Sonntagabend, 20 Uhr: Normalerweise sind die Notaufnahmen in den Kliniken zu dieser Zeit überfüllt. Aber heute herrscht der Ausnahmezustand. Vor rund einer Stunde ging das WM-Spiel Deutschland–Mexiko zu Ende. Und jeder weiß: Das war Stress pur! Besonders die ersten 30 Minuten nach dem Anpfiff – und die letzten 15 Minuten.
Bei herzkranken Menschen kann dieser Stress sogar in eine lebensbedrohliche Situation umschlagen: Im schlimmsten Fall bis hin zum Herzinfarkt oder zu bedrohlichen Herzrhythmusstörungen. Von den zurückliegenden Weltmeisterschaften wissen wir, dass sich herzbedingte Notfälle immer dann häuften, wenn die deutsche Mannschaft antrat. Spiele, bei denen unsere Mannschaft hingegen nicht involviert war, nahmen Herzpatienten absolut gelassen auf.
Konkret stiegen herzbedingte Notfälle um das Dreifache an. Die Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, war sogar um das Vierfache erhöht. Für herzgesunde Fußball-Fans war indes das Risiko nicht wesentlich erhöht. Was könnten Gründe für diesen dramatischen Anstieg der Herzinfarktrate sein?
Eindeutige wissenschaftliche Daten fehlen. Allerdings gibt es eine Reihe plausibler Erklärungen: Gesteigerter Alkoholkonsum, fett- und salzreiches „Fastfood“ – und durch die Nervosität exzessives Rauchen. Manchmal werden sogar die Herzmedikamente – durch die Aufregung – vergessen!
Der wichtigste Risikofaktor ist jedoch der emotionale Stress, den ein Fußballspiel verursacht. Der Körper schüttet vermehrt Stresshormone aus, die die Gefäße verengen, den Blutdruck stark ansteigen lassen und den Puls beschleunigen. Und genau das kann im Extremfall einen Herzinfarkt auslösen.
Doch wie kann man sich vor einem Spiel der deutschen Mannschaft schützen, wenn bereits eine Herzkranzgefäßerkrankung vorliegt? Vor einem Stressereignis dieser Art ist es wichtig, die Medikamente nochmals in der verabreichten Dosierung vom Arzt überprüfen zu lassen: Ist die Blutdruck-Einstellung ausreichend oder muss – gegebenenfalls – ein zusätzliches blutdrucksenkendes Medikament (etwa ein Betablocker) verabreicht werden?
Viele Risikofaktoren und akute Notfallsituationen sind nämlich gut beeinflussbar. Falls Sie extrem aufgeregt sind und das schon vor dem Spiel, kann die zusätzliche vorbeugende Einnahme eines Beruhigungsmittels – ausnahmsweise – sinnvoll sein. Wenn Sie den Stress kaum noch aushalten können, schalten Sie den Ton Ihres Fernsehers kurz aus oder verlassen Sie den Raum, um sich wieder zu beruhigen.
Wenn „Angina-pectoris-Beschwerden“ auftreten, sollten Sie frühzeitig Nitrospray einnehmen. Klingen die Beschwerden innerhalb von fünf Minuten nicht ab, rufen Sie sofort den Notarzt (Telefonnummer: 112) und warten nicht bis zum Ende des Spiels!
Fußball ist und bleibt der Volkssport Nummer eins! Kein anderer Sport ist so emotional und unterliegt einem nicht unerheblichen Nationalstolz. Und gerade deshalb können die Spiele für Herzkranke zu einer großen Belastung werden. Dennoch, auch als noch so großer WM-Fan, müssen Sie an das Spiel am kommenden Samstag und (hoffentlich) an alle folgenden Spiele mit einer gewissen Gelassenheit herangehen. Schließlich ist Fußball doch nur ein Spiel!
HERZENSSACHE
von Dr. Barbara Richartz