Plakatmotiv der diesjährigen Ausgabe. © FFF, Pedro Becerra
Wie viele Apokalypsen beim Fantasy Filmfest (FFF) über die Leinwand gingen, ist ungezählt. Ebenso die Horden an Zombies, Geistern & Co. Man weiß hier: Das Ende ist nah. Aber Totgeglaubte leben länger. HD-Heimkino, Streaming, Pandemie: Es gab oft Gründe, das Festival samt gemeinsamem Kinoerlebnis am Abgrund zu glauben. Dennoch feiert es heuer seine 40. Ausgabe. Dabei war das Debüt 1987 in Hamburg als Eintagsfliege gedacht. Aber: „Dann blieb ich hängen“, erzählt Leiter Rainer Stefan. „Mein Traum war immer, ein eigenes Kino zu haben so wie das Münchner Cinema.“
Das FFF ist eine Münchner Geschichte. Hier hat der gebürtige Nürnberger, der das Festival mit Schorsch Müller gründete, schon als Teenager in der Schule einen Filmclub betrieben und Filme etwa in Altenheimen vorgeführt. Bald wurde Rainer Stefan selbst Filmsammler, flog nach London zu Filmbörsen – und pflegte eine Leidenschaft fürs Kino des Fantastischen. „Ich hatte 150 bis 200 Filmkopien, überwiegend Klassiker.“ Dann machte er Bekanntschaft mit den Betreibern des alternativen Alabama Kinos in Hamburg. Da viele seiner Schätze hierzulande unbekannt waren, wurde die Idee geboren: „Wir zeigen die mal im Kino und bauen ein Event drumrum. Das nannten wir Fantasy Filmfest.“
Zudem hatte Enno Patalas, legendärer Leiter des Filmmuseums München, eben seine Restaurierung von F.W. Murnaus „Nosferatu“ fertig. Die lieh Rainer Stefan sich aus, um sie in Hamburg zu zeigen – umrahmt von Punkband-Auftritten und „Texas Chainsaw Massacre 2“. „Die Mischung war schon wild.“ Aufgrund des Erfolgs wiederholte man das Konzept im folgenden Jahr. „Und dann hatt ich die Idee, das 1989 auch in München zu machen.“ Erstes Stammkino war das Cinema, die Mama kümmerte sich um die Ticket-Reservierungen. Und der Fokus rückte vom retrospektiven Programm zur aktuellen Genre-Schau.
In München trieb ein berüchtigter Staatsanwalt sein Unwesen, der im Werkstattkino regelmäßig Horrorfilme beschlagnahmte. Beim FFF war man gewarnt: Man beschriftete die Filmdosen mit falschen Titeln, um den Inhalt vor dem Zugriff zu verstecken. Überhaupt: die Filmdosen – der wahre Horror! Vor allem, als das Festival bis zu 70 Filme in sieben Städten zeigte: „Meine Freunde mussten nachts mit zwei Lkw fahren, teils von München nach Hamburg. Diese Logistik, welcher Film wann in welcher Stadt ausgeladen werden muss – unglaublich, dass das funktioniert hat!“ Viele 35-Millimeter-Rollen musste das Festival zudem kostspielig selbst anfertigen und untertiteln lassen. „Um meine Miete zu zahlen, hab ich an Wochenenden in Clubs gearbeitet.“
Durch Sponsoren und Werbepartner steht das FFF als kommerzielles Festival mittlerweile finanziell auf stabiler Basis. Und als Heimathafen hat sich Berlin etabliert. Dort war der diesjährige Eröffnungsfilm „Leviticus“ im riesigen Zoopalast binnen Stunden ausverkauft. Einer der Filme, die hierzulande erst dank der FFF-Bühne einen Verleih fanden. Der aktuelle Jahrgang bietet wieder eine breit gefasste Definition von Genre, von Anime über Asien-Action bis zur feministischen Black-Metal-Doku und dem unkategorisierbaren Regie-Stammgast Quentin Dupieux.
Nach manch Untergangs-Szenarien ist der Blick nach vorn derzeit optimistisch. Was sich auch in der Kooperation mit Filmhochschulen äußert. In München gibt‘s ein Kurzfilmprogramm der HFF. „40 Jahre Fantasy Filmfest geben einem die Gelassenheit, dass Kino weitergehen wird“, sagt Rainer Stefan. „Inzwischen bin ich sicher: Kino überlebt mich.“THOMAS WILLMANN
Informationen:
9. bis 16.9. City Kino München, 16. bis 23.9. Cinecitta Nürnberg; fantasyfilmfest.com.