München – Im Grenzbereich zwischen Leben und Tod gilt eine goldene Regel: Hoffnung muss man sich erarbeiten. Davon ist Professor Dr. Bruno Reichart (74) felsenfest überzeugt. Über Jahrzehnte hat der legendäre Herzchirurg seinen Patienten neben Zuversicht immer wieder Disziplin eingeimpft. Wer von ihm gerettet werden wollte, der musste auch selbst etwas dafür tun: „Ich habe von meinen Patienten immer erwartet, dass sie kämpfen“, betont er im Gespräch. „Sie dürfen einfach niemals aufgeben – auch dann nicht, wenn sie müde sind, wenn jeder Atemzug zur Qual wird und scheinbar die letzte Kraft verbraucht ist. Diese Einstellung ist entscheidend.“
Es klingt hart, was Reichart schwerst kranken Menschen abverlangt, fast unmenschlich. Aber er ist nun mal getrieben vom Wissen, dass ein ungebrochener Wille belohnt werden kann: und zwar mit der Chance auf ein zweites Leben. Mehr als 1000 solche dramatischen Einzelschicksale hat der Ausnahme-Operateur erlebt, so viele Patienten haben während seiner Ära im Uniklinikum Großhadern ein Spenderherz eingepflanzt bekommen.
Einer der ersten Empfänger war Dr. Bernd Ullrich (siehe unten). „Ich lebe ein geschenktes Leben – und das nun schon seit 34 Jahren“, erzählt der inzwischen 78-Jährige. Kein anderer Patient in Deutschland lebt bereits so lange mit einem Spenderherzen wie er. „In all den Jahren durfte ich schon so viel Schönes erleben, da wird man dankbar und demütig.“
Zugegeben: Ullrichs Fall ist außergewöhnlich, insbesondere wegen der Lebensdauer seines Spenderorgans. Aber er zeigt auch die einzigartige Erfolgsgeschichte der Herztransplantationen. Zum Vergleich: Der weltweit erste Patient, der am 3. Dezember 1967 in Südafrika operiert worden ist, überlebte nur 18 Tage, und das erste in München verpflanzte Herz schlug 1969 nur 27 Stunden lang. „Heute sind 75 Prozent der Empfänger nach drei Jahren noch am Leben, und über 40 Prozent sogar nach 20 Jahren“, berichtet Reichart.
Anlässlich des 50. Jubiläums der ersten Herztransplantation hat er ein Buch geschrieben, zusammen mit seiner Ehefrau Elke und deren Journalisten-Kollegen Andreas und Stephan Lebert. Es wurde gestern bei einer Lesung in Starnberg erstmals öffentlich vorgestellt.
Für diese „Herzensangelenheiten“ ist Reichart aus zweierlei Gründen prädestiniert: Zum einen hat er 1984 das Chefarzt-Erbe von Prof. Dr. Christiaan Barnard in Kapstadt angetreten, dem die erste Transplantation geglückt war. Reichart wurde zu seinem Nachfolger am berühmten Kapstädter Groote Schuur Hospital berufen. Zum anderen arbeitet der leidenschaftliche Wissenschaftler längst an der Zukunft der Transplantationsmedizin – und die gehört seiner Überzeugung nach der Nutzung von Organen genetisch veränderter Schweine für den Menschen.