Warum erwischen uns Erkältungen jedes Jahr aufs Neue?
„Die meisten Viren sind so schlau, dass sie sich immer wieder verändern“, sagt Prof. Dieter Melchart, Leiter des Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin und Naturheilkunde (KoKoNat) am Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München. Mit diesem Trick entwischen selbst solche Erreger dem Immunsystem, mit denen der Körper bereits Kontakt hatte. Außerdem gibt es sehr viele verschiedene Viren, die Erkältungen auslösen. Darum gibt es – anders als gegen Influenza – auch keine Impfung, die vor Erkältungen schützt. Eine solche ist aber im Gegensatz zur echten Grippe harmlos.
Kann man also nichts tun, um sich zu schützen?
Doch – und das sollte man auch. Der Grundsatz „Vorbeugen ist besser als Heilen“ gilt nämlich auch in der Naturheilkunde. Aber: Viel wichtiger als Heilpflanzen sind hier andere Maßnahmen. Die wichtigste: „Regelmäßiges Händewaschen“, sagt der Experte. Erkältungsviren werden nämlich nicht nur durch Niesen übertragen, sondern auch, wenn man einem Erkrankten die Hand schüttelt oder Oberflächen berührt, auf denen Viren lauern: Türklinken oder Haltestangen in Bus und U-Bahn zum Beispiel. Wer heimkommt, sollte sich daher zuallererst gründlich die Hände waschen. Denn: Jeder neigt dazu, sich mit den Händen an Nase oder Augen zu fassen, oft unbewusst. Gleich nach der Hygiene kommen Maßnahmen, die den Körper fit halten und ihm so helfen, sich selbst zu wehren. Dazu gehöre es, sich regelmäßig zu bewegen, genug zu trinken, „eineinhalb bis zwei Liter pro Tag“, und ausreichend zu schlafen. Zudem sollte man die Füße warm halten. Der Hintergrund: Kalte Füße sind nämlich ein Anzeichen, dass auch die Nasenschleimhaut nicht mehr so gut durchblutet ist. Das ist aber wichtig, damit der Körper Erreger abwehren kann.
Helfen auch Heilpflanzen, Erkältungen abzuwehren?
Generell gilt: Heilkräuter wirken am besten, wenn man sie schon bei einem Anflug einer Erkältung nimmt. Anders als eine echte Grippe, die sofort mit voller Wucht zuschlägt, schleicht sich eine Erkältung nämlich langsam heran. Wer abends ein leichtes Halskratzen spürt, sollte also handeln. Melchart setzt hier gern auf den einheimischen Holler als Holunderblüten-Tee oder Holundersaft. Auch „Echinacea“, der Purpur-Sonnenhut, könne den Organismus bei der Abwehr von Krankheitserregern unterstützen. Wichtig dabei: Heilkräuter sollte man generell nicht zu lang anwenden. „Sie verlieren ohne Einnahmepausen ihre Wirkung“, warnt Melchart.
Was, wenn es einen bereits voll erwischt hat?
Abwarten und (Kräuter-)Tee trinken! Ein Mittel, das eine Erkältung nennenswert verkürzen könnte, haben auch Naturheilkundler noch nicht gefunden. Sie raten sogar besonders dazu, seinem Körper Ruhe und Zeit zu geben. So kann er seine Energie darauf konzentrieren, die Erreger abzuwehren. Die gute Nachricht: Heilpflanzen können den Organismus dabei unterstützen. Sie lindern zudem die Beschwerden und helfen manchmal sogar, Komplikationen zu verhindern. Denn haben die Viren den Körper geschwächt, nutzen manchmal Bakterien die Chance – und schlagen zu. Dann können auch Antibiotika nötig werden. Aber wirklich nur dann: gegen Erkältungsviren helfen sie nämlich nicht. Heilpflanzen könnten dazu beitragen, einen zu frühen Einsatz von Antibiotika zu verhindern, sagt Melchart. Unten auf der Seite finden Sie eine Übersicht mit einigen pflanzlichen Helfern und deren Anwendungsgebiete.
Sind Heilkräuter wirklich eine „sanfte Medizin“?
So einfach ist es nicht. „Es gibt keine sanfte Medizin im eigentlichen Sinne“, sagt Melchart. Auch Heilpflanzen enthalten Wirkstoffe – „und alles, was wirkt, kann eben auch Nebenwirkungen haben.“ Aufpassen sollten vor allem Menschen, die an Vorerkrankungen leiden und regelmäßig Medikamente nehmen müssen – dann lieber in der Apotheke nachfragen, ob hier Probleme drohen, etwa mit Wechselwirkungen. So sollten Herzkranke zum Beispiel bei Fieber auf schweißtreibende Mittel verzichten. „Das belastet den Kreislauf zu stark“, sagt Melchart. Auch bei Kindern sollte man vorsichtiger sein. So können manche ätherische Öle, wie Menthol, Säuglingen gefährlich werden.
Sollte man Heilkräuter selbst sammeln?
Besser nicht. Melchart warnt vor Umweltgiften, mit denen Wildkräuter manchmal belastet sind. Zudem bestehe immer die Gefahr, heilsame Kräuter mit Giftpflanzen zu verwechseln. Der Experte rät daher, Heilpflanzen lieber zu kaufen – etwa in der Apotheke oder auch im Reformhaus.
Muss man bei jeder Erkältung zum Arzt?
Nein. Menschen sollten lernen, sich bei einfachen Beschwerden selbst zu helfen, findet Melchart. Erkältungen gehören dazu. „Man muss nicht überängstlich sein.“ Allerdings: Nach fünf bis sieben Tagen sollten sich die Beschwerden „deutlich gebessert“ haben. Andernfalls sei „unser innerer Arzt“ womöglich überfordert – dann lieber zum Hausarzt gehen.
Zusammenfassung: Andrea Eppner