Orgel-Finale beim ARD-Wettbewerb

von Redaktion

Nach 15 Jahren Pause war die Orgel beim 75. ARD-Musikwettbewerb wieder Wettbewerbsfach – und das Interesse groß. Schon in der Vorrunde wurde es im Publikum in der Musikhochschule eng, beide Halbfinalabende in St. Michael waren nahezu ausverkauft. Nur zum Finale am Mittwoch bleiben im Herkulessaal einige Plätze frei. Die Finalisten Julian Emanuel Becker, William Fielding und Alexis Grizard spielen dort dasselbe Werk: Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauken mit dem Symphonieorchester des BR unter Bar Avni, dazu je ein Solostück.

Der 2005 geborene Becker, er wird Dritter, setzt bei Poulenc auf Archaisches. Das Anfangsfortissimo fährt beinahe wie ein Bach-Plenum in den Saal, schroff und dissonanzscharf stürzt sich Becker ins Konzert. Manches ist zu groß registriert: Die Orgel liegt über dem Orchester, statt sich mit ihm auszutarieren. Auch beim Verbeugen auf der Bühne wirkt Becker noch etwas suchend. Umso erstaunlicher, was bei diesem 21-Jährigen schon da ist. In Wagners „Meistersinger“-Ouvertüre legt er die Polyphonie klug frei und türmt am Ende ein mächtiges Tutti auf. Nur der Grundpuls ist bisweilen etwas arg unruhig.

Fielding gibt Poulenc mehr Zug. Seine Farben sind moderner, reizvoller, die Ecken bleiben, doch alles wirkt selbstverständlicher. Ravels „Le Tombeau de Couperin“ lebt ebenfalls von diesem Farbsinn: Die Forlane flirrt fast wie ein Elfentanz, der Rigaudon schwingt souverän. Der erste Preis ist folgerichtig. Der zweitplatzierte Grizard, als Einziger auswendig spielend, nimmt Poulenc am innigsten. Das Zusammenspiel mit dem Orchester ist bei ihm am geschlossensten, vieles klingt liebevoll und warmherzig. Liszts symphonische Dichtung „Les Préludes“ – eigentlich für großes Orchester – bleibt blasser. Und doch ist alles so hinreißend ausgeformt, dass der Publikumspreis verdient ist. Eigentlich bleibt nur eine Frage offen: Warum musste das Wettbewerbsfach Orgel 15 Jahre warten?WILLI PATZELT

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