Zugegeben, wenn man jünger ist, denkt man oft: „Das mache ich, wenn ich in Rente bin …“ Aber wer hält schon Wort und löst solche Versprechungen dann ein? Richtig, die wenigsten. Dabei beginnt mit dem Ruhestand ein ganz neuer Lebensabschnitt – den man genießen darf, ja, gar muss! Die Kinder sind längst aus dem Haus, kein Job, der stresst, dafür Freizeit satt. Die beste Zeit also, einfach nur zu leben und sich endlich mal seine Träume zu erfüllen!
Älter werden heißt ja nicht automatisch, krank und eingeschränkt zu sein. „Dieses tradierte Altersbild ist völlig unzutreffend“, sagt Erhard Hackler von der Deutschen Seniorenliga. Er plädiert dafür, lieber auf die Freiheiten zu schauen, die das Alter mit sich bringt. Denn: Alter sei eine bunte Vielfalt.
Wer älter ist, sollte vor allem eines tun: seine Freizeit nach eigenen Vorlieben gestalten – und dabei gern auch mal über die Stränge schlagen. „Je oller, desto doller“, sagt Hackler und zwinkert dabei. Senioren sollten sich nicht um gesellschaftliche Konventionen scheren. Sie sollten Neues wagen, Unbekanntes ausprobieren, sich lang gehegte Wünsche erfüllen.
Egal ob einfach mal wieder tanzen zu gehen, eine Wein- oder Bierprobe mitzumachen oder eine Reise zu planen: „Es geht vor allem darum, auszutesten, was die Gesundheit noch so hergibt – mit einem gewissen, aber beherrschbaren Risiko“, erklärt Experte Hackler. Warum sollte man sich im Alter nicht noch einmal an eine neue Fremdsprache herantasten? Oder eine Sportart ausprobieren? Fremde Ort entdecken?
Mal die „Sau rauslassen“ – das stünde den meisten Senioren hervorragend zu Gesicht, sagt Hackler. „Und die Gesellschaft sieht einem das auch nach – die meisten Menschen sind nicht mehr engstirnig wie früher. Im Gegenteil: Sie haben Verständnis dafür.“
Umgekehrt sollten Ältere aber auch den Mut haben, „Nein“ zu sagen – zum Beispiel dann, wenn sie Zeit für sich brauchen. Oder zu einer Aktivität schlichtweg keine Lust haben.
Wer gerade aus dem Berufsleben ausgestiegen ist – oder dies plant –, hat vielleicht nach einer anfänglichen Hochstimmung Probleme mit dem neuen Freiraum. „Zunächst fehlen die gewohnten Tagesabläufe, die vertrauten Menschen, die Aufgaben und die berufliche Anerkennung“, erklärt Petra Uhlenbrocks. Sie ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin und berät Menschen zum Start in den Ruhestand – einer herausfordernden Lebensumstellung, zumindest für die meisten.
Den Ruhestand sieht Uhlenbrocks wie eine Entdeckungsreise: „Je deutlicher sich ein Mensch von bisherigen Routinen und Denkmustern lösen kann, je neugieriger er auf die vielen neuen Möglichkeiten ist, desto spannender kann diese Entdeckungsreise werden“, sagt sie. „Die Überzeugung, dass man für vieles zu alt ist, sollten die heute meist fitten und dynamischen Rentner als Erstes über Bord werfen.“ Auch von Argumenten wie „Das liegt mir nicht“, „Das habe ich noch nie gemacht“ oder „Was sollen bloß die anderen denken?“ sollte man sich im Ruhestand schleunigst freimachen. Wer dem Alter positiv gegenübersteht und es als neue Freiheit begreift, tut sich also einen Gefallen.
Das findet auch Alternsforscher Professort Klaus Rothermund. Er sagt: „Studien haben gezeigt, dass Leute, die ein positives Altersbild haben, später selbst zufriedener altern.“ Gleichzeitig wirke sich eine positive Lebenseinstellung auch auf die eigene Gesundheit aus. Denn mit Plänen und Ideen für die Zukunft schafften sich Ältere eine ganz eigene Motivation, möglichst lange fit zu bleiben.
Tatsache ist: Ältere Menschen sind zufriedener, wenn sie aktiv sind, wenn sie etwas leisten – vor allem aber, wenn sie das Gefühl haben, gebraucht zu werden, etwa von den eigenen Enkeln. Zumal es auch wichtig ist, sich mit jüngeren Menschen zu umgeben. Der generationsübergreifende Austausch und das Wahrnehmen von Kontakten in altersgemischten Gruppen könne „kognitivem und physiologischem Verfall“ entgegenwirken, sagen Experten.
Welche Aktivitäten im Ruhestand die passenden sind, das muss aber jeder für sich selbst entscheiden. Ganz individuell. Wie wäre es mit einem ehrenamtlichen Engagement? Oder einer Mitgliedschaft im örtlichen Schützenverein? Manche finden ihre Erfüllung auch in einem Beruf nach dem Beruf: als Senior-Experte. Doch selbst wenn die Rente unzählige Möglichkeiten mit sich bringt, allerhand zu unternehmen: „Auch einfach mal nichts zu tun, kann super sein“, sagt Alternsforscher Rothermund.
Der wichtigste Ratschlag kommt freilich ganz zum Schluss: Wer sich selbst nicht zu wichtig nimmt, der bleibt stets offen für Neues – und wird gern mal positiv überrascht.