Muss man jeden Zahn ersetzen?

von Redaktion

Unser Experte Prof. Christoph Benz erklärt, was Sie über Kronen und Implantate wissen müssen

Einen Zahn im Alter zu verlieren, ist unangenehm – und schaut im Spiegel auch gar nicht gut aus. Wie man dem vorbeugen kann und wie man bei einem akuten Zahnverlust handeln sollte, erklärt Prof. Christoph Benz, Zahnmediziner aus München und Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer.

-Werden wir im Alter alle zahnlos?

Nein, das ist schon lange nicht mehr der Fall. Aktuell haben bei den jüngeren Senioren von 64 bis 75 Jahren nur noch zwölf Prozent keinen einzigen Zahn mehr und bei den älteren Senioren, die nicht pflegebedürftig sind, sind es 20 Prozent. Bei den Pflegebedürftigen sind leider 50 Prozent zahnlos. Dagegen haben 90 Prozent der gesunden jüngeren Senioren im Schnitt noch 19 echte Zähne von ursprünglich 28 im Mund. Auch bei den hochalten Senioren schaut es gut aus. Wenn sie nicht pflegebedürftig sind – und das sind etwa 80 Prozent –, haben sie zu 80 Prozent 18 echte Zähne.

-Warum haben sich die Zahlen so stark gebessert?

Früher wurden oft mehr Zähne gezogen als nötig. Aber seit 30 Jahren setzen wir auf die professionelle Reinigung in Verbindung mit der häuslichen Pflege – das wirkt. Mittlerweile gehen schon 43 Prozent der jüngeren Senioren zweimal im Jahr zum Zahnarzt, um eine Zahnreinigung durchführen zu lassen. Das Gute ist, dass ihnen dort gesagt wird, was sie selber beim Putzen noch besser machen können. Dann behalten sie ihre Zähne länger. Denn es gibt keine natürlichen oder altersbedingten Gründe, dass Zähne verloren gehen.

-Warum verlieren viele trotzdem Zähne?

Der früher so verteufelte Karies verliert immer mehr an Bedeutung, weil die gute Vorbeugung greift. Zahnunfälle, Brücken und Kronen, die ebenfalls kein ewiges Leben haben, spielen auch eine kleinere Rolle. Das große Problem ist die Parodontitis. Manche nennen das noch „Parodontose“, aber das ist das falsche Wort. Es ist eine Entzündung des Zahnhalteapparats, also das, was den Zahn im Knochen festhält. Das ist für das Alter die Hauptursache.

-Wie entsteht Parodontitis?

Das ist eine einfache Entzündung, die durch Zahnbelag entsteht. Im Laufe der Zeit wandert sie zwischen Zahn und Zahnfleisch in die Tiefe und der Knochen baut sich ab. Es bildet sich eine Tasche, in der sich die Entzündung leicht vergrößern kann, denn der Patient kann nichts mehr mit der Bürste wegputzen. Er kommt in diese Lücke nicht mehr ran. Das kann nur noch professionell gereinigt werden. Aber diese Form der Erkrankung haben viele Patienten noch nicht auf dem Schirm.

-Wie ändert sich das?

Zuerst müssten die Patienten dieses Problem als solches erkennen. Leider ist für viele Patienten, was im Mund passieren kann, zuerst einmal das Loch und dann der Schmerz. Aber dass blutendes Zahnfleisch auch sehr wahrscheinlich eine Entzündung bedeutet, daran denken sie nicht. Der Patient merkt das erst 30 Jahre später – wenn die Zähne locker werden. Dann ist es zu spät.

-Rentiert es sich im Alter, Zähne ersetzen zu lassen?

Absolut. Wir leben mit guter Lebensqualität immer länger, wir pflegen gesellschaftliche Kontakte – und da sollte man das Beste aus sich machen. Natürlich gibt es auch eine Grenze, und das ist regelmäßig in der Pflegebedürftigkeit.

-Für viele sind auch die Kosten eine Grenze, oder?

Richtig. Aber generell kann man sagen: Eine Zahnlücke muss in Deutschland niemand haben. Es gibt immer Wege, das kostenlos zu machen. Es hängt aber von der Qualität ab.

-Was passiert im Mund, wenn man den Zahn nicht mehr ersetzt?

Früher hat man gemeint, jede Lücke müsste ersetzt werden. Aber mittlerweile sind wir Ärzte entspannter geworden. Wenn man Zähne nicht mehr ersetzt, bekommen viele Patienten irgendwann ein Kau-Problem. Aber das muss auch nicht sein. Früher hieß es auch, die anderen Zähne könnten kippen. Aber das ist selten. Fazit: Es gibt viele Lücken, die man so lassen kann. Von den jüngeren Erwachsenen von 35 bis 44 Jahren weiß ich, dass denen im Schnitt zwei Zähne fehlen und davon werden im Schnitt 1,2 Zähne nicht ersetzt.

-Woher weiß ein Patient, welche Lücke er schließen lassen sollte?

Das sagt ihm sein Zahnarzt. Der Patient sollte als Erstes nachschauen lassen, warum der Zahn rausgefallen ist und ob es mehr lockere gibt. Und gibt es noch weitere Probleme im Mund? Außerdem sollte sich der Patient vor dem Spiegel die Frage stellen, ob ihn die Lücke stört. Das nächste Kriterium ist, ob andere Zähne gefährdet sind, weil an diesem rausgefallenen Zahn vielleicht noch eine Prothese befestigt ist und diese mit ihrer Klammer einen nebenstehenden umgreift. Aber wenn der Zahnarzt sein O.K. gibt, muss der Zahn nicht ersetzt werden.

-Welche Möglichkeiten eines Zahnersatzes gibt es?

Man kann im Groben unterscheiden zwischen herausnehmbaren – der Voll- und Teilprothese – und dem festsitzenden. Letzteren kann der Patient nicht bewegen. Das könnte eine Brücke oder Krone sein, wenn man nur einen „Deckel“ auf einem Zahn braucht. Das könnte aber auch das Implantat sein. Selbst wenn der Patient zahnlos ist, kann er auch noch etwas Herausnehmbares bekommen. Das wäre dann die Prothese, die viele noch von früher von Oma und Opa kennen. Aber heute sieht man die immer weniger.

-Was ist ein Implantat?

Viele Leute sagen dazu „Schraube“ und das trifft’s gut. Es ist ein Gewinde. Man bohrt ein Loch in den Knochen und schraubt das Implantat hinein. Oben drauf kommt eine Vorrichtung, auf die ich den Teil „basteln“ kann, der im Mund zu sehen ist: die Zahnkrone. Dazu gibt es verschiedene Verfahren: Die schnellste ist die sogenannte Sofortbelastung. Nach dem Reinschrauben des Implantats wird eine Versorgung draufgeschraubt und das Implantat wird sofort belastet. Bei der anderen Variante lässt man das Implantat nach dem Reinschrauben in dem Knochen einheilen. Oft wird drüber die Schleimhaut zugenäht. Nach drei Monaten baut man den Zahnersatz drauf und das Implantat wird belastet.

-Welche Vorteile hat ein Implantat?

Zum einen kann ich damit jede Lücke schließen, ohne die Nachbarzähne zu berühren. Und ich kann damit einen Zahnersatz, also eine Voll- und Teilprothese, fester machen. Manche leiden darunter, dass ihre Prothese wackelt. Denn im Gegensatz zur Teilprothese können bei Vollprothesen keine natürlichen Zähne zum Halt benutzt werden. Das Implantat fällt dagegen nicht raus, aber der Patient kann die Prothese rausnehmen.

-Welche Vorteile hat ein Implantat?

Zum einen kann ich damit jede Lücke schließen, die nicht die Nachbarzähne berühren muss. Andererseits kann ich damit auch einen Zahnersatz, also eine Voll- und Teilprothese, fester machen. Manche leiden darunter, dass ihre Prothese so stark wackelt. Denn im Gegensatz zur Teilprothese können bei Vollprothesen keine natürlichen Zähne mehr als Halt benutzt werden. Das Implantat fällt dagegen nicht raus, aber der Patient kann die Prothese trotzdem rausnehmen.

-Bei einer Vollprothese haben viele Patienten auch das Problem, dass sich die Passgenauigkeit verändert.

Das stimmt, die Zähne können sich verschieben. Dann kann es am nächsten Morgen tatsächlich schwieriger sein, dass die Prothese auf die Pfeiler draufgeht. Aber regelmäßig passiert das nicht und wenn man sich anstrengt, kommt die Prothese auch wieder über die Pfeiler. Das ist also kein zu schlimmes Kriterium.

-Bei einer Teilprothese wird‘s schwierig, wenn ein weiterer Zahn kaputt geht. Muss der Patient dann eine neue Prothese kaufen?

Nein, diese Prothesen sind nicht wertlos. Denn die meisten sind aus Kunststoff und da kann ich nach einem Gebissabdruck einen Zahn ergänzen und die Prothese am nächsten gesunden Zahn verankern. Teilprothesen helfen zum Beispiel bei Kauproblemen nach einem Zahnverlust oder auch, wenn die Aussprache undeutlich geworden ist. Sie werden oft benötigt, wenn eine Brücke nicht mehr möglich ist.

-Wenn ich sparen muss – wie ersetze ich einen Zahn am günstigsten?

Die teuerste Versorgung wäre ein Implantat – vor allem, wenn der Patient keine Zahnzusatzversicherung hat. Die günstigste Versorgung ist die Brücke. Sie bedeutet aber auch, dass man zwei feste Nachbarzähne als „Brückenpfeiler“ braucht. Diese müssen dann rundum abgeschliffen werden, damit eine künstliche Versorgung – Gold oder Keramik – darüber passt. So wird die Lücke sozusagen überbrückt. Das wäre der klassische Weg und hier kann man auch gut am Material sparen.

Das Gespräch führte Angelika Mayr.

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