Neues Buch

Ist Einsamkeit wirklich tödlich?

von Redaktion

Von Kathrin Drinkuth

Ist Einsamkeit eine Krankheit? Ein Leiden, das ansteckend ist – und sogar tödlich verlaufen kann? Der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer will das belegen: In seinem neuen Buch „Einsamkeit, die unerkannte Krankheit“ beschreibt er, welchen gravierenden Einfluss das Phänomen seiner Ansicht nach auf Körper und Seele der Betroffenen haben kann. Seine These: Wer einsam ist, erkrankt häufiger als andere beispielsweise an Krebs, einem Herzinfarkt, Schlaganfall, an Depressionen oder Demenz. Zudem breite sich Einsamkeit aus wie eine Epidemie – man könne bereits jetzt von einem „Megatrend“ sprechen.

Doch schon die Frage, ab wann ein Mensch einsam ist, ist nicht so leicht zu beantworten – denn grundsätzlich ist das eine subjektive Einschätzung: Man fühlt sich einsam. „Mancher lebt zwar allein (also in einem Singlehaushalt), ist aber dauernd mit Freunden zusammen, wohingegen andere zum Beispiel als Paar im fortwährenden Rosenkrieg zusammenleben und nur selten mit anderen Kontakt haben“, schreibt Spitzer.

Auch Maike Luhmann, Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität Bochum, sagt: „Es gibt keine offizielle Diagnose für Einsamkeit, und daher auch keinen ,Wert‘, ab dem jemand einsam ist.“ Man messe das Phänomen, indem man Menschen entweder direkt zu dem befrage oder indirekt zu ihrer sozialen Verbundenheit. „An den Antworten kann man einschätzen, wie hoch der Anteil derjenigen ist, die sich manchmal, oft oder immer einsam fühlen.“

Es gebe zwei Phasen im Leben, in denen der Mensch besonders von Einsamkeit betroffen sei, schreibt Spitzer. Zum einen ist es das Alter: Der Stellenwert von Ehe und Familie habe abgenommen, zudem gebe es immer mehr ältere Menschen, die im Schnitt immer älter würden. Aber auch jüngere Menschen seien betroffen – das liege an zwei weiteren großen Trends der Gesellschaft: Der Urbanisierung und der zunehmenden Nutzung von (sozialen) Medien. „Die Digitalisierung bringt Menschen nicht, wie oft behauptet wird, zusammen, sondern bewirkt eine Zunahme von Unzufriedenheit, Depression und Einsamkeit“, schreibt Spitzer, der seine Thesen mit vielen Studien untermauert – sein Literaturverzeichnis umfasst 40 Seiten.

Auch das Mitgefühl nimmt laut Spitzer ab: Eine Metanalyse, also eine Analyse mehrerer Studien, über drei Jahrzehnte mit Daten von insgesamt 13 737 Studenten habe einen deutlichen Rückgang der Empathie und der Fähigkeit zur Einnahme der Perspektive anderer ergeben. Die Menschen kümmerten sich weniger umeinander und legten nicht mehr so viel Wert auf Gemeinschaft wie früher. Die Folge: Einsamkeit nimmt zu. Wer sich jedoch dauerhaft einsam fühlt, bei dem könne dies häufiger zu chronischen Krankheiten führen, sagt Spitzer. Durch Einsamkeit steige die Wahrscheinlichkeit etwa von Schlafstörungen, Depressionen und Infektionskrankheiten. Auch Krebs und psychische Krankheiten könnten begünstigt werden. Einsamkeit als „Todesursache Nummer eins“, wie ein Kapitel heißt?

So weit würde Expertin Luhmann nicht gehen. Es gelte aber als belegt, dass Einsamkeit zu gravierenden psychischen und körperlichen gesundheitlichen Problemen führen könne, sagt sie. „Chronisch einsame Menschen werden eher depressiv, entwickeln eher Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und sterben früher im Vergleich zu nicht-einsamen Menschen.“ Luhmann schätzt, dass zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung mindestens manchmal betroffen ist. Ob die Zahl steigt, lasse sich aber nicht seriös belegen, da es aus früheren Jahren keine Daten gebe. „Wir können aber sagen, dass Einsamkeit ein Phänomen ist, das uns schon seit Jahrtausenden begleitet.“

Aber warum sind zwischenmenschliche Beziehungen überhaupt wichtig? „Wir Menschen haben zwei Grundprobleme: Einsamkeit und Unsicherheit“, sagt der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger. „Deshalb sind wir – um unser Selbstbewusstsein aufrechtzuerhalten – auf enge Beziehungen angewiesen.“ Freundschaften täten den Menschen gut, weil sie etwa Verlässlichkeit, Sicherheit, Geborgenheit und Verstehen bedeuteten. 100 Freunde bei Facebook ersetzten Freunde im wahren Leben aber nicht, warnt Krüger, der auch ein Buch über Freundschaft geschrieben hat. Per Mail oder „Chatnachricht“ in den sozialen Medien erhalte man nur zehn Prozent der Infos, die man brauche, um andere Menschen zu verstehen. „Wir müssen die Aura des anderen spüren, ihn sehen, riechen, hören.“

Aber was kann man gegen Einsamkeit tun? Eine Anleitung für soziale Integration bekommt man auch von Spitzer nicht. Ein paar positive Beispiele nennt er aber: einander helfen, musizieren, singen, tanzen, Zeit in der Natur verbringen. „Alle Handlungen, die uns einander näherbringen, wirken gegen Einsamkeit“, schreibt der Hirnforscher. „Jeder Einzelne kann sich mehr um andere kümmern, und unsere Gesellschaft kann dem mehr Raum geben und für eine ,artgerechtere‘ – gemeinschaftsorientierte und damit menschlichere – Umgebung sorgen.“

Aus Sicht von Expertin Luhmann wäre es notwendig, die Rahmenbedingungen zu verbessern, um Betroffenen die Teilnahme am täglichen sozialen Leben zu erleichtern. „Auch die Förderung von Initiativen kann hilfreich sein“, sagt die Psychologin. „Und schließlich benötigen wir einen Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung, denn Menschen, die chronisch einsam sind, kommen da häufig nicht mehr ohne professionelle Unterstützung raus.“

Das Buch

„Einsamkeit – die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich“ von Manfred Spitzer ist im Droemer HC Verlag (320 Seiten) erschienen und kostet 19,99 Euro.

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