Welche Infektionskrankheit in Deutschland kann innerhalb weniger Monate mehr als 20 000 Menschen das Leben kosten? Die wenigsten würden spontan an Grippe denken. Fieber, Husten, ein paar Tage matt – na und? Doch die Influenza zu unterschätzen hat Folgen, denn es handelt sich um eine ernsthafte Erkrankung: Bei einem schweren Verlauf kann die Grippe sogar eine Herzmuskel- oder Lungenentzündung nach sich ziehen. Und: Besonders im Alter kann sie zum „Killer“ werden, warnen zahlreiche Experten. Doch genau das ist vielen nicht bewusst.
Auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) rät daher dringend zum Impfen: „Jetzt, im frühen Herbst, ist die beste Zeit, sich impfen zu lassen“, sagt sie. „Die schwere Grippewelle vom vergangenen Winter hat gezeigt, wie wichtig ein Impfschutz ist.“ Das gilt insbesondere für über 60-Jährige, aber auch für chronisch kranke Menschen und Schwangere.
Bisher lässt sich nur ein Drittel der Senioren in Deutschland gegen Grippe impfen – das verschärft das Problem. „Das Immunsystem altert mit“, erklärt Silke Buda, Forscherin am Robert Koch-Institut (RKI). Wer also über 60 ist und vielleicht schon andere Krankheiten hat, ist besonders empfänglich für die Viren. RKI-Präsident Lothar Wieler ist überzeugt: „Mit keiner anderen Impfung lassen sich hierzulande mehr Leben retten.“
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen ab heuer die Kosten für den Vierfach-Impfstoff. Allerdings muss die Grippe-Impfung jedes Jahr aufgefrischt werden. Grund dafür ist, dass der Impfstoff für jede Saison neu zusammengesetzt wird – um den aktuellen Grippeviren zu trotzen.
Dass Grippe gefährlich werden kann, hat mehrere Gründe – wir haben die wichtigsten Fakten zusammengetragen. Ein Überblick in Kürze:
Lauernde Gefahr
Vor rund 100 Jahren brachte die „Spanische Grippe“ wahrscheinlich mehr Menschen in Europa um als der Erste Weltkrieg. Auch wenn die Lebensbedingungen heute viel besser sind und es deutlich mehr Medikamente gibt: Grippe-Seuchen („Pandemien“) sind weiterhin möglich. Deshalb untersuchen ausgewählte Laboratorien auf der ganzen Welt ständig zirkulierende Influenza-Viren und übermitteln ihre Ergebnisse an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Mit diesen Daten legt sie die Zusammensetzung für Impfstoffe jedes Jahr neu fest.
Erreger
Die Erreger der Influenza sind Viren, die Wissenschaftler in die Typen A, B und C unterteilen. Für Menschen sind die saisonal auftretenden Influenza A- und B-Viren besonders relevant. Sie können durch winzige Tröpfchen – ein Niesen reicht! – übertragen werden. Tückisch ist vor allem, dass Grippeviren einzelne ihrer Gensegmente schnell verändern können: So entstehen beim Typ A unterschiedliche „Subtypen“, beim Typ B neue „Linien“.
Grippewellen
Die Stärke der Wellen kann von Jahr zu Jahr erheblich schwanken. Früher wechselten sich starke und schwache Saisons oft ab. In den vergangenen Jahren gab es laut RKI mehrere heftige Wellen hintereinander. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) schätzt, dass pro Jahr zwischen einer und sieben Millionen Bundesbürger wegen Grippesymptomen zum Arzt gehen. Im vergangenen Winter lagen die Werte sogar noch darüber: bei geschätzten neun Millionen Besuchen. Bei schweren Grippewellen können in Deutschland mehr als 20 000 Menschen sterben. In milden Saisons ist oft keine vermehrte Sterblichkeit durch Grippe zu belegen.
Impfstoffe
Für diese Grippesaison gibt es von der Ständigen Impfkommission des RKI erstmals eine Empfehlung für einen Vierfachimpfstoff – mit jeweils zwei A- und B-Komponenten. Zuvor waren bei Grippewellen in Europa eher A-Subtypen dominant. Deshalb gab es eine Empfehlung für Dreifachimpfstoffe mit zwei A- und einer B-Komponente. Von der „Aufrüstung“ gegen B-Viren profitieren nun auch Kassenpatienten. Zuvor hatten häufig nur Privatpatienten Vierfach-Dosen angeboten bekommen.
Wirksamkeit
Bei einer sehr guten Übereinstimmung des Impfstoffs mit zirkulierenden Viren beobachten Forscher bei Erwachsenen eine Schutzwirkung bis zu 80 Prozent. Ältere Menschen können ihr Risiko halbieren: Die Wirksamkeit liegt dann zwischen 40 bis 60 Prozent. Passen die Komponenten schlecht, kann die Wirksamkeit deutlich niedriger liegen. In der vergangenen Saison, als eine B-Linie („Yamagata“) überraschend dominierte, lag der Schutz gegen dieses eine Virus bei der Dreifachimpfung laut RKI bei nur einem Prozent. Die A-Komponenten aber blieben wirksam. Dennoch: Eine Impfung gilt trotz dieser Unwägbarkeiten als bester Schutz, den es gegen Grippe gibt!
Zielgruppen
Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Grippe-Impfung generell Menschen ab 60 Jahren, Bewohnern von Alten- oder Pflegeheimen und Patienten mit chronischen Krankheiten oder Grundleiden. Eine Empfehlung gibt es auch für Schwangere. Der Vorteil ist, dass dann auch das Baby in den ersten Monaten einen Grippeschutz hat. Impfen lassen sollte sich auch medizinisches Personal.
Zeitpunkt
Auch wenn noch die Sonne scheint: Grippe-Impfungen sind im Oktober und November sinnvoll. Nach dem Piks dauert es zehn bis 14 Tage, bis sich der Impfschutz vollständig aufbaut. Die Wellen starten nämlich meist erst im Dezember oder Januar.