Es ist ein unangenehmes Thema: Hörverlust im Alter. Viele verdrängen das Problem lieber. Doch genau das ist der falsche Weg, warnt der Leitende Oberarzt und stellvertretende Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Klinikum der Universität München, PD Dr. John-Martin Hempel. Ein Experten-Interview zum Tag der Gehörlosen an diesem Sonntag.
-Viele ältere Menschen hören schlechter, merken es aber nicht. Wieso?
Hörverlust ist ein schleichender Prozess. Meistens denken Betroffene, dass die anderen nur undeutlich sprechen oder nuscheln. Am Anfang sind es ja vor allem hohe Frequenzen, die man nicht mehr wahrnimmt – zum Beispiel Vogelgezwitscher. Das bemerken wir zunächst nicht. Irgendwann schreitet die Schwerhörigkeit aber voran, wir hören die Zischlaute s, z, sch schwerer. Dann verstehen wir auch die Sprache schlechter. Das macht sich insbesondere in geräuschvoller Umgebung, wie in einer Kneipe oder einem Konzert, bemerkbar. Man nennt das den Cocktail-Party-Effekt.
-Manche versuchen den Hörverlust dann auszugleichen …
Nicht selten durch Vermeidungsverhalten: Sie bleiben auf einmal lieber daheim, gehen nicht mehr zum Stammtisch oder ins Theater. Doch auch zuhause wird es nicht einfacher. Das beste Beispiel ist, wenn die Familie zusammen Fernsehen schaut und die Mutter – wir nehmen sie jetzt als die Schwerhörige – versucht, den Apparat lauter zu stellen. Ein Klassiker.
-Wodurch entsteht ein Hörverlust im Alter?
Das hat viele Ursachen. Oft haben wir eine genetische Veranlagung. Fettleibigkeit und auch eine Blutzucker-Erkrankung haben einen negativen Einfluss. Medikamente, wie Antibiotika oder Chemotherapeutika, können das Gehör ebenfalls schädigen. Die Ausprägung für eine Schwerhörigkeit im Alter ist aber auch von Faktoren wie Lärm abhängig: Deswegen sind Männer häufiger betroffen – sie waren oder sind am Arbeitsplatz oft Lärm ausgesetzt. Rauchen hat ebenfalls einen schädlichen Einfluss, Alkohol genauso. Aber: Eine Ausnahme gibt es.
-Nämlich?
Den Rotwein. Er enthält Resveratrol, das eine antioxidative und entzündungshemmende Wirkung besitzt. Deshalb vermuten Forscher, dass Resveratrol gesundheitsfördernd ist. Wir sprechen hier aber nur von einem Gläschen Rotwein am Tag – nicht von exzessivem Konsum!
-Welche Art des Hörverlusts trifft vor allem Ältere?
Die Schwerhörigkeit im Alter entwickelt sich meist im Bereich des Innenohres – und dann sind stets beide Ohren betroffen. Hier kommt es zu einer irreversiblen Schädigung der sogenannten Haarzellen. Schwerhörigkeit im Alter ist aber nicht immer gleich ausgeprägt! Das ist etwas Individuelles. Es gibt Hörverluste, die am Beginnen sind, ein Hörgerät ist hier nicht nötig. In anderen Fällen ist es absolut notwendig.
-Wie stellt man das fest?
Indem man zum Arzt geht. Der hört sich erst die Krankengeschichte an, dann untersucht er das Ohr samt Trommelfell. Danach wird ein Hörtest gemacht. Der Arzt kontrolliert die einzelnen Töne und auch, wie der Patient die Sprache versteht. Deswegen muss dieser einsilbige Wörter wie Baum, Ohr oder Mond nachsprechen. Sie sind Teil eines genormten Sprachtests. So kann der HNO-Arzt beurteilen, ob ein Hörgerät nötig ist – oder regelmäßige Kontrollen reichen.
-Wann wird also ein Hörgerät gebraucht?
Ab einem Hörverlust von mindestens 20 Prozent sollte ein Gerät verordnet werden. Der Patient lässt dann bei einem Akustiker seiner Wahl das Hörgerät anpassen. Beim HNO-Arzt wird später überprüft, ob es geeignet ist, die Hör-Behinderung auszugleichen. Erst danach werden die Kosten für das Gerät von der Krankenkasse übernommen.
-Wie läuft die Anpassung beim Akustiker ab?
Bekommen Patienten ihre Hörgeräte das erste Mal ans Ohr, denken viele: „Das ist ja schrecklich. Es ist alles zu laut und zu verzerrt!“ Das Gerät muss dann an die Feinheiten angepasst werden – und der Patient muss sich an diese Art des Hörens gewöhnen. Ein Hörgerät bedeutet viel Geduld und man darf nicht frustriert sein. Es ist in keiner Weise mit einer Brille vergleichbar. Denn die feinen Strukturen des Innenohres lassen sich nie perfekt ausgleichen. Das Hörgerät ist immer bloß ein Kompromiss.
-Gibt es Patienten, die sich weigern, ein Hörgerät zu tragen?
Das ist leider sehr oft der Fall, denn viele fühlen sich dadurch stigmatisiert. Aber entscheidend ist – das muss der HNO-Arzt deutlich erklären –, dass die Menschen lautsprachlich untereinander kommunizieren. Das macht uns doch aus! Der Patient muss also realisieren, dass, wenn er seine Partnerin oder seine Familie nicht versteht, er sich helfen lassen sollte, statt sich zurückzuziehen. Ansonsten wird er einsam.
-Kann man den Hörverlust auch irgendwie anders ausgleichen?
Jetzt antworte ich sehr zynisch: Das Hörrohr bringt nichts. Es bringt eigentlich nur das Hörgerät etwas.
-Und was ist mit einem Implantat?
Es gibt unterschiedliche, etwa die aktiven Mittelohrimplantate, die auch Innenohrschwierigkeiten ausgleichen. Das sind Hörgeräte mit einem inneren Implantat und einem äußeren Teil, hier muss operiert werden. Krankenkassen tragen die Kosten, wenn die Implantation medizinisch angezeigt ist. Das muss individuell geprüft werden. Das sogenannte Cochlea-Implantat, eine Hörprothese, nimmt man, wenn der Patient auch mit einem perfekt angepassten Hörgerät weniger als 40 Prozent der Sprache versteht.
-Wie sollten sich Menschen, die schlecht hören, anderen gegenüber verhalten?
Patienten mit einem Hörgerät verstehen die Sprache manchmal trotzdem nicht. Beim Hörtraining mit dem Akustiker lernt der Patient deswegen auch, wie er mit seiner Umwelt umgehen muss. Denn er muss sich durchaus trauen, dem Gegenüber zu sagen: „Ich höre nicht so gut. Könntest du bitte deinen Satz wiederholen?“ Oder: „Könntest du dich bitte zu mir hindrehen? Dann kann ich dein Mundbild mit ablesen – das hilft mir beim Spracheverstehen.“ Es ist immer besser, wenn der hochgradig Schwerhörige auch das Lippenlesen lernt.
Das Gespräch führte Angelika Mayr.