Drahtseilakt vor der Kamera

von Redaktion

Alle reden nur noch von „Zäsur“: So lief der Wahlabend bei den Fernsehsendern

Fast schon (zu) gemütlich trotz geballter Expertise und Prominenz der Gäste: die ZDF-Talkshow mit (li.) Kerstin Münstermann, Beatrix von Storch, Maybrit Illner, Thorsten Frei, Ines Schwerdtner und Olaf Sundermeyer. © Jule Roehr

„Zäsur“ war zweifellos das Wort des Abends, der an diesem Wahlsonntag schon vor 17 Uhr begonnen hatte. Der Sender n-tv erinnerte mit dem Interview eines damaligen Augenzeugen an das Attentat auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt vor zwei Jahren. Moderator Christoph Hoffmann hegte den Mann gut ein, der über die „gefühlten Ängste“ und die teuren Spritpreise klagte und meinte: „Das Leistungsprinzip vom Fußball gilt auch in der Politik“.

Eine kurze Reportage rief den Bürgern im Rest der Republik in Erinnerung, welche düstere Ausgangslage diesen Wahlkampf überschattete. Von aussterbenden Dörfern und abgerissenen Wohnblöcken war die Rede, vom Ende der Chemie-Industrie und des Braunkohle-Abbaus. Aber auch von unentwegten jungen Menschen im Bemühen um eine Zukunft, etwa von Martin Naundorf, dem Kurator eines Kulturfestivals in der Region. Anschließend sah man Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsidenten Sven Schulze und dessen Herausforderer Ulrich Siegmund von der AfD bei der Stimmabgabe. Der Politikberater Johannes Hillje sprach von den ersten Schritten, mit denen die AfD das Bundesland schnell und effizient illiberal umbauen könnte – und dann ging’s mit der ersten Prognose so richtig los.

„Wenn die CDU unter 20 Prozent liegen wird, kann man für nichts mehr garantieren“, unkte Hillje noch. Shakuntala Banerjee im ZDF-Studio zählt nun die Sekunden herunter. Die CDU liegt bei 18,5 Prozent. Die AfD bei 44 Prozent. Aber weiterhin passiert erst einmal nicht viel. Es ist, als ob sich eine Schockstarre über Politik wie TV gelegt hat, die alles in einer sich auf sämtlichen Kanälen reproduzierenden Zeitschleife ablaufen lässt. Allein MDR-Journalist Gunnar Breske stellt den Vertretern aller Parteien konsequent ungemütliche Fragen.

Egal ob auf RTL, Phoenix, bei der ARD oder im ZDF bei Christian Sievers und Kollegin Banerjee – alle sprechen von der Zäsur, für Sachsen-Anhalt, für die CDU, für das politische Berlin und für Deutschland. Sievers zeigt sich angesichts der Umfragen entsetzt über die angebliche Wirtschaftskompetenz, die ihre Wähler der AfD zugeschrieben haben. „Das hat es so noch nie gegeben“, staunt er erschüttert. Währenddessen singt man auf der Wahlparty der AfD „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Und SPD-Mann Armin Willingmann, dem man die Erleichterung deutlich anmerkt, nicht unter die Fünf-Prozent-Hürde geraten zu sein, erwähnt fast verschämt, dass die Politik in Berlin seinen Wahlkampf oft „wie ein Mühlstein belastet“ hat.

RTL-Politikreporterin Nadine to Roxel erklärt gut vereinfacht, was nun im Landtag von Sachsen-Anhalt zu erwarten sei. Eine Grafik wäre dabei allerdings hilfreich gewesen. Mit derlei Elementen geizt man in der ARD dagegen kein bisschen. Doch sogar „Tagesthemen“-Mann Jörg Schönenborn, seit Jahren Meister aller Hochrechnungen, Übersichtskarten und Tabellen, kann nicht erklären, was da gerade passiert. Eine Zäsur halt.

Was anschließend kommen könnte, schimmert bei den Interviews mit AfD-Politikern immer wieder durch. Etwa wenn Ulrich Siegmund im ZDF Marietta Slomka verkündet, bei Nicht-Gefallen des Wahlergebnisses auf Neuwahlen zu setzen, „anschließend haben wir 50 oder 55 Prozent“.

Die den Abend abrundenden Talkshows bei Caren Miosga in der ARD und bei Maybrit Illner im ZDF kommen trotz geballter Expertise der Gäste fast schon gemütlich daher – im Vergleich zum von Pinar Atalay und Nikolaus Blome betreuten RTL-Schlagabtausch des CDU-Europa-Abgeordneten Dennis Radtke und Schriftstellerin Anne Rabe mit AfD-Sprachrohr Beatrix von Storch. Schließlich kann man in Unkenntnis einer finalen Hochrechnung nur schwammig über den „haushohen Sieg“, den Wert der „Brandmauer“ und mal wieder die „Zäsur“ mutmaßen.

Der bei Miosga zugeschaltete Tino Chrupalla (AfD) gibt sich auf einmal konziliant und räsoniert über die Kompromisse, die in der Politik nun eben nötig seien. Beatrix von Storch bei Illner betont ebenfalls die „ausgestreckte Hand“, die bereits Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenmann Ulrich Siegmund in jedem Interview erwähnt. Um allerdings im nächsten Moment sofort Schrecken zu verbreiten: „Es müssen sich alle Sorgen machen, die mit Steuergeldern finanziert werden und irgendwelche nicht-produktiven Dinge tun, die alle nur links, woke, grün und sonst was sind“, sagt von Storch über den deutschen Kulturbetrieb.

Wie um seine CDU zusätzlich mit Fleiß zu demontieren, tönt der vielfache Ex-Bundesminister Thomas de Maizière dann bei Miosga auf die Frage, ob man die CDU noch als eine Volkspartei bezeichnen könne, „Volkspartei ist ein innerer Anspruch und nicht das Ergebnis von Wahlen.“ Man ahnt, dass unter anderem genau dieses Denken die AfD überhaupt erst zu dem gemacht hat, was sie inzwischen ist.ULRIKE FRICK

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