Ein Rap-Star spielt Verstecken

von Redaktion

Der Künstler A$AP Rocky ist in der Olympiahalle nicht zu fassen

Mit Hubschrauber und Megafon: A$AP Rocky. © Instagram

A$AP Rocky ist nicht zu fassen. Eine fingierte Live-Nachrichtenschalte zeigt am Freitagabend ihn im Fadenkreuz eines SEK. Bevor er mit selbigem zum Konzertauftakt mitten in die Arena stürmt. Wo er, beschützt von weiß vermummten A$AP-Aktivisten, die ersten Songs abfeuert, sich zu einem Hubschrauber unter der Hallendecke emporseilt – und erst mal wieder verschwindet.

Der Rap-Megastar taucht auf der Hauptbühne wieder auf, die in Schlachtschiff-Gestalt in die ausverkaufte Olympiahalle ragt. Darüber ein weiterer Helikopter, zwei kreisen, aufblasbar und drohnengesteuert, über den Leuten. Feuerstrahlen spritzen. Eine Bazooka wird beim Hit-Medley zum Mikrofonständer.

Doch es gibt eine seltsame Kluft zwischen all diesem Aufwand und der wahren Show. Denn nur zu wenigen Nummern schwingt das SWAT-Team das Tanzbein, twerken zwei Damen. Die meiste Zeit ist A$AP Rocky als Attraktion völlig allein auf weiter Flur. Das braucht Persönlichkeit – und da liegt das wahre Paradox. Denn A$AP Rocky spielt Verstecken. Erst zur Hälfte der zwei Stunden zieht er die Sturmhaube ab, zeigt sein Gesicht. Und lässt sich trotzdem nicht dingfestmachen.

Die Musik, ihre Beats oft mit Bassdonnergrollen vermischt, kommt komplett aus der Konserve – und beinhaltet Rockys Album-Vocals. Live doppelt er manchmal, sein Flow härter als das leichtfüßige Silben-Trippeln. Aber oft stößt er nur die Schlüsselwörter ins Megafon-Mikrofon. Peitscht mit Begeisterungs-Befehlen, „Yeah!“ die enthusiastische junge Menge an. Nicht als der durchaus begnadete Rapper, sondern als Animateur. Ein Promoter seiner selbst.

Vielleicht schont er die Stimme. Gegen Ende lässt er die Menge „L$D“ singen. Sagt, er sei gesundheitlich angeschlagen. Nur die wahnsinnige Energie in der Halle habe ihn getragen.

Aber Rocky bietet generell nicht nur das für Hip-Hop essenzielle Spiel mit mehrdeutigen Zeichen. Er zelebriert die Gleichzeitigkeit der Gegensätze. Er ist Staatsfeind Nr. 1 und Oberbefehlshaber. Ist Frauenheld, der fleißig zugeworfene BHs sammelt, und treuer Ehemann von Rihanna (womit er im Drake-Disstrack „Stole Ya Flow“ etwas zu sehr prahlt). Organisiert wie ein strenger Herbergsvater minutenlang eine Riesen-Moshpit – in der die Ekstase kurz und achtsam losbricht.

Die militärische Ikonografie ist befremdlich am 25. Jahrestag von 9/11. Steht das Schlachtschiff mit freudianischem Geschützrohr für den Wirtschaftskapitän A$AP Rocky? Ist‘s eine Anklage des US-Imperialismus? Protest oder Machtdemonstration? Die Antwort: Ja. Und vielleicht ist diese Unfassbarkeit das Geheimnis des Erfolgs.THOMAS WILLMANN

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