Henning Mankell ist nun schon bald zwei Jahre tot, und doch hebt der Wiener Zsolnay Verlag immer wieder Schätze von ihm. Auf Deutsch ist jetzt der erste Afrikaroman des Schweden erschienen. „Der Sandmaler“ kam 1974 heraus, kurz nachdem der Mann aus dem Norden seinen Sehnsuchtsort Afrika erstmals erreicht hatte. 1972 fuhr der 24-Jährige nach Sambia, wo er für längere Zeit lebte. Der Kontinent, der vor Millionen Jahren die Menschheit hervorbrachte, blieb Mankells zweite Heimat. Später in Mosambik engagierte er sich nicht nur fürs Theater, sondern auch sozial und politisch. Letzteres aber vor allem in Europa.
Und so ist „Der Sandmaler“ weniger wichtig als literarischer Auftritt eines Debütanten, der später berühmt wurde, sondern ein heute erschreckendes Dokument des europäisch-afrikanischen Versagens: „Die Hauptstadt bestand zum überwiegenden Teil aus Wellblechhütten. Aber seit der Herrschaft der Engländer gab es auch eine andere Art der Bebauung. Weiße schlossartige Häuser mit großen eingezäunten Gärten. Nachdem das Land vor zehn Jahren unabhängig geworden war, hatten die neue Oberklasse des Landes, ausländische Unternehmer und einheimische Staatsmänner die eleganten Villen übernommen. Rundherum gab es nur Wellblechhütten, alte Autoreifen und jede Menge Müll.“ Dieser Befund stimmt 2017, über 40 Jahre später, als der Text verfasst wurde, noch exakt genauso.
Analphabetismus, Arbeitslosigkeit, Armut, Ausbeutung, alles ist gleich geblieben. Unsere europäische Gesellschaft und ihre Politiker können in diesem kurzen Roman bequem erfahren, was ihre Vorgänger und sie selbst ignoriert, unterlassen und versäumt haben. Nicht wundern über Flüchtlinge, sondern Mankell lesen – und umsteuern. Bereits als junger Hupfer analysierte er, dass der alte Kolonialismus zwar nach und nach verschwand, dafür indes ein moderner kam. Auswärtige Investoren halten Firmen und Tourismus in Händen. Bildung und Infrastruktur gibt es kaum, folglich entwickelt sich kein tragfähiges Wirtschaftssystem. Selbst das Bild von den heimischen Fischern, die ohne jeglichen Fang vom Meer zurückkommen, wird im „Sandmaler“ geschildert. Und das, obwohl Anfang der Siebzigerjahre die Küsten sicher noch nicht wie heute leer gefischt waren.
Der Henning Mankell in seinen Zwanzigern ist natürlich noch nicht der vielschichtig denkende und schreibende Schriftsteller der reifen Jahre. Antikolonialistische und -kapitalistische Aussagen kommen geradeheraus daher und nicht poetisch raffiniert verpackt. Sie werden Sven, einem schwedischen Lehrer, in den Mund gelegt. Er ist der einzige Tourist in dem nicht näher bezeichneten afrikanischen Land, der sich ein bisschen informiert hat vor seiner Reise. Sie ist Mankells Dichter-Vehikel, um den Leser nicht gleich mit Thesen und Tatsachen abzuschrecken. Sie war ja auch sein eigener Traum. Daher schickt er zwei fast Gleichaltrige los.
Elisabeth und Stefan haben die Schule abgeschlossen. Sie, aus einer normalen Familie, weiß nicht recht, wie es weitergehen soll. Er, aus wohlhabender Familie, kann ins Geschäft des Vaters einsteigen. Eigentlich verbindet sie nichts, und doch hatten sie Sex. Nun am Flughafen Kopenhagen treffen sie einander zufällig – mit dem gleichen Ziel in Afrika. Wie Mankell die jungen Leute charakterisiert, zeigt trotz aller Einfachheit, dass ihn differenzierte Menschenbilder interessieren. Auffallend, wie einfühlsam er schon damals die Frau schildert. Ist Stefan eher der saufende, sexistische Macho, entwickelt sich Elisabeth, ohnehin sensibilisiert durch ihre behinderte Schwester, zu einer Persönlichkeit, die die Not anderer nicht ignoriert, die differenziert fühlt, reflektiert, lernt. Der Autor lässt dem Land den fremden Zauber – und dessen Not: ob Prostitution und Kinderarbeit, ob Gestank in den Armenvierteln und Grauen in den abgelegenen Lepradörfern, wo die Kranken hilflos dahinsiechen.
Afrika als Frauenantlitz, gezeichnet in den Sand am Meer. Der einheimische Sandmaler, dem Elisabeth begegnet und der „Die Zukunft ist ein sozialistisches Afrika“ unter sein Bild schreibt, ist der Hoffnungsträger – obgleich Wind und Wellen seine Striche tilgen werden.
Henning Mankell:
„Der Sandmaler“. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 156 Seiten; 20 Euro.