An der Orgel in der Michaelskirche wurde das Semifinale ausgetragen. © Marcus Schlaf
Viele wissen gar nicht, was mit der Orgel alles möglich ist“: Julian Emanuel Becker aus Hannover hat sich in die Endrunde gespielt. Das Finale ist heute im Herkulessaal. © Daniel Delang
Langsam wird es ernst beim 75. ARD-Musikwettbewerb, der weltweit größten Veranstaltung ihrer Art. Oder wie Sir Simon Rattle sagen würde: bei den „Olympischen Spiele der klassischen Musik“. Denn die erste große Entscheidung steht heute Abend im Münchner Herkulessaal an, wo die drei Finalisten im Fach Orgel untereinander ausmachen, wer von ihnen ganz oben auf dem Siegertreppchen stehen wird.
Mit dabei ist auch der 21-jährige Julian Emanuel Becker, der unter anderem beim Leipziger Bach-Wettbewerb für Aufsehen sorgte und beim Gespräch vor der Generalprobe einen überraschend entspannten Eindruck macht. „Ich habe schon einige Erfahrungen mit Wettbewerben, darauf kann ich mich ein bisschen stützen. Außerdem habe mich intensiv vorbereitet und – wie ich glaube – auch eine ganz schöne Registrierung für die Orgel im Herkulessaal gefunden. Den Rest muss man jetzt einfach sehen.“
Eine familiäre und entspannte Stimmung
Obwohl der gebürtige Hannoveraner ebenfalls Parallelen zum olympischen Gedanken zieht („Dabei sein ist alles“), steigt vor dem großen Finale auch bei ihm das Adrenalin. „Ich würde mal behaupten, jeder ist hier, um zu gewinnen. Und klar versuche ich das auch. Jetzt, wo ich so weit gekommen bin. Aber man kann es nicht immer beeinflussen.“
Und so bleibt die Stimmung unter den Kandidaten auch auf der Zielgeraden freundschaftlich familiär. So, wie man es in den Vorrunden erleben konnte, wo viele der Ausgeschiedenen ihre „Konkurrenz“ lautstark aus dem Publikum heraus anfeuerten. Da ist sogar jetzt – bei einer zufälligen Begegnung auf dem Gang – noch kurz Zeit für ein kleines professionelles Fachsimpeln, bei dem sich Becker mit dem britischen Finalisten William Fielding über die Akustik des Herkulessaals austauscht. Denn wie die meisten anderen Teilnehmenden kennen und schätzen sich auch diese beiden von gemeinsamen Meisterkursen oder früheren Wettbewerben.
„Die Orgelszene ist so klein“, sagt Becker. „Und wir alle wollen die Orgelmusik weiterbringen. Alle, die hier mit dabei waren, werden später meine Kollegen sein. Und mit einigen bin ich schon lange befreundet. Da will ich es mir doch jetzt mit niemand verscherzen. Das würde ich mir nie verzeihen.“
Trotz reichlich Wettbewerbserfahrung ist sich Julian Emanuel Becker sehr wohl der herausgehobenen Bedeutung der Münchner Großveranstaltung bewusst. Nicht zuletzt, weil der Fokus hier nur alle paar Jahre auf seinem Instrument liegt und im Zuge der Sparvorgaben sogar über eine komplette Streichung der Orgel aus dem Wettbewerbs-Kanon diskutiert wurde. Ein Damoklesschwert, das dank großzügiger Sponsoren glücklicherweise abgewendet werden konnte.
„Ich hatte schon befürchtet, dass die Orgel gar nicht mehr kommen würde. Und als es dann doch wieder ausgeschrieben wurde, wollte ich unbedingt mitmachen. Weil es mir ein Anliegen ist, die Orgel einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Damit wir das Publikum, das zu Geige oder Klavier in den Konzertsaal geht, vielleicht auch mal wieder in die Kirchen kriegen.“ Insgesamt gebe es deutlich weniger gute Organisten als gute Pianisten. „Viele wissen gar nicht, was mit der Orgel alles möglich ist.“
Ein selbstbewusstes Statement, dem Becker in den vergangen zwei Wochen immer wieder auch Taten folgen ließ. Während andere Orgel-Wettbewerbe oft auf Sakralmusik fokussiert sind, wird in München ein breites Repertoire verlangt. Vom Barock bis zur Moderne, aber vor allem auch in unterschiedlichen Konstellationen und Räumen. Vor dem Finale im Herkulessaal mussten sich alle unter anderem auf Orgeln der Musikhochschule sowie am Prachtinstrument in der Michaelskirche beweisen.
„Das ist für uns Organisten auch unser täglich Brot: dass man sich schnell an neue Räume gewöhnen muss, um das Beste herauszuholen“, erzählt Becker. „Aber das finde ich eben eine dankbare Aufgabe beim ARD-Wettbewerb: dass man unterschiedliche Orgeln auswählt, bei denen man eben nicht nur zeigen muss, dass man gut spielt, sondern auch, dass man die Instrumente gut registrieren und sich auf die Räume einstellen kann.“
Dies gilt ebenfalls fürs Finale, wo für ihn heute Abend das g-Moll-Konzert von Francis Poulenc auf dem Plan steht. „Es ist einfach toll, jetzt die Möglichkeit zu haben, mit dem BR-Symphonieorchester zu spielen und dem Wettbewerb so einen würdigen Abschluss zu geben. Immerhin ist es eines der besten der Welt. Das kann und muss man einfach ein Stück weit genießen.“TOBIAS HELL