Goldener Löwe für Dänemark

von Redaktion

Die Filmfestspiele in Venedig zeichnen Historiendrama über Schuld und Scham aus

Jury-Vorsitzende und US-Star Maggie Gyllenhaal.

„Kvinde, ukendt“ ist der Siegerfilm der Festspiele in Venedig – Regisseurin May el-Toukhy und Hauptdarstellerin Mathilde Arcel (Foto o. re.) durften sich freuen. © Nordisk Film/E. Ferrari (2)

Für Überraschungen sind die Jury-Mitglieder bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig immer gut. Die in diesem Jahr von der US-Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal geführte war da keine Ausnahme. Anders als im vergangenen Jahr ging der Goldene Löwe mit „Kvinde, ukendt“ („Woman Unknown“) nun immerhin an einen Film, der seit Tagen zum erweiterten Favoritenkreis gehörte. Dass das Werk der dänischen Regisseurin May el-Toukhy am Ende neben dem Darstellerinnenpreis auch den Hauptpreis gewann, kam dennoch unerwartet. Für den vielen als unumgänglich geltenden Dokumentarfilm „NAZA“ blieb damit nur ein Sonderpreis.

Mit „Kvinde, ukendt“ hat die Jury einen bemerkenswerten Film ausgezeichnet. El-Toukhy widmet sich darin – wie in diesem Jahr bereits zahlreiche europäische Filme – den Vierzigerjahren. Konkret geht es um die offenen Wunden in Dänemark nach dem Ende der nationalsozialistischen Besatzung.

Einerseits kann man die Vergangenheit gar nicht schnell genug hinter sich lassen und in eine bessere Zukunft aufbrechen. Andererseits gilt es, zunächst unter denjenigen aufzuräumen, die mit den Deutschen kollaboriert haben. Statt echter, tief sitzender Kollaboration nachzugehen, beschuldigt man auch in Kopenhagen lieber Frauen, die sich mit Deutschen eingelassen haben: Man schert ihnen auf offener Straße und vor johlenden Schaulustigen den Kopf und demütigt sie mit Hakenkreuzen auf der nackten Haut.

El-Toukhy inszeniert ihre Geschichte als bewegendes Historiendrama über Schuld und Scham mit visuellen Anklängen an Hitchcock-Thriller wie „Rebecca“. Im Zentrum steht eine junge Hausangestellte, die ihren verwitweten Arbeitgeber heiraten und dessen Tochter eine Ersatzmutter sein soll. Zugleich droht sie immer wieder von dem eingeholt zu werden, was sie selbst getan hat, um zu überleben.

„Kvinde, ukendt“ ist zurückgenommen und elegant gefilmt, macht das Unterdrückte ebenso spürbar wie den Akt des Unterdrückens – und ist dabei ein wütender, aufrüttelnder Film. Der glänzenden Hauptdarstellerin Mathilde Arcel gelingt dieser Balanceakt mit großer Nuanciertheit, weshalb sie die Coppa Volpi als beste Schauspielerin gewann. Dass „Kvinde, ukendt“ zudem den Goldenen Löwen erhielt – eine Dopplung, die nur in Ausnahmefällen vorkommt –, zeigt die Begeisterung der Jury für diesen von einer Frau inszenierten Wettbewerbsfilm.

Auch „NAZA“ hat eine Regisseurin: Wie schon bei „No Other Land“ gehört Rachel Szor zum Regie-Team von Oscar-Gewinner Yuval Abraham. Der Dokumentarfilm war erst kurz vor Ende des Festivals zu sehen und erschütterte Venedig wie kein anderer. Zwei Dutzend anonyme israelische Geheimdienst- und Militärmitarbeitende geben tiefe, meist schwer erträgliche Einblicke in die Operationen, mit denen Israels Regierung in Gaza nicht nur gegen die Hamas, sondern systematisch auch gegen die Zivilbevölkerung vorgeht. Manche der Befragten äußern Selbstzweifel und Reue.

Mehr investigativer Journalismus als Kinokunst, aber visuell gelungen, ist „NAZA“ ein Film von großer Dringlichkeit, fernab von Propaganda. Ab dem 1. Oktober ist er in deutschen Kinos zu sehen. Dass er in Venedig lediglich einen Spezialpreis der Jury erhielt, könnte auch Ausdruck der Sorge sein, der Goldene Löwe hätte als politische Parteinahme statt als Plädoyer für die Menschlichkeit verstanden werden können.EPD

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