-Wann hast du Deine allererste Geschichte geschrieben?
Ich habe mir schon in der Grundschule Geschichten ausgedacht. Viele handelten von der Schule oder meinem Cousin. In der fünften Klasse habe ich dann bei dem Münchner Krimipreis mitgemacht und dafür meine erste richtige Geschichte fertig geschrieben. Leider habe ich nicht gewonnen.
-Um was ging es in dieser Geschichte?
Der Krimi hieß „Fanny Monaco“. Und ja, die Hauptperson war wie ich. Darin erzählt aber mein Hund Bärli, denn damals habe ich meinem richtigen Hund nachgetrauert. In der Geschichte habe ich eine gute Freundin, deren Papa einen Eisstand besitzt. Viele Kinder holen dort regelmäßig ihr Eis. Irgendwann wird der Eishändler von der Mafia erpresst. Das wollen sich Fanny Monaco und ihr Hund nicht gefallen lassen und sperren die Mafia-Leute in Mülltonnen.
-Ich hoffe, du wurdest selber noch nicht in Mülltonnen gesperrt?
(Lacht.) Nein, aber in der fünften Klasse kommt man auf so verrückte Ideen. Damals habe ich alles noch mit viel Humor genommen. Inzwischen schreibe ich andere, nicht mehr so superlustige Geschichten. Jetzt beobachte ich die Leute um mich herum. Ich schreibe auf, was ich sehe, fühle und denke.
-Sitzt du dann auf einer Parkbank mit einem Stift oder deinem Handy in der Hand?
Nein, auf Parkbänken sitze ich nicht. Aber einen Stift hab’ ich immer dabei. Ins Handy notiere ich mir nur etwas, wenn es nicht anders geht. Da habe ich nicht das Gefühl, etwas zu schreiben. Ich denke immer und überall nach. Vor allem in der Schule schaue ich mir meine Klassenkameraden und meine Lehrer genau an. Diese kleinen Beobachtungen notiere ich mir in meine Notizbücher. Und manchmal baue ich aus diesen Textstückchen eine große Geschichte.
-Wenn deine Lehrerin also komisch lacht, könnte sie sich bald in einer deiner Geschichten wiederfinden?
Das könnte sein. Ich habe mal eine Geschichte geschrieben, in der viele Schüler einzeln beschrieben werden. Dazwischen hat der Lehrer geredet. Den habe ich so sprechen lassen wie meinen echten Griechischlehrer. Der sagt nämlich immer: „Ach Kinners, habt ihr euer Hausaufgäble vergessen?“ Aber in meinen Texten sind die Lehrer nie die Bösen. Sie sind die Harmlosesten.
-Wer sind die Bösen?
Das sind die Kinder und Jugendlichen, denn die können richtig ekelhaft werden. In meinem Text „Du Angeber“ schreibe ich zum Beispiel nur über eine Person. In einem anderen geht es um Jugendliche, die nur sich selbst sehen.
-Hat sich schon mal jemand wiedererkannt?
Ich zeige meine Texte selten den Leuten, über die ich schreibe. Das ist nun mal nicht nett gemeint. Aber andere Leute dürfen sie lesen – und die erkennen dann oft die beschriebenen Personen wieder.
-Auf welche Geschichte bist du heute noch stolz?
Die erste, die ich wichtig und gut finde, habe ich in der sechsten Klasse geschrieben: Es ging um den Buben Nozze Piano, der von seinen Eltern vernachlässigt wird. Sie sind reiche Anwälte und arbeiten immer. Er hat also viel Geld, ist aber oft allein. In der Schule wird er auch gehänselt. Er hat niemanden – außer sein Klavier. Eines Tages wächst ihm dann ein Geweih. Dadurch bekommt er Kraft und traut sich, sich gegen die hänselnden Mitschüler zu wehren und seinen Eltern die Meinung zu sagen.
-Wie kamst du auf das Geweih?
Nein, es ist mir nicht im Wildpark oder so eingefallen. Es kam mir einfach so in den Kopf, dass man damit ja einen stattlichen Hirschen verbindet, der stark ist. Und so ein Bub kann diese Stärke gut gebrauchen.
-Wie viele Geschichten hast du schon geschrieben?
Vielleicht so 20 Stück? Das sind zumindest die, die fertig sind, abgetippt, und zum Beispiel in Schreibwerkstätten besprochen werden. Die anderen sind in meinen Notizbüchern hängen geblieben und nicht fertig. Vielleicht werden sie irgendwann ein Teil einer größeren Geschichte.
-Warum ist dir Schreiben so wichtig?
Das hat viele Gründe. Zum einen bin ich kein Sportler- oder Musiktyp. Durch das Schreiben kann ich mich ausdrücken – und vor allem meine Wut verarbeiten. Sportler gehen joggen, wenn sie sich ärgern – und danach geht es ihnen besser. Ich schreibe mir meinen Ärger einfach weg.
-Wie gehst du beim Schreiben vor?
Das ist immer anders. Meist habe ich die Geschichte im Kopf, bevor ich anfange. Manchmal habe ich mir sogar einzelne Sätze vorab überlegt. Das Schreiben ist nicht so einfach. Ich kann nicht alles Satz für Satz runterkritzeln, sondern feile an jedem Wort herum. Bis eine Geschichte fertig ist, kann das bis zu drei Tage dauern! Ich schreibe Kurzgeschichten – aber über drei Seiten bin ich noch nie rausgekommen.
-Wie schwierig ist der erste Satz?
Das ist das Schwierigste überhaupt! Das Ende weiß ich meistens schon vorher und auch, was generell so passiert. Aber wie ich anfange, daran arbeite ich lange. Trotzdem versuche ich, damit zu starten. Wobei nicht immer der erste Satz als Erstes und der letzte als Letztes fertig sein muss.
-Bekommst du denn auch Hilfe?
Einmal im Monat treffe ich mich mit anderen Jugendlichen im Literaturhaus München. Dort arbeiten wir an Texten und besprechen sie. So versuchen wir Wörter, die nicht schön klingen, zu ersetzen. Manchmal wird der Text auch umgebaut, weil er nicht logisch ist. In meinen Ferien fahre ich in Schreibcamps. Dort kann ich an kleinen Texten rumarbeiten. Am Ende trage ich das Beste, was ich geschrieben habe, vor allen Teilnehmern vor.
-Wenn du so viele andere Schreiber triffst: Zweifelst du mal an dir selbst?
Manchmal schon, zum Beispiel, wenn ich merke, wie poetisch die anderen sind.
-Du bist für den Preis „Theo“ nominiert. Wie bist du dafür auf deine Geschichte gekommen?
Ich habe ein Mädchen kennengelernt, das als Bub geboren wurde. Aber sie fühlte sich ihr Leben lang als Mädchen – und möchte eben jetzt ein Mädchen sein. Ich habe mich gefragt, wie das für eine Mutter ist, die einen Buben geboren hat – und jetzt ein Mädchen großzieht. Das ist meine Geschichte. Dazu habe ich das Mädchen genau beobachtet und lange mit ihr gesprochen. Ich finde, der Text passt gut zum vorgegebenen Thema „Zwischenräume“. Deswegen habe ich ihn eingereicht – und hoffentlich wird’s was.
Das Gespräch führte
Angelika Mayr.