Mein KÜchengeheimnis

Schneeballen backen statt werfen

von Redaktion

von Stephanie Ebner

Draußen zeigt sich der Spätsommer nochmals von seiner allerbesten Seite: Die Sonne strahlt, die dunkelroten Dahlien im Garten stehen meterhoch und blühen um die Wette. Eine wahre Pracht. Die ersten Blätter fallen von den Bäumen. Drinnen in der Küche beginnt es sogar schon zu schneien – Schneeballen.

„Ja, Schnellballen und nicht Schneebälle“, betont Traudl Betz in schönstem Fränkisch. Obwohl sie seit Jahrzehnten in Oberbayern lebt, ist sie der Heimat nach wie vor verbunden geblieben: dem fränkischen Dialekt ebenso wie den Kochgebräuchen. Schneeballen sind ein traditionelles Schmalzgebäck zu besonderen Anlässen wie beispielsweise zu Kirchweih.

„Anders als die oberbayerische Allerweltkirchweih feiern die Franken ab Pfingsten jeden Sonntag in einem anderen Dorf Kirchweih“, erklärt die Hobbybäckerin den Brauch. In Franken schneit’s deshalb auch im Hochsommer, sagt Traudl Betz mit einem Lachen.

Wenn die Mutter früher Tage vor Kirchweih sich in die Küche verzogen habe, dann „wussten wir, dass ein großes Fest ansteht“, erinnert sich Traudl Betz an ihre Kindheit. Schneeballen kann man übrigens getrost ein paar Tage vorher backen. Traudl Betz schmecken sie sogar noch besser, wenn sie bereits ein paar Tage gelagert sind: „Dann wird der Teig noch mürber“.

Während das oberbayerische Schmalzgebäck meist mit Hefeteig gemacht wird, benötigt man für die Schneeballen einen Mürbteig. So geht diese Schmalzgebäck-Variante auch ziemlich schnell. Zumindest der Teig. Das Ausrollen und Formen benötigt dann doch etwas Zeit. „Zeit, die sich aber lohnt“, sagt Traudl Betz und macht sich ans Werk.

Ihr gehen die Ballen schnell von der Hand. Geschickt lässt sie schon kurz drauf den hauchdünnen Teigfladen ins heiße Fett gleiten und faltet ihn blitzschnell zusammen, damit er seine charakteristische Form erhält.

Von der Mutter konnte sie sich die Kniffe einst nicht abschauen – „die hat uns immer aus der Küche geschickt“. Dafür hat sie ihr das Kochbuch aus dem Jahre 1954 vererbt, das Traudl Betz „wie ihren Augapfel hütet“. Manche Rezepte hat die Hobbybäckerin der Neuzeit angepasst: „Früher hat man mehr Eier und dafür weniger Fett verwendet“, sagt sie. „Weil man Hühner und damit Eier eh im Garten hatte und Fett teuer zu kaufen war.“

Traudl Betz ist im Nürnberger Land aufgewachsen. Nach der Schule machte sie eine Schneiderlehre und arbeitete zehn Jahre in ihrem Beruf. Ihre eigentliche Berufung fand sie erst danach: Eine Tante verschaffte ihr die Möglichkeit, nach München zu gehen. Traudl Betz ließ sich an der Isar zur Hauswirtschaftslehrerin ausbilden. Ihre erste Anstellung fand sie in Garmisch, dann ging sie nach Schongau. Bis vergangenes Jahr hat Traudl Betz dort Hauswirtschaft unterrichtet.

Auch im Rentenalter ist die Wahl-Farchanterin – hier lebt sie seit 1980 – ihrem Beruf verbunden geblieben. „Ich backe und koche für mein Leben gern.“ So viel, dass sie selbst gar nicht alles essen kann. Die Nachbarschaft freut’s, die sie immer wieder mit Leckereien aus der Küche versorgt.

Das Schmalzgebäck ist eine kalorienreiche Angelegenheit. Für Traudl Betz kein Problem. Statt in die Gymnastik geht sie täglich in den Garten. Im Sommer sieht man sie schon im Morgengrauen dort werkeln – „für mich gibt es nichts Schöneres“. Viele Pflanzen bekommt sie von der Familie oder Nachbarn geschenkt. So wie einst die dunkelroten, mannshohen Dahlien, die in ihrem Garten regelrecht wuchern. „Eine Sorte, die heutzutage gar nicht mehr gezüchtet wird“.

Glücklich sitzt Traudl Betz mit ihrem Schneeballen im Garten. Ein herrliches Bild. „Der Herbst ist einfach die schönste Jahreszeit. Im Garten wie in der Küche.“ Recht hat sie.

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