-Viele Schmerzmittel gibt’s rezeptfrei. Warum sollten sie gefährlich sein?
„Die Dosis macht das Gift“, sagt Jörg Schelling, Professor am Institut für Allgemeinmedizin am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. „In den angegebenen Dosierungen und bei zweckmäßiger Einnahme überwiegt der Nutzen gegenüber den Nebenwirkungen. Eine längere Einnahme sollte aber immer mit einem Arzt abgesprochen sein und nicht in Eigenregie vorgenommen werden.“ Dann kann das Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen ansteigen.
-Warum spüren wir überhaupt Schmerzen?
„Schmerzen dienen dem Körper als Warnsignal“, sagt Schelling. Zum einen will er darauf hinweisen, dass er verletzt ist wie bei Schmerzen in der Schulter. Manchmal versucht der Körper aber auch über Reflexe, die im Rückenmark entstehen, eine drohende Verletzung zu vermeiden. „Diese Schmerzen haben also eine Schutzfunktion für unseren Körper“, erklärt Schelling. Chronische Schmerzen haben jedoch keinen Warncharakter mehr. Dann spürt der Patient zum Beispiel anhaltende Rückenbeschwerden, obwohl keine akute Ursache mehr vorliegt. Es hat sich eine Art Schmerzgedächtnis gebildet.
-Wie wirken Schmerzmittel?
Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac und Acetylsalicylsäure (kurz: ASS) gehören zu den sogenannten nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR). Diese hemmen die Cyclooxygenase-1 und -2 (COX-1/ COX-2). Das wiederum sind Enzyme, die verantwortlich sind für die Produktion von Schmerz-Botenstoffen. Vor allem schränken diese Arzneimittel COX-1 ein, die im Körper für Entzündungsreaktionen und die Magensäureproduktion zuständig sind. Weil COX-1 im ganzen Körper vorkommt, wird die Schmerzempfindung überall blockiert.
-Sind alle Schmerzmittel für die gleichen Probleme da?
„Alle Schmerzmittel haben einen unterschiedlichen chemischen Aufbau und das zieht jeweils andere Wirkweisen nach sich. ASS stammt ursprünglich zum Beispiel aus dem Extrakt der Weidenrinde, der Salicylsäure, wohingegen Diclofenac zu den Phenylessigsäuren – Derivate der Essigsäuren – gehört.
-Wie unterscheidet man, wann man welches Schmerzmittel nehmen sollte? Oder ist das eine Frage der persönlichen Vorliebe?
„Das hängt davon ab, welche Indikation besteht und welches Schmerzmittel vertragen wird“, sagt Schelling. ASS, Ibuprofen und Diclofenac sind nicht für jedermann gut geeignet. Das hängt von der individuellen Verträglichkeit und dem körperlichen Zustand des Patienten ab. Vor allem Schwangere und Personen mit Magenproblemen sollten diese Mittel nur in Absprache mit ihrem Arzt einnehmen.
-Können diese Medikamente aghängig machen?
Beim Bonn-Marathon im Jahr 2012 gaben rund 50 Prozent der 8000 Teilnehmer an, dass sie ASS, Ibuprofen oder Diclofenac eingenommen haben. „Schmerzmittel können tatsächlich süchtig machen, denn sie suggerieren Leistungsfähigkeit, weil subjektiv gesehen keine Schmerzen mehr verspürt werden“, sagt Schelling. „Das Maß, wann die Einnahme zur Sucht führt, ist jedoch bei jedem anders ausgeprägt.“
-Kann eine Einnahme bis zum Tod führen?
Ibuprofen und Paracetamol stehen laut einer Studie zum Giftnotruf in Erfurt an erster und zweiter Stelle bei Arzneimittelvergiftungen von Erwachsenen. Von 2007 bis 2016 kam es zu 4889 Todesfällen bei Ibuprofen und 3533 bei Paracetamol. Das sind in den zehn Jahren 2,3 Personen pro Tag. Paracetamol kann bei einer Dosis von 7,5 g (15 Tabletten) für einen Erwachsenen tödlich sein. „Eine akute ASS-Vergiftung ist dagegen schwer zu erreichen“, sagt Schelling.
-Wie lange sollte man Schmerzmittel im Allgemeinen nehmen?
„In der Regel sollten sie nicht länger als drei Tage lang eingenommen werden, wobei die Tagesdosis einzuhalten ist“, sagt Schelling. Genauere Angaben stehen jeweils im Beipackzettel.
-Gibt es bei chronischen Schmerzen eine Alternative zu den frei verkäuflichen Mitteln?
„Selbstverständlich gibt es zahlreiche verschreibungspflichtige Schmerzmittel, die teils frei verkäufliche Wirkstoffe in Kombination mit anderen Wirkstoffen enthalten“, sagt Schelling. Hier sind zum Beispiel Kombinationen von Codein und Paracetamol zu erwähnen. „Hilfreich ist das WHO-Stufenschema zur Schmerztherapie.“ Bei chronischen Schmerzen gibt es alternative Therapien, die jeweils von der Ursache abhängig sind. Darauf sollte man seinen Arzt ansprechen. „Heutzutage ist das Ideal eine ,multimodale Schmerztherapie‘“, sagt Schelling. „Diese schließt die Gesprächstherapie, Psychologische Intervention, Physiotherapie und eine medikamentöse Therapie ein.“