Interview

„Erotik spielt sich im Kopf ab“

von Redaktion

Paartherapeutin Prof. Astrid Riehl-Emde erklärt, welchen Stellenwert Sex im Alter noch haben kann

Sex kommt in einer langjährigen Beziehung im Alter immer seltener vor. Wie Mann und Frau am besten damit umgehen und wie die Bedürfnisse und Wünsche in die Tat umgesetzt werden können, erklärt Paartherapeutin Prof. Astrid Riehl-Emde im Interview. Sie hört seit fast 20 Jahren speziell älteren Paaren in ihrer Sprechstunde zu, die sie am Zentrum für Psychosoziale Medizin im Universitätsklinikum Heidelberg anbietet.

-Spielen Lust, Erotik und Sex im Alter immer noch eine große Rolle?

In der Regel ja, allerdings häufig anders als in jungen Jahren. Es gibt altersbedingte, körperliche Veränderungen und auch die Bedürfnisse ändern sich im Laufe des Lebens. Und selbst wenn ein Paar keine Sexualität mehr lebt, aber beide Partner wissen, es wäre prinzipiell noch möglich, kreisen die Fantasien oft darum, ob zum Beispiel die Sexualität möglicherweise woanders gelebt wird. Allein das Wissen, es wäre noch möglich, bewirkt, dass das Thema aktuell bleibt.

-Worauf müssen sich Paare bei den Veränderungen im Alter einstellen?

Die Veränderungen betreffen einerseits die Häufigkeit, andererseits die erlebte Qualität. Bei der Häufigkeit – und ich beschränke mich hier auf die Sexualität des Paares – zeigen Statistiken, dass bis zum 60. Lebensjahr etwa 90 Prozent der Befragten noch sexuell aktiv sind. Ab dem 60., spätestens 70. Lebensjahr kommt es zu einer deutlichen Abnahme sexueller Kontakte.

-Empfinden Über-70-Jährige nichts mehr?

Sexuelle Aktivitäten, erotische Wünsche und Fantasien dauern oft bis in die hohen 80er-Jahre und verschwinden auch danach nicht ganz. Allerdings – und damit sind wir bei der Qualität – verändern sich die Intensität, oft auch die Vorlieben, Formen und Inhalte.

-Wie verändern sie sich?

Mit dem Älterwerden sinkt die sexuelle Ansprechbarkeit und auch die sexuelle Reaktionsfähigkeit nimmt ab. Das sind Begleiterscheinungen hormoneller Veränderungen. Erregungs- und Orgasmusfähigkeit bleiben aber grundsätzlich erhalten. Es braucht einfach mehr Zeit und intensivere Stimulation. Sexuelle Wünsche treten weniger spontan auf und sind weniger intensiv als in jüngeren Jahren. Der Körper reagiert langsamer und der Kopf spielt eine größere Rolle. Anders gesagt: Wer als Älterer oder auch in einer Langzeitbeziehung darauf wartet, von sexueller Lust überwältigt zu werden, kann manchmal lange warten.

-Wie sollten Mann und Frau die Probleme angehen?

Es ist empfehlenswert, sich zu sexuellen Rendezvous zu verabreden. Auch die sexuelle Beziehung benötigt eine Pflege! Wir wissen, dass die körperlichen, seelisch-geistigen und sozialen Fertigkeiten älterer und alter Menschen breiter gestreut werden als in jüngeren Jahren. Das heißt: Es gibt ältere Paare, die erstarrt wirken, andere gestalten auch im höheren Alter ihr Leben aktiv. Möglicherweise haben sie mehr Entwicklungspotenzial und nutzen dieses auch. Diese Spannbreite betrifft auch das Sexualleben.

-Können Sie das genauer erklären?

Ich habe Paare kennengelernt, die nach 40 Jahren eine erfüllte und leidenschaftliche Sexualität geteilt haben. Ein Anlass für die Paartherapie war in einem solchen Fall die Sorge der Ehefrau, ihr Sexualleben könnte auf der Strecke bleiben wegen chronischer Streitigkeiten. Ihr Mann suchte die Versöhnung im Bett, ihr war diese Art ohne Gespräch zuwider.

-Das heißt, dass Sex nicht immer nur einen bestimmten Zweck hat?

Sexualität kann ganz unterschiedliche Funktionen haben: Sie kann zur Versöhnung dienen. Sie kann aber auch im Machtkampf eingesetzt werden – das sind nur Beispiele. Und unabhängig von der Leidenschaft: Sexualität vermittelt in einer guten Beziehung vor allem Zuneigung, Vertrautheit und Zugehörigkeit. Sie kann das individuelle Wohlbefinden und die emotionale Qualität der Beziehung stärken.

-Welche typischen Probleme haben ältere Paare?

Männer haben typischerweise Angst vor dem Verlust ihrer Potenz, also dass ihr Glied nicht steif wird. Frauen befürchten eher, dass ihr alternder Körper für den Partner nicht mehr attraktiv ist. Diese Ängste potenzieren sich, wenn sie bei Mann und Frau zeitgleich auftreten. Dann ist es nicht erstaunlich, dass beide einem sexuellen Zusammensein eher ausweichen. Man zögert, wartet auf den anderen, der oder die aber ebenfalls zögert und wartet … Das ist ein Klassiker. Dabei bleibt die Sexualität auf der Strecke – obwohl beide dazu noch in der Lage wären und entsprechende Wünsche hätten.

-Was ist, wenn Krankheiten hinzukommen?

Das ist ein weiteres typisches Thema im Alter: die Einschränkungen infolge von Krankheit oder Gebrechlichkeit. Interessant ist, dass die Paare besser damit zurechtkommen, die früher schon mit derartigen Einschränkungen konfrontiert waren. Sie haben einen Umgang damit gefunden und nicht einfach verzichtet. Sie haben sich aktiv etwas einfallen lassen.

-Was kann man tun angesichts der Angst vor Potenzverlust oder davor, nicht attraktiv zu sein?

Zunächst einmal sollte man das gemeinsame Vermeidungsmuster erkennen und den Mut haben, eigene Hürden zu überwinden, statt dem Partner alle Verantwortung zuzuschieben. Häufig sind die Ängste nämlich übertrieben. Das heißt also: Nicht auf den anderen warten, sondern selbst aktiv werden – spielerisch und mit Humor. Ich weiß, dass das einfacher gesagt ist als getan, doch immerhin haben Ältere mehr Erfahrung als Jüngere.

-Was würden Sie den Einzelnen raten?

Dem Mann würde ich sagen: Es kommt doch auch anderswo etwas vor im Leben, das nicht klappt. Dann würde ich ihn fragen, wie er sonst damit umgeht. Vielleicht lässt sich etwas davon auf die Sexualität übertragen? Die Männlichkeit wird viel zu oft an der Steife des Glieds festgemacht. Als ob ein Mann nichts anderes zu bieten hätte!

-Was würden Sie der Frau raten?

Für viele Frauen ist es tatsächlich weniger wichtig, ob das Glied des Partners steif wird. Und was die Angst der Frau vor ihrer nachlassenden Attraktivität angeht: Die ist häufig auch übertrieben. Selbstverständlich lässt die erotische Ausstrahlung nach – bei Frau und Mann. Daran lässt sich nicht viel drehen. Doch Erotik wird ja nicht nur durch den Körper vermittelt. Sie spielt sich im Kopf ab! Sie hat viel mit der Ausstrahlung und dem Verhalten zu tun. Wir wissen, dass sich langjährige Ehepartner in der Regel sehr vielschichtig wahrnehmen, denn auch der ehemals junge Mann und die junge Frau sind im Innern noch präsent. Diese Phänomene sind möglicherweise wichtiger als die zunehmenden Runzeln und Erschlaffungen.

-Wie schaut es mit einer neuen Liebe aus: Kann man sich auch im Alter noch verlieben?

Durchaus. Die Fähigkeit, sich zu verlieben, geht uns nicht verloren. Eine neue Liebe oder sexuelle Beziehung sind sogar im hohen Alter noch möglich. Aber sie werden unwahrscheinlicher.

-Wie wichtig ist dann der Sex noch?

Mindestens bis zum 60. Lebensjahr, vermutlich sogar noch länger ist die Beziehungsdauer wichtiger als das Lebensalter für das, was im Bett läuft. Paare in längeren Beziehungen haben in der Regel weniger Sex als Paare, die erst zwei oder drei Jahre zusammen sind. Wenn sich ältere Menschen frisch verlieben, blüht oft das Sexualleben wieder auf. Eine junge Liebesbeziehung im Alter kann einiges wieder ankurbeln. Das macht eine neue Beziehung gerade so attraktiv.

-Lässt das Bedürfnis nach Sex trotzdem nach?

Damit ist zu rechnen. Das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Körperkontakt hört aber nie auf. Ich habe es oft erlebt: Wenn die emotionale Qualität der Beziehung stimmt, dann nehmen sich viele ältere Paare auch Zeit für Zärtlichkeit und zum Kuscheln.

-Warum ist Zärtlichkeit so wichtig?

Zärtlichkeit tut dem Wohlbefinden gut – und der alternde Körper kann in einer guten Beziehung sogar viel Zärtlichkeit auslösen. Kurzum: Wenn beide offen und mutig sind, sich ihren Ängsten zu stellen und vielleicht sogar über diese zu sprechen, können sie meist viel Neues voneinander erfahren. Das ist häufig entlastend. Für ein solches Gespräch kann natürlich auch eine Drittperson hilfreich sein, falls es zu zweit nicht so klappt. Da denke ich vor allem an Professionelle. Sexualität im Alter darf sein, sie muss aber nicht sein!

Das Gespräch führte Angelika Mayr.

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