Regisseur Cédric Kahn hat mit „15/18“ über Jugendliche in der Psychiatrie große Siegchancen. © Fabio Frustaci/EPA
Letzte Reise eines Todkranken: John Malkovich und Sam Rockwell in der traurigen Komödie „Wild Horse Nine“ von Martin McDonagh. © Diego Araya Corvalán/Searchlight Pictures
Halbzeit bei den Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Was neben vielem anderen in Erinnerung bleibt, ist die Frage nach dem Verhältnis von Käsekultur und Homosexualität. Wenn man Chris (John Malkovich) in Martin McDonaghs „Wild Horse Nine“ glaubt, besteht da ein unmittelbarer Zusammenhang: je mehr guter Käse, desto schwuler sei ein Land. Holland! Und die Schweiz erst! Ne, ist klar, der alte CIA-Hase erzählt neben heftigen Wahrheiten eben auch viel Quatsch.
McDonagh siedelt seinen Film 1973 an, kurz vor dem Militärputsch in Chile. Chris reist mit seinen Kollegen und Freund (Sam Rockwell) auf die Osterinsel – eine letzte Reise, er ist todkrank. Einmal mehr zeigt sich der irische Regisseur und Dramatiker als König der traurigen Komödie: Schenkelklopfer-Dialoge und zarte Endlichkeitsmelancholie vor historischem Hintergrund.
Es ist ein Highlight im Wettbewerb dieser 83. Festspiele, die bisher trotz propalästinensisch-aktivistischer Vorboten ruhig verlaufen sind. Gerade die ersten Festivaltage in diesem Wettbewerb (fast) ohne Regisseurinnen standen im Zeichen von Karriere-müden und -geilen Typen. Danny Boyles Eröffnungsfilm „Ink“ erzählt in dem für den Regisseur typischen Popmontage-Modus davon, wie der ruchlose Chefredakteur Larry Lamp das britische Boulevardblatt „The Sun“ zur meistverkauften Zeitung der Welt machte.
Um zweifelhafte, ebenfalls reale Medien geht es auch in Lance Oppenheims Spielfilmdebüt „Primetime“. Mit einem karrieristisch-schmierigen Robert Pattinson als Investigativ-Journalist Chris Hansen blickt der Film auf die Entstehung der Realityserie „To Catch a Predator“. Hansen und sein Team ködern pädophile Männer und überführen sie vor laufenden Kameras. Oppenheims Film fasziniert mit seiner retro-charmanten und Medien-reflexiven Machart, doch zugleich wirkt der flirrende Trip in vielerlei Hinsicht zu überladen. Ein Übergriff auf Schutzlose spielt in Paul Schraders „The Basic of Philosophy“ ebenfalls eine zentrale Rolle, als ein Philosophieprofessor von seiner (auch dunklen) Vergangenheit eingeholt wird. So weit, so typisch für Schrader, nur ist das von Martin Scorsese produzierte Drama altbacken inszeniert und bekommt bei seinem kontroversen Versuch, von unterdrückter Homosexualität und sexuell übergriffigem Verhalten gegen einen Minderjährigen zu erzählen, problematische Schlagseite.
Wo Schrader die Nähe zu seinem Sujet zu fehlen scheint, überzeugt Cédric Kahns Drama „15/18 (A Place to Heal)“ mit großer Authentizität. Der Film schaut mit beinahe dokumentarischem Blick in eine psychiatrische Abteilung für Jugendliche. Mit großer Ambivalenz erzählt er von den jungen Patienten, ihren Krankheitsbildern und von dem von Ärzten, Psychologen und Pflegern getragenen System. Eine Überraschung.
Wenn das Ensemble von „15/18 (A Place to Heal)“ am Ende einen Preis gewinnt, würde das ebenso wenig verwundern, wie ein Darstellerinnenpreis für die Geschwister Kate und Rooney Mara. Die beiden spielen in Werner Herzogs schrägem Unikum „Bucking Fastard“ Zwillingsschwestern, die in enger Symbiose leben. Buchstäblich: Die beiden sprechen synchron, verlieben sich in denselben Mann oder staubsaugen mit vier Händen die Wohnung. Der Film, den Herzog dem verstorbenen David Lynch gewidmet hat, stellt in seinem absurden Modus Fragen zu Individualität, gesellschaftlichen Normen und Obsession.
Den Preis für den lautesten Film bekommen Steven Knight, Will Lovelace und Dylan Southern für ihre außer Konkurrenz laufende Dokumentation „Oasis: Don‘t look back in Anger“ über die Reunion-Tour der Brüder Liam und Noel Gallagher. Klar strotzt alles vor Rockpathos und mythenbildendem, sakralem Geplänkel. Aber er hat seine Momente und erzählt von Versöhnung in bescheidenen Zeiten. Wenn die wiedervereinten und wiedererstarkten Brüder bald bewaffnet mit Gitarre und Tamburin mit den „Avengers“ die Welt retten, wäre das nur folgerichtig.JENS BALKENBORG