Blick ins norddeutsche Dorfleben

von Redaktion

Dörte Hansens einfühlsamer Roman „Broder“ über einen traurigen Bauernsohn

Eine großartige Beobachtungsgabe beweist Bestseller-Autorin Dörte Hansen auch mit diesem Buch. „Broder“ stellt sie am 23. November, 19 Uhr, im Münchner Museum Fünf Kontinente vor. Tickets unter eventim.de. © Soeren Stache/dpa

Die Natur ist alles. Tiere, Pflanzen und ja, auch wir Menschen unterliegen ihren Regeln. Ganz besonders auf dem Land. Mit Romantik hat das bei aller Schönheit wenig zu tun, mehr mit harten Realitäten wie Klimawandel, Landflucht und sinkenden Milchpreisen. Auch in ihrem neuen Roman „Broder“ – der Bruder – nimmt uns Bestseller-Autorin Dörte Hansen wieder mit nach Norddeutschland.

Hier bewirtschaftet die Familie Bahnsen seit Generationen erfolgreich ihren Hof. „Ertrag kommt von Ertragen“ ist der Leitspruch von Austragsbauer Paul – und der gilt für Mensch und Kuh. Der aktuelle Hofherr ist Sohn Henning, nur Minuten vor seinem Zwillingsbruder Broder geboren und deshalb Erbe des Anwesens. Broder ging leer aus, ist der Bauer Ohneland. Er flüchtet auf einen Aussteigerhof nach Südfrankreich, heiratet eine Malerin, wird Tierarzt. Und kehrt irgendwann doch zurück. In den Norden. In die gekachelte Familienküche mit dem alten Wachstischtuch und den Fliegenfängern an der Decke. Zurück zu seiner Herde. Diese ist neben der Natur, dem Dorf, den Brüdern und einer Reiherkolonie eines der Leitmotive des Romans.

Wer in eine Herde geboren wird, mit dem Brüllen großer Tiere aufwächst, wird die Sehnsucht danach nie wieder los. Auch das Dorf ist eine solche Gemeinschaft, aber nicht jeder ist für das Leben darin geschaffen. Hennings Frau Ellen besitzt den Dorfverstand, befolgt brav die ungeschriebenen Gesetze der Landfrauen. Auch der traurige Titelheld Broder weiß, was sich gehört, und betreut unentgeltlich die Tiere seines Bruders, drückt bei ruinierten Bauern, die ihn immer erst rufen, wenn es fast zu spät ist, ein Auge zu und spielt samstags mit den alten Freunden Fußball. Extra flott kastriert er 72 Ferkel bei Landwirt Braak und seiner Frau. Deren Küche ist mit niedlichen Schweinchen dekoriert und an der Stalltür steht: „Mein Lieblingstier heißt Schnitzel.“ Volles Honorar! Und wenn er mit seinem alten Jagdhund in seinem alten Geländewagen über Land fährt, denkt er in inneren Monologen nach. Über sich und sein Leben als ewiger Zweiter. Über seinen Zwilling, dem er gerade tatenlos beim Straucheln zusieht. Ihre ewige Liebe, ihre ewige Konkurrenz. Über Landwirtschaft am Limit. Und über die neue Generation, die sich wie seine Tochter für mehr Tierwohl und Umweltschutz starkmacht.

Dörte Hansens Roman liest sich wie eine Mischung aus perfekt recherchierter Landwirtschafts-Doku und emotionalem Fernsehfilm. Mit ihrer großartigen Beobachtungsgabe und ihrer knappen, rhythmischen Sprache trifft sie immer den Kern, das Wesen der Dinge. Ihr gelingen wie immer einfühlsame Porträts und wunderbare Landschaftsbilder – im Wandel des Lebens und der Jahreszeiten. Und die wohl trostloseste Seelenschau eines alten Schulpferdes und seiner jungen Reiterinnen, die je geschrieben wurde.STEFANIE LEHMBERG

Dörte Hansen:

„Broder“. Penguin, München, 224 Seiten; 26 Euro.

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