Pianisten achten oft besonders auf ihre Hände. Dabei sollte das eigentlich jeder tun: Wie wichtig diese im Alltag sind, bemerken viele erst, wenn sie Probleme damit bekommen. Dabei entscheidet die Funktion der Hände gerade im Alter mit darüber, ob man noch selbstständig leben kann – ob man sich also alleine anziehen, eine Tasse halten und die Zähne putzen kann.
„Man sollte Beschwerden an den Händen nicht ignorieren und deren Funktion nicht als selbstverständlich wahrnehmen“, warnt Prof. Riccardo Giunta, Chefarzt der Abteilung für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Ästhetische Chirurgie am Klinikum der Universität München. Er ist auch Tagungspräsident des Kongresses der Handchirurgen, der vom 12. bis 14. Oktober in München stattfindet.
-Wie verändern sich die Hände im Alter?
Die Haut bekommt nicht nur Altersflecken. Sie wird auch dünner und brüchiger, das Fettgewebe wird weniger. Daher kommt es leichter zu Verletzungen. Was den Bewegungsapparat betrifft: Hier können im Alter Verschleißerscheinungen an Knochen und Sehnen auftreten. Sehr häufig sind dabei Arthrosen der Fingergelenke. Besonders oft ist das Sattelgelenk betroffen, also das Gelenk an der Daumenwurzel. Bei einer Arthrose nutzt sich der Knorpel am Gelenk ab, im fortgeschrittenen Stadium reibt schließlich Knochen auf Knochen. Das kann sekundär auch zu Schäden am Bandapparat führen.
-Zu welchen Beschwerden führt eine Arthrose?
Die Patienten haben einerseits Schmerzen beim Zupacken, andererseits zunehmend Bewegungseinschränkungen und Fehlstellungen. Das kann so weit gehen, dass sie gar nicht mehr zupacken können oder ihnen Gegenstände aus der Hand fallen. Patienten können die betroffene Hand also deutlich schlechter im Alltag einsetzen. Bei Fingergelenken ist oft die Spitzgriff-Funktion von Daumen und Zeigefinger betroffen. Dadurch wird es zum Beispiel schwieriger, einen Stift zu halten, den Schlüssel im Schloss zu drehen oder eine Tasse zu greifen. Allgemein sind Endgelenke der Finger häufiger betroffen. Sie werden dann sichtbar dicker, das Gelenk steht schräg. Vor allem Patientinnen empfinden das oft auch ästhetisch als Einschränkung.
-Haben Menschen, die früher schwer arbeiten mussten, im Alter öfter Handprobleme?
Wer handwerklich arbeiten musste, hat schon während seines Arbeitslebens ein höheres Risiko, sich an der Hand zu verletzen, also etwa der Metzger mit dem Wurstmesser oder der Schreiner an der Kreissäge. Hinzu kommt eine größere Beanspruchung. Es gibt aber auch Patienten, die ein Leben lang „nur“ an der Tastatur gearbeitet haben und trotzdem eine Sattelgelenks-Arthrose bekommen. Auch diese kleinen Bewegungen können zusammen mit dem normalen Verschleiß zu Schmerzsyndromen an der Hand führen.
-Fingergelenke können auch durch Rheuma angegriffen werden…
In der Tat. Bei den Arthrosen unterscheidet man zwischen Abnutzungs- und entzündlichen Formen. Letztere sind das, was man als Rheuma bezeichnet oder mit dem Fachbegriff „rheumatoide Arthritis“. Betroffene Gelenke sind oft gerötet, fühlen sich warm und geschwollen an. Dabei entzünden sich Gelenkhaut und Knorpel. Bleibt das länger unbehandelt, führt das zur Zerstörung von Knorpel und Gelenk. Rheumatische Erkrankungen betreffen aber nicht nur die Gelenke. Daher ist hier ein enger Schulterschluss mit den Internisten nötig. Ein großer Durchbruch ist der Einsatz von Biologika. Diese Medikamente können die Entzündungen im Körper sehr gut in Schach halten.
-Wann sollte man zum Handspezialisten gehen?
Wenn Probleme auftreten, also die Finger einschlafen oder die Hände schmerzen, sollte man das nicht einfach ignorieren. Dann ist meist etwas nicht in Ordnung, das muss man abklären. Dazu geht man möglichst zum Spezialisten, dem Handchirurgen. Die Hand ist sehr komplex, Diagnose und Behandlung erfordern daher sehr spezielle Fachkenntnisse.
-In welchen Fällen ist eine Operation nötig?
Wenn der Patient in seinem Alltag eingeschränkt ist und andere Maßnahmen erfolglos geblieben sind. Wenn also eine medikamentöse Schmerztherapie, eine Schienenbehandlung, Physiotherapie und Injektionsbehandlungen nicht geholfen haben. Auch wenn Nerven unter Druck geraten wie zum Beispiel beim Karpaltunnelsyndrom wird das häufig operativ behandelt. Ein Hinweis darauf können Gefühlsstörungen sein, die insbesondere an Daumen und Zeigefinger und vor allem nachts auftreten. Auch Knochenbrüche müssen wir oft operieren. Speichenfrakturen sind besonders häufig. Sie entstehen meist durch Stürze, wenn Betroffene sich im Fallen mit dem Handgelenk abstützen. Ältere Menschen erleiden dabei sehr viel leichter einen Bruch als jüngere. Mit dem Alter wird der Knochen weniger mineralisiert und ist dann weniger stabil. Davon sind besonders Frauen durch die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren betroffen.
-Sollte man einen Bruch am Handgelenk immer operieren lassen?
Nicht jede Speichenfraktur muss operiert werden. Aber: Wenn ein solcher Bruch nicht optimal ausheilt, führt das oft zu Verschleißerscheinungen und Fehlstellungen. Zudem gab es mit der sogenannten winkelstabilen Verplattung einen großen Durchbruch: Bei diesem OP-Verfahren setzt man eine Metallplatte und Schrauben ein. Im Gegensatz zu früher werden beide fest miteinander verschraubt. So schafft man eine innere Stabilisierung. Die Gelenkflächen werden optimal positioniert, das Gelenk hält. Deshalb operiert man gerade bei schwereren Frakturen auch noch bei Menschen höheren Alters.
-Eine Narkose ist doch gerade im Alter belastend…
Bei Operationen an der Hand hat man den Vorteil, dass es häufig keiner Vollnarkose bedarf. Meist reicht eine Leitungsnarkose im Arm: Mit einem Lokalanästhetikum werden Nerven blockiert, welche die Sensibilitäts- und Gefühlswahrnehmung von der Hand zum Gehirn vermitteln. Bei wachem Patienten können Durchblutungsstörungen des Gehirns, wie sie unter Vollnarkose selten entstehen können, vermieden werden. Eingriffe an der Hand haben darüber hinaus den Vorteil, dass man mit einer Blutsperre operieren kann. Das Blut wird mit einer Blutdruckmanschette vorübergehend aus dem Arm gedrückt. So blutet es während der OP nicht – und wir Chirurgen haben eine viel bessere Sicht auf Gewebestrukturen.
Weitere Informationen
bekommen Sie bei einem Patiententag am Donnerstag, 12. Oktober, im Gasteig in München (Rosenheimer Str. 5). Dort können Sie sich von 8 bis 17 Uhr am Infostand der DGH im EG beraten lassen. Von 14.30 bis 16.30 Uhr finden im Carl-Amery-Saal zudem Expertenvorträge zu Arthrose und rheumatoider Arthritis an den Händen statt.