschaulich. Er findet Zugang zu dem etwa 70-seitigen Tagebuch, aus dem reichlich und mit Gewinn für uns Lesende zitiert wird.
Das Schicksal Juras lässt ihn nicht los. Immer wieder setzt er es in Beziehung zu sich selbst. Daher wird der Leningrader Junge auch zum Titel des neuen Romans: „Juras letzter Winter“. In Selges Unterbewusstsein erscheint Jura oft an seiner Seite. Sie diskutieren die Historie sowie aktuelle reale Vorgänge, die ethischen Gesichtspunkte, die sich auftuenden Widersprüche in beider Existenz, die Not, die Zwänge, Vergangenheit und Gegenwart. Jura fordert ihn heraus. Und Ich-Erzähler Selge durchlebt eine selbstkritische Erkenntniswandlung.
Er beginnt, die eigene Sicht zu hinterfragen. Der russische Krieg gegen die Ukraine trägt dazu bei. War es richtig, dass er einen offenen Brief an den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz unterzeichnet hat? Darin ging es um die Empfehlung an die Politiker, der Ukraine Gebietsabtretungen an Russland zu empfehlen, um den Krieg auf diese Weise zu beenden und Menschenleben zu retten. Du bist kein Politiker, du selbst willst Frieden um jeden Preis, du hast keine Haltung, du hast kein Ziel, du spielst nur, als hättest du eins – wie ein Schauspieler. Das wirft Jura ihm vor. Und der Ich-Erzähler weiß, dass sein Gegenüber Recht hat.
Jura, sein Alter Ego, hilft ihm immer wieder auf die Sprünge. Gegenseitig erzählen sie sich ihre Geschichten. Jura von seinen Zukunftsträumen, die er als Junge hegte, von der Belagerung, dem grenzenlosen Hunger, der ihn zum Dieb der mageren Lebensmittelrationen an Mutter und Schwester werden ließ. Edgar von den Problemen in seinem noch immer nationalsozialistisch geprägten Elternhaus und der Prügel, die er von seinem Vater erhielt. Aber der Autor Selge hält sich auch nicht zurück mit seinem immensen kulturellen Wissen. Er führt uns durch den Nymphenburger Park, durch die Antike, zu Maxim Gorki und James Joyce. Mitunter aber kommt es einem auch vermessen vor, wenn der Ich-Erzähler seine Jugendqualen in den 60er- und 70er-Jahren mit denen Juras 1941 in Beziehung setzt.
Erstmals von Jura gehört hat Edgar Selge am 27. Januar 2014. Im Bundestag hielt der über 90-jährige russische Schriftsteller Daniil Granin die Gedenkrede zum Ende der Belagerung Leningrads vor 70 Jahren. Seitdem lassen ihn das Leben, das Leid und der Tod dieses Jungen nicht mehr los, seine Sehnsucht, seine unerfüllbaren Träume. „Du bist der wichtigste Mensch in meinen Selbstgesprächen“, gesteht der alte Edgar seinem jung gebliebenen zweiten Ich. Er lässt sie alle noch einmal aufmarschieren – den Direktor des Jugendstrafvollzugs, der sein Vater ist; den Schulkameraden Reuss, an dem Selge mit einem Schlag in den Magen seine Gewaltfantasie auslässt. Und seine Mutter mit einer großartigen Wutrede auf ihr lebenslanges Sisyphos-Dasein als Ehefrau und Mutter. Das liest sich leicht. Stilistisch grandios, man lernt von Seite zu Seite dazu.
„Ich sehne mich zurück nach einer Zeit, wo ich noch nicht schrieb, wo ich brav fremde Texte auswendig lernte und den Regieanweisungen von Frauen und Männern folgte, die ihren Beruf zuverlässig ausführten“, bekennt er im Buch. Das aber wollen wir ihm nicht durchgehen lassen, den Schauspieler-Beruf kleinzumachen. Edgar Selge selbst ist ja einer der Großen seines Fachs. Trotz Bescheidenheit und Selbstzweifeln: Das wird er wissen.SABINE DULTZ
Edgar Selge:
„Juras letzter Winter“. Rowohlt, Hamburg, 256 Seiten; 25 Euro.