Medizinkolumne

Kein Medikamenten-Stopp nach einer Bypass-OP!

von Redaktion

Vor einigen Tagen stellte sich Herr K. wieder in meiner Praxis vor. Nachdem wir an seinen Herzkranzgefäßen mehrere hochgradige Engstellen diagnostiziert hatten, musste eine Bypass-OP durchgeführt werden. Vor der Operation hatte der Patient große Bedenken, ob er diese gut überstehen würde – ob er hinterher Schmerzen haben würde, vor allem aber, ob er wieder ein normales Leben führen könne.

In Nachhinein schienen seine Bedenken fast grundlos gewesen zu sein: Gerade einmal sechs Monate nach der OP war er wieder voll leistungsfähig, Atemnot und Herzschmerzen waren verschwunden und er konnte sogar schon wieder Sport treiben. Er hatte also das Gefühl, er sei komplett „geheilt“ und wollte jetzt alle Medikamente Schritt für Schritt absetzen.

Das geht aber nicht! Die moderne Bypass-Chirurgie oder auch Stentimplantation liefert einerseits fabelhafte Ergebnisse und verbessert sowohl die Lebensqualität als auch die Lebenserwartung. Andererseits „heilt“ aber weder die Bypass-Operation noch die Stentimplantation die eigentliche Grunderkrankung. Beseitigt werden – soweit möglich – nur die zum Zeitpunkt des Eingriffs vorhandenen Engstellen der Herzkranzgefäße, die zu Durchblutungsstörungen des Herzens und so zu Schmerzen und Atemnot führen.

Die Grunderkrankung, also die Gefäßverkalkung oder Atherosklerose der Herzkranzgefäße, bleibt bestehen. Diese wird durch eine Schädigung der Innenwand der Herzkranzgefäße, unter anderem durch Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Rauchen oder erhöhte Cholesterinwerte, verursacht. Die Behandlung nach der OP muss demnach auf eine Korrektur dieser Risikofaktoren abzielen.

Ein zusätzlicher Risikofaktor ist eine erbliche Belastung, die wir ebenso wie Geschlecht und Alter naturgemäß nicht beeinflussen können. Alle anderen Risikofaktoren kann man meist durch eine Umstellung der Ernährung, durch Ausdauersport und durch Medikamente erheblich verbessern.

Da sind wir auch schon beim nächsten Thema: Mein Patient darf seine Medikamente selbstverständlich nach der Bypass-Operation nicht absetzen. Die Grundlage der medikamentösen Therapie stellt die Behandlung mit ASS und einem cholesterinsenkenden Medikament dar. Die Blutplättchen (Thrombozyten) beispielsweise spielen bei der Atherosklerose und ihren Folgen eine zentrale Rolle, denn durch ASS wird das Zusammenhaften gestoppt. Und in den atherosklerotischen Plaques befindet sich besonders viel Cholesterin. Daher ist die Senkung des Cholesterins so wichtig, um ein Fortschreiten der Herzkranzgefäßerkrankung zu verhindern.

Bei aller Euphorie über den erfolgreichen Verlauf der Bypass-Operation des Patienten, musste ich ihm also verständlich machen, dass eine Erkrankung der Herzkranzgefäße eine chronische Erkrankung ist, die einen lebenslang begleitet.

Allerdings ist es heute möglich, durch moderne Operationsverfahren, Stentimplantationen, eine unterstützende medikamentöse Therapie und durch eine Umstellung der Lebensgewohnheiten ein normales Leben zu führen. Und was ist dafür wichtig? Eine enge Verbindung zum Arzt, viel Aufklärungsarbeit und natürlich auch Ihre Mitarbeit!

HERZENSSACHE

von Dr. Barbara Richartz

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