NEUERSCHEINUNG

Blitzlichter eines kurzen Lebens

von Redaktion

Laura Stadtegger zeichnet die Biografie Ödön von Horváths nach

1919 schrieb er sich an der Münchner LMU ein.

„Murnau, mein fester Wohnort?“ Ödön von Horváth fühlt sich jedenfalls wohl am Staffelsee, wie es diese Zeichnung nahelegt. © Laura Stadtegger/Allitera Verlag

Mit vollem Schwung ein Sprung heraus aus der Doppelseite: „Ich, Ödön, bin zum Schriftsteller geboren“, ruft der wagemutige Schlittschuhläufer auf dem Kleinhesseloher See. Wer will da widersprechen? Mit beiden Händen hält sich der Bub zwar an den Spezln fest. Doch die hat Laura Stadtegger kleiner gezeichnet und zudem kaum als echte Charaktere ausgearbeitet. Im Zentrum: der junge Ödön von Horváth. Lachend, selbstbewusst.

Am 9. Dezember jährt sich heuer die Geburt des Autors und Dramatikers zum 125. Mal. Bereits jetzt ist seine Biografie als Graphic Novel erschienen. Deren große Stärken: Stadtegger, Illustratorin aus Graz, zeichnet mit expressivem Strich in Schwarz-Weiß, aquarelliert die Hintergründe oft mit breitem Tusche-Pinsel und verzichtet auf zu viele Details. Dadurch wirken ihre oft ganzseitigen Panels skizzenhaft, wie rasch hingeworfene Momentaufnahmen – und erinnern damit an den Charakter von Horváths Stücken wie „Kasimir und Karoline“ (1932) oder „Glaube Liebe Hoffnung“ (1933). Die Künstlerin erleuchtet wie mit dem Blitzlicht ein viel zu kurzes Leben. Denn tatsächlich stirbt Horváth mit nur 36 Jahren in Paris. Am 1. Juni 1938 tobt ein Gewitter über Frankreichs Hauptstadt. Auf den Champs-Élysées wirft der Sturm eine Kastanie um, die den jungen Mann erschlägt.

Das Unglück ist der Prolog dieses Buchs. Danach springt die Handlung rund 24 Jahre zurück in die Martiusstraße in Schwabing, wo Horváth aufwächst. In München besucht er das Neue Realgymnasium und ist auf dem Weg, „zu meiner Sprache zu kommen“. Tatsächlich hat Dieter Kirsch viele O-Töne zusammengetragen. Auch das ist eine Stärke dieser gezeichneten Biografie, ebenso das gewissenhaft geführte Quellenverzeichnis. Allerdings holpert das Szenario mitunter dramaturgisch etwas und setzt stellenweise (zu) viel Wissen voraus. Auch gerät das Verhältnis von Bild und Text manchmal in Schieflage, zuungusten der Zeichnungen.

Das ist bedauerlich, aber nachvollziehbar: So knapp bemessen Horváths Lebenszeit war, so viel gibt es zu berichten. Stadtegger/Kirsch unterteilen die Geschichte in sieben Kapitel; Tod beziehungsweise Bestattung bilden Pro- und Epilog. Besonders gelungen ist den beiden die Murnauer Zeit: Der Ort, der See, die Berge begeistern den Autor. Das Wirtshaus wird sein „liebster Arbeitsplatz“.

Doch „mein Refugium, mein Podium“ bekommt Risse, als die Nazis auftauchen. „Ja, selbst in unserem Murnau brodelt es“, stellt Horváth bei einem Hellen fest: „Die konservativen, katholischen, königstreuen Murnauer. In mehr als sechzig Vereinen verbändelt. Der Nationalsozialismus hat sie fast schon verbröselt. Wie ein Parasit, der schließlich seinen Wirt tötet.“

1933 verlässt der Schriftsteller Deutschland in Richtung Österreich. Als er in Henndorf bei Carl Zuckmayer aufschlägt, jubelt der Kollege: „Wieder einer, der hilft, dass wir hier nicht verbauern.“MICHAEL SCHLEICHER

Laura Stadtegger/Dieter Kirsch:

„Ödön von Horváth“. Allitera, 248 Seiten; 25 Euro.

Artikel 3 von 7