Landsberg am Lech – Wenn Bernd Ullrich im Auto sitzt, dann ist er in Gedanken besonders oft bei seinem Spender. „Er war Motorradfahrer, ein junger Mann Anfang 20, ist bei einem Unfall gestorben.“ Mehr weiß Ullrich nicht über den Menschen, dem er sein zweites Leben verdankt. Und doch fühlt er sich ihm irgendwie verbunden. „Ich denke immer wieder an ihn. Daran, dass er mir praktisch sein Herz geschenkt hat. Und auch daran, dass seine Eltern der Organspende zugestimmt haben. Dafür bin ich ihnen allen sehr dankbar. Die Gedanken belasten mich nicht, im Gegenteil: Sie fühlen sich positiv an.“ Der 78-Jährige lässt keine Gelegenheit aus, für die Organspende zu werben. Er fühlt sich dazu verpflichtet. „Weil noch immer viel zu wenige Menschen wissen, wie viel Glück sie anderen mit einer Organspende hinterlassen können.“
Rückblende: Vor 40 Jahren steht Bernd Ullrich mitten im Leben. Er spielt Tennis, geht gerne Segeln oder in die Berge. Auch im Jobs läuft’s prima für ihn: Als junger Allgemeinmediziner hat er in Landsberg am Lech eine Hausarztpraxis übernommen, über einen Mangel an Arbeit kann er sich nicht beklagen. Die eine oder andere Erkältung kann ihm nichts anhaben – glaubt er zumindest. Und als ihm auf dem Tennisplatz immer mal wieder die Luft ausgeht, schiebt er dies auf den Stress im Beruf und seine etwas füllige Figur.
Doch als die Atemnot immer größer wird und sein Herz öfter aus dem Takt gerät, drückt sich der Doktor nicht länger vorm Arzt. Die Diagnose des Kollegen ist eindeutig: eine massive Herzschwäche, vermutlich entstanden infolge einer Herzmuskelentzündung. Diese Erkrankung wird oft von einer verschleppten Grippe verursacht.
Seine Leistungsfähigkeit verschlechtert sich in wenigen Monate dramatisch. Selbst die paar Stufen zu seiner Praxis im ersten Stock werden für den Hobby-Wanderer zur Everest-Besteigung. „Ich musste mehrfach stehen bleiben. Meine Lunge war voller Wasser, ich habe nur noch im Sitzen geschlafen – aus Angst, zu ersticken.“
In der Münchner Klinik am Augustinum eröffnen ihm die Ärzte, dass eine Herztransplantation seine einzige Überlebenschance ist. Am 15. Mai 1983 kommt Ullrich, damals gerade mal 44 Jahre alt, in Großhadern unters Messer, als einer von damals nur 25 Patienten in der Bundesrepublik. Sein großes Glück: Die Erfolgschancen bei Herztransplantationen sind in den letzten beiden Jahren massiv gestiegen – und zwar durch die Entdeckung des Immunsupressivums Cyclosporin. Dieses Mittel beeinflusst das Immunsystem so, dass die Abstoßung von fremden Organen vermieden wird. Sein Operateur Bruno Reichart war einer der ersten Herzchirurgen, der den großen Nutzen dieser Medikamente erkannt hatte.
Ullrich übersteht die schwere OP, aber die ersten Tage danach sind hart. Zum Schutz vor Keimen liegt er in einer Art Glaskäfig, eine Scheibe trennt ihn von seiner Familie. „Mein Gesicht war stark aufgedunsen – gerade für meine Kinder ein furchtbarer Anblick!“ Seine Söhne Axel und Dirk sind damals acht bzw. 13 Jahre alt. Doch mit der Zeit erholt sich ihr Papa, sein neues Herz schlägt beständig. „Die Atemnot und die Herzrhythmusstörungen sind verschwunden.“ Trotz der Gefahr, die jede Infektion für sein Herz bedeuten kann, genießt Ullrich sein Leben in vollen Zügen. Seinen Job als Hausarzt muss er zwar aufgeben, aber er macht eine Fortbildung zum Psychotherapeuten. Er geht wieder zum Wandern und zum Segeln, unternimmt Reisen nach Nepal, Tibet und Thailand. „Als Professor Reichart von meinen Urlaubsplänen erfahren hat, ist er fuchsteufelswild geworden und hat mich geschimpft: In diesen Ländern sei die Ansteckungsgefahr viel zu groß. Ich hab’s trotzdem gemacht“, erinnert sich Ullrich schmunzelnd. Denn noch größer als das Risiko war das Vertrauen in sein neues Herz. „Ich habe mich über all die Jahre immer gut und stark genug gefühlt.“
Bis heute nimmt Ullrich keine einzige Herztablette. Auch eine Rücken-OP hat er problemlos überstanden. „Wenn alle meine Körperteile so gut funktionieren würden wie mein Herz, gäb’s überhaupt nix zu meckern“, erzählt der 78-Jährige lachend. Klar, in seinem Alter zwickt’s hier und dort mal. Aber Hand aufs Herz: Wer hätte vor 34 Jahren gedacht, dass er mal so fit auf seinen 80. Geburtstag zusteuern würde.