Schritt für Schritt zum eigenen Vampir

von Redaktion

von angelika mayr

1 „Wir fangen mit dem Gesicht an“, sagt Glienke. Dazu malt sie mit einem Bleistift keinen Kreis auf das Blatt Papier – sondern ein Ei. Siehst du das rechts auf dem Zeichenbrett bei Nummer 1? Der Grund: Der Vampir soll dich später nicht von vorne, sondern von der Seite anschauen. „In dieses Ei zeichne ich dann zwei gestrichelte Linien“, sagt Glienke. „Sie sollen mir beim Zeichnen helfen, auf dem fertigen Bild wirst du sie später nicht sehen.“ Glienke radiert sie also später wieder weg. Auf der waagenrechten Linie sollen später die Augen liegen. Deswegen solltest du aufpassen, dass sie nicht zu hoch ist. Auf der senkrechten Linie bringt Glienke später Mund und Nase an. „Bei einem Vampir sind natürlich auch die spitzen Ohren wichtig“, sagt Glienke. „Ich setze sie an den äußersten Rand des Gesichts. Oben habe ich noch eine gestrichelte Linie – siehst du sie? Diese Linie mache ich später auch weg.“ Dort sollen die Haare „wachsen“.

2 „Auf der waagrechten Linie zeichne ich nun wie vorher besprochen die Augen, auf der senkrechten die Nase und den Mund“, sagt Glienke. „Und weil der Vampir mich ja von der Seite anschaut, sind seine Augen ebenso wie der Kopf eiförmig.“ Die Nase ist nur ein Haken – und du siehst keine Nasenlöcher! „Das ist ein einfacher Trick, schaut aber immer gut aus“, sagt Glienke. „Beim Mund setze ich die Zähne etwas außen an die Seite. Sie sind aber ganz klein. Denn mein Vampir hat nur kleine Spitz-Zähne.“

3 Jetzt dreht sich alles um die Haare. Rüdiger hat Wuschelhaare, denn er kämmt sich nicht gerne. Sie sollen also wild aussehen. „Du kannst jedes Haar einzeln zeichnen oder wie ich in Büscheln“, sagt Glienke. „Mir gefallen zurzeit die Büschel besser.“ Diese schauen aus wie Haken. Und da Rüdiger gerade zum Landeanflug ansetzen soll, wehen seine Haare nach hinten. Außerdem verträgt der kleine Vampir kein Licht, er ist also sehr blass. „Deswegen setze ich unter den Augen kleine Striche. Mit der Farbe soll das am Ende wie dunkle Augenränder aussehen“, sagt Glienke. „So wird jedem Betrachter klar, dass er kein süßer Bub, sondern ein Vampir ist.“ Als Letztes folgt hier der Hals. „Wenn du genau auf das Zeichenbrett hinsiehst, erkennst du, dass der nur ein Strich ist“, sagt Glienke. „Der Grund: Die Haare verdecken teilweise den kurzen Hals. Du siehst ihn also nur halb.“

4 Jetzt ist der Umhang an der Reihe. Dazu solltest du wissen: Rüdigers ist ein ganz rumpliges Kleidungsstück. Er steigt damit jeden Tag in den Sarg, ist von Motten zerfressen und kann deswegen nicht sonderlich hübsch aussehen. „Deswegen ist er nicht einfach zu zeichnen“, sagt Glienke. „Wenn Rüdiger – so wie hier – fliegt und die Arme ausgebreitet hat, schlägt der Umhang kaum Falten. Alles hebt sich etwas in die Höhe, der Umhang wird breiter, kastenförmiger und gleichzeitig wird alles glatter. Außerdem zieht sich die Knopfleiste in die Breite. Sie läuft also den Mantel nicht schnurgerade runter, sondern schlägt Bögen. Zudem ergibt sich ein Zipfel durch die Bewegung.“

5 Jetzt kümmern wir uns um Rüdigers Arme. „An den Stellen, an denen der Umhang endet, schauen sie raus“, sagt Glienke. „Er bremst mit den Armen und landet auf der Erde. Die Finger so hinzubekommen ist das Schwierigste. Das kannst du eigentlich nur lernen, indem du deine eigenen Hände tausendfach zeichnest und immer wieder übst.“ Am besten legst du dazu deine linke Hand auf den Tisch und malst sie mit der rechten ab. „Aber du kannst auch vier kleinere Würste und eine größere Wurst malen – das geht für den Anfang auch.“

6 Rüdiger hat alle 22 Bände des „Kleinen Vampirs“ hindurch diese stiefelartige Puschen an – auch in seinem Sarg. Sie sind uralt, werden nicht gewaschen und sehen auch so aus. „Seine Puschen sind ein bisschen größer als die Hände und die Beine, die du aus den Puschen rauskommen siehst“, sagt Glienke. „Sie sind spillerich, also sehr dünn. Denn er kommt nicht leicht an sein Essen ran – das Blut.“ Wenn du auf das Zeichenbrett auf die Nummer 6 genau schaust, merkst du, dass die Striche der Beine nicht gerade sind. Sie haben kleine Wellen. Das zeigt die Wollhosen, die Rüdiger drunter trägt.

7 Jetzt kommen wir zum Ausmalen des Mantels. „Das ist wieder ein schwieriger Teil, denn du sollst ihn nicht ganz ausmalen – sondern ein Karo drauf zeichnen“, sagt Glienke. „So etwas macht meinen Enkelkindern aber immer Spaß, weil das etwas Besonderes ist.“ Denn die Schraffur sollte nicht gleichmäßig sein – setzte einfach hier und dort mehr Schwarz ein und lass’ woanders mehr Weiß durchscheinen. Das „Mehr“ zeigt die Fehler des Mantels und das „Weniger“ die Löcher, die die Motten hineingefressen haben. Auch die Beine schraffiert Glienke jetzt: „Das ist ein einfacher Trick, um Rüdiger nicht ganz schwarz aussehen zu lassen und die Übergänge besser zeigen zu können. Sonst würdest du ja nur eine schwarze Fläche sehen!“

8 „Nummer Acht – die Farbe einsetzen – ist immer das Schönste!“, sagt Glienke. Dafür benutzt sie hellere und dunklere Marker, damit die Schraffur später durchschauen kann. Bunt- und Filzstifte wären zu dick und zu kräftig. Du würdest deine Schraffur übermalen – und alles wäre umsonst. Wasser- und Aquarellfarben kannst du aber benutzen. „Die Haare habe ich gesträhnt mit Rot, Orange und Gelb – diese Mischung hatte er schon, als er noch lebte.“ Außerdem ist er blass an Armen und Händen und sogar grünlich im Gesicht. „Aber ich nehme nicht einfach einen grünen Stift und male damit alles an.“ Das Kinn, die Nase und die Außenlinien bekommen einen leichten rosa Ton, manches bleibt weiß, um dem Gesicht Tiefe zu geben. Auch kommt so alles optisch schöner rüber. So sieht es aus, als wäre zum Beispiel die Nase weiter vorne. „Beim Mantel bringe ich Dunkelblau und Gelb mit ins Spiel. Das macht ihn spannender.“

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