Mann mit Charakter

von Redaktion

Zum Tod des großen, wandlungsfähigen Schauspielers Michael Mendl

Seine mutmaßlich faszinierendste Leistung: als Bundeskanzler Willy Brandt in „Im Schatten der Macht“. © Arte/obs

Mit Carolin Fink, seiner Ex-Freundin. © Schneider-Press

Als Johannes Paul II. mit Mario Adorf als Gärtner Peppino im Dokudrama „Karol Wojtyla“. © Attilio Cristini/ZDF

Als Kapitän Johannsen in „Die Gustloff“. © Conny Klein/ZDF

Ein Könner auf der Bühne und vor der Kamera – zuverlässig, neidfrei, unaufgeregt. Michael Mendl starb im Alter von 82 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankungen. © Falke/T&T

Michael Mendl geht schon auf die 50 zu, als er ungeplant zu einem der bekanntesten Fernseh- und Kinodarsteller des Landes avanciert. Anfangs ist die Arbeit vor der Kamera für das Bühnentier eher eine Notlösung. Nach fast einem Vierteljahrhundert an den großen Bühnen des Landes steht er 1993 zum ersten Mal in seinem Leben ohne Engagement da – er ist ein Opfer des Intendantenwechsels am Münchner Residenztheater, wo er seit 1988 Kritik und Publikum begeistert hat. Ausgerechnet dieser Tiefpunkt im Leben des Theaterschauspielers ist die „Geburtsstunde“ des Mannes, der fortan in fast 200 Fernseh- und Kinoproduktionen auftreten wird. Nicht immer Hauptrollen, aber oft prägnante Auftritte, die im Gedächtnis bleiben.

Charakterschauspieler wird das oft genannt, und Mendl findet den Begriff gar nicht so schlecht. Er kommt in der Welt der Kameras schnell zurecht, weil er ein Könner ist, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Schon als Kind will Mendl ans Theater, als Teenager ist er Statist, er studiert an der Schauspielhochschule Essen und tritt danach ununterbrochen auf. Der hochgewachsene Mann mit den markanten Gesichtszügen und der angenehmen Stimme ist von Anfang an auf ambivalente bis sinistre Rollen gebucht. Als jugendlicher Liebhaber oder strahlender Held taugt er nicht, und das ist sein Glück, als er beim Film landet.

Man braucht zuverlässige Facharbeiter, die wissen, was sie tun, und sich nicht in den Vordergrund drängen, wenn es die Szene nicht erfordert. Auch wenn für Mendl sein Beruf eine Berufung ist, versteht er sich auch als Dienstleister, der darauf angewiesen ist, gebucht zu werden. Als freischaffender Künstler hat er kein Problem damit, auch in Gebrauchsware wie „Siska“, „Der Bergdoktor“ oder „Die Rosenheim-Cops“ aufzutreten. Die Sicherheit dieser Aufträge ermöglicht es ihm, in kleinen, unabhängigen Filmen wie „Weiser“ (2001) oder „Stille“ (2020) mitzuwirken. Gleichzeitig gelingt es Mendl auf Anhieb, Produktionen seinen Stempel aufzudrücken. In einem seiner ersten Erfolge, „14 Tage lebenslänglich“ (1996), spielt er zwar nominell nicht die Hauptrolle, aber es ist sein Film. Das gelingt ihm immer wieder, aber nicht auf Kosten seiner Kollegen. Er mag keine „Ellbogentypen“, und mit Neid kann er nichts anfangen. Daher landet er auch in prägnanten Rollen in Edelproduktionen wie „Schlafes Bruder“, „Der Stellvertreter“ oder „Der Untergang“ und auch in internationalen Erfolgen wie „Der Vorleser“ oder „A Cure for Wellness“.

Seine mutmaßlich faszinierendste Leistung vollbringt er 2003 in „Im Schatten der Macht“. Als Bundeskanzler Willy Brandt in den letzten Tagen seiner Regierungszeit verschmilzt Mendl mit der Figur, ohne sich selbst zu verleugnen. Dazwischen wird dann wieder eine „Inga Lindström“-Episode für das Fernsehen gedreht oder ein Hörspiel fürs Radio eingesprochen. Das ist der Job. Mendl ist in der Hinsicht mit sich im Reinen und auch sonst sehr unaufgeregt, etwa, wenn er auf der Straße erkannt wird. Wer für die Öffentlichkeit arbeitet, muss die Öffentlichkeit eben aushalten, so sieht das Mendl, der die Zuneigung von Zuschauern durchaus auch als eine Art Applaus empfindet, wie er das ausdrückt. Warum sich seit dem Aufkommen des Smartphones viele mit ihm fotografieren lassen wollen, versteht er zwar nicht („Stecken die sich das Foto hinter den Spiegel?“), lässt sich aber ablichten, wenn das die Fans unbedingt wollen.

Einmal erzählt er, dass er beim Rausbringen des Mülls in einem alten, abgewetzten Blaumann von einem zufällig vorbeikommenden Paar erkannt wird. Beide sind aber nicht sicher, wie sie das Gesicht zuordnen sollen. Mendl antwortet, vermutlich kenne man sich aus dem Wohnzimmer. Daraufhin ist das Paar überzeugt, den Handwerker getroffen zu haben, der kürzlich die Wohnung gestrichen hatte. Mendl findet das komisch. Und ist auch sonst darauf bedacht, so normal zu sein, wie es eben geht in dem Geschäft. Zweimal war er verheiratet, nach der ersten Scheidung zog er den gemeinsamen Sohn allein groß. Von 1989 bis 2009 war er mit Schauspielerin Carolin Fink liiert, beide haben zwei Kinder.

Zu Mendls Wesen gehört auch der unaufgeregte Umgang mit seinen Krebserkrankungen in den vergangenen Jahren. Er sei nicht krank, er habe eine Krankheit, das sei ein Unterschied, erklärt der spirituell interessierte Mann geduldig und erwartet wohl nicht, dass jeder versteht, was er damit meint. Nun ist er im Alter von 82 Jahren gestorben – ein Großer, einer, der buchstäblich alles spielen konnte, ist gegangen.ZORAN GOJIC

Artikel 9 von 11