Medizinkolumne

Wenn Bakterien die Herzklappen zerstören

von Redaktion

Die Krankengeschichte der jungen Frau klingt wie ein Albtraum: Die etwas über 50-jährige, schlanke, sonst immer gesunde, sportlich aktive Frau fühlte sich seit Monaten irgendwie müde und abgeschlagen. Außerdem hatte sie schon über vier Kilogramm Gewicht verloren. Dennoch bagatellisierte sie ihre Beschwerden: „Die Arbeit, zwei Kinder, der Haushalt, da kann es schon einmal sein, dass man sich nicht fit fühlt.“ Deswegen schonte sie sich auch nicht.

Doch im Laufe der nächsten Woche traten 38 Grad Fieber, Schwindel und Unwohlsein auf. Nun bestand der Ehemann aber darauf, dass sie einen Hausarzt aufsucht. Dieser verordnete ihr ein Antibiotikum, obwohl er keine eindeutige Ursache des Fiebers finden konnte. Doch es half nichts. Im Gegenteil: In den nächsten Wochen ging es der Frau zunehmend schlechter. Plötzlich stieg das Fieber auf über 40 Grad, sie bekam Schüttelfrost und Luftnot – Ihr Mann rief den Notarzt. Erst zehn Tage später wachte sie auf der Intensivstation wieder auf. Die Diagnose: Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Entzündung einer Herzklappe, eine sogenannte Endokarditis.

Diese entsteht durch Bakterien, die über Verletzungen der Schleimhäute in das Blutgefäßsystem eindringen, sich dort vermehren und sich dann an den Herzklappen festsetzen. Menschen mit Herzklappenfehlern oder nach Herzklappen-Operationen sind davon besonders gefährdet.

In 50 bis 70 Prozent der Fälle sind Streptokokken der Mundhöhle für die Erkrankung verantwortlich. Die Erkrankung verläuft am Anfang oft schleichend, sodass keine oder nur leichte Beschwerden wie Abgeschlagenheit und Müdigkeit vorhanden sind. Im Folgestadium können dann Fieber, Luftnot, Schwindel, Benommenheit und sogar Kreislaufversagen auftreten. Das ist auch der Grund, warum es oft schwierig ist und so lange dauert, die Endokarditis zu diagnostizieren. Die Symptome sind vielfältig und reichen von leichten bis hin zu lebensbedrohlichen Beschwerden.

Das Wichtigste bei der Erstellung der Diagnose: Man muss dran denken. Dann kann man gezielt nach einer Entzündung der Klappen suchen. Bei der körperlichen Untersuchung fällt ein Herzgeräusch auf und bei der Blutuntersuchung sind die Entzündungswerte erhöht. Zur Absicherung der Diagnose werden dann spezielle Ultraschalluntersuchungen des Herzens durchgeführt.

Leider ist das Problem der Endokarditis, dass die Bakterien die Herzklappen zerstören, sodass die befallene Klappe meist operiert werden muss. Darum zählt jede Stunde, wenn bei einem Patienten der Verdacht auf eine Herzklappenentzündung besteht, um die Diagnose zu sichern und schnellstmöglich mit der Therapie zu beginnen.

Zum Schluss noch einmal zurück zu unserer Patientin. Bei ihr war ein kleiner angeborener Herzklappenfehler bekannt. Im Rahmen eines zahnärztlichen Eingriffes waren Bakterien aus der Mundhöhle ins Blutgefäßsystem gekommen und hatten zu der Entzündung der Klappe geführt. Eine prophylaktische Gabe eines Antibiotikums vor dem Eingriff hätte dieses schwere Krankheitsbild verhindern können. Deshalb: Wenn Sie an einem Herzklappenfehler leiden, lassen Sie sich auch von einem Herzspezialisten beraten, ob eine prophylaktische Gabe eines Antibiotikums vor zahnärztlichen Eingriffen notwendig ist.

HERZENSSACHE

von Dr. Barbara Richartz

Artikel 5 von 5