Ein Mega-Macho, der seinen einstigen Vertrauten bekämpft: Szene mit Gerrit Illenberger (Oronte, Mi.) und Max Emanuel Cenčić (Floridante). © Clemens Manser
Schreie zerschneiden die Ouvertüre. Eine Frau auf der Flucht, der Schatten des Mannes zeichnet sich an der Tür ab. Später ein Abendmahl, an dem eine weitere Frau keinen Bissen hinunterbringt im Angesicht des Unholds. Und zweimal, wenn es Oronte nach noch Jüngerem gelüstet, nach seinem Mündel, werden die Rundwände um das Schlafzimmer gnädig geschlossen – besser, man sieht alles nicht so genau. Im Bett dort liegt Elmira, die glaubt, sie sei die Tochter des Wüstlings. Doch bald stellt sich heraus: Sie ist „nur“ adoptiert – der Grund dafür spielt sich im nun verriegelten Zimmer ab.
Verlegung ins georgianische England
Dunkler war Georg Friedrich Händel wohl nie. Jedenfalls in dieser Lesart von Bayreuth Baroque. Im siebten Festivaljahr kommt es im Markgräflichen Opernhaus zum Tiefpunkt, und damit ist das Bühnengeschehen gemeint. „Floridante“, 1721 in London uraufgeführt, hat kaum einer auf dem Radar. Einen gibt es immerhin, der den Dreiakter dem Vergessen entreißt. Max Emanuel Cenčić, Festivalchef, Regisseur, Countertenor und Interpret der Titelrolle, liest aus dem Stück Haarsträubendes heraus. Eine Geschichte, die Mozarts „Figaro“, wo der Graf aufs „Recht der ersten Nacht“ bei Dienerin Susanna pocht, drei, vier Umdrehungen weitertreibt.
Eigentlich spielt „Floridante“ in Persien, der Titelheld ist Heerführer des gewalttätigen Oronte. Warum der erfolgreiche Kämpfer von seinem Chef abserviert wird, erschließt sich bei der Lektüre des Originaltextes nur bedingt. Hier erfahren wir: Oronte braucht freie Bahn für Sex. Cenčić verlegt alles ins das georgianische Zeitalter. In eine Phase auf den Britischen Inseln, um 1800 herum, in der Männer auf ihre unumschränkte Macht pochen. Gleichzeitig liegt etwas in der Luft. Der König sieht sich einem erstarkenden Parlament gegenüber, überall bröckeln die Strukturen. Doch auch wenn die Ausstattung des vor einem Jahr gestorbenen Helmut Stürmer Architektur und Kleidung dieser Epoche zitiert: Die schockierende Geschichte könnte jederzeit und überall spielen. Was der Bayreuther Aufführung damit gelingt: Sie befreit sich von Exotismen (die letztlich nur Dekor sind) und konzentriert sich auf die Tragödien der Figuren. Und wo Händel samt Textdichter Paolo Antonio Rolli im Stil der damaligen Opernzeit ein glückliches Ende herbeizwingt mit allgemeinem Verzeihen, schraubt Cenčić am Stück. Der Mega-Macho Oronte wird getötet, das Nachfolgepaar Floridante und seine gerettete Elmira wirken wie das Ergebnis einer Revolution in diesem unehrenwerten Haus.
Cenčić rollt alles mit souveränem Handwerk auf. Und er weiß, wann er seine Kolleginnen und Kollegen für ihre Arien-Arbeit in Ruhe lassen muss. Stattdessen erfindet er kleine Zusatzszenen, mit denen das abgründige Leben an diesem Hof skizziert wird. Nie ist das nur Figurenbeschäftigung, alles ist aus dem dramatischen Augenblick motiviert. Das Timing der fast vierstündigen Aufführung (zwei Pausen inklusive) stimmt. Die Kulissenelemente können schnell neu formiert werden. Ein multipler Innen-Außenraum, der Ein- und Durchsichten eröffnet.
Dass Händel für „Floridante“ keine Überwältigungspartitur, keine Hitparade schrieb, fällt gar nicht auf. Es ist eine Musik der Innenschau, der feinen Seelenschwingungen, die einmal, in der „Wahnsinnsarie“ Elmiras, entsprechende Szenen der Belcanto-Ära vorausahnt. Das Wroclaw Baroque Orchestra, ist dafür die passende Wahl. Unter Dirigent Markellos Chryssicos hört man einen hohen Grundpuls, aber keine harschen, widerborstigen Gesten. Ein gerundeter Furor, eine fein abgeschmeckte Vehemenz, ein extrem flexibles Klangbild, das keine Neonfarben braucht.
Dazu passt, auch das glückt Cenčić, die Vokalbesetzung. Er selbst ist ja mit weichem, wie in Samt gepacktem Countertenor unterwegs. Immens klug gesungen ist sein Floridante, mit Noblesse auch in virtuosen Momenten. Sonja Runje als schicksalsgebeutelte Elmira ist eine Klangverwandte. Etwas konzentrierter, kanalisierter ist ihr Mezzo, doch auch sie bleibt – selbst in dramatischen Momenten – eine Dosierungskünstlerin. Gerrit Illenberger ist als jugendlicher Oronte-Brutalo der passende Typ, sein Bariton bewegt sich hauptsächlich im Grauwertbereich.
Erfolgsfestival im siebten Sommer
Wie in jedem Thriller, das wussten Theatergenies von Händel bis Shakespeares braucht es Humor-Inseln zur Erholung. Die gibt es hier mit Rossane, der leiblichen Tochter Orontes, Eva Zalenga tönt anfangs soubrettig, gewinnt dann an Gewicht und Energie. Mit Bruno de Sà vereinigt sie sich einmal zum allerfeinsten Sopranduett: Als Rossanes Lover geht dieser Sänger nicht ganz durch; dafür ist er einer, der in der vokalen Stratosphäre noch Kapriolen riskiert – wie immer ein Sympathieträger. Auch im siebten Sommer bleibt sich Bayreuth Baroque also treu. Längst hat Max Emanuel Cenčić mit seinem Programm Cecilia Bartoli von den Salzburger Pfingstfestspielen abgehängt. Und führt vor, dies unter anderem an die Adresse der Innsbrucker Konkurrenz: Nicht alles, was im Archiv verstaubt, muss ein Operntrüffel sein. Und wenn man einen erschnüffelt, dann bitte so intelligent servieren wie „Floridante“.MARKUS THIEL
Weitere Vorstellungen
am 6., 8., 10., 12. und 13. September; bayreuthbaroque.de.