„Sicheres Ticket in die Altersarmut“

von Redaktion

Arbeitsmarkt-Experte erklärt, warum Not im Rentenalter längst keine Randerscheinung ist

Warum wird unser Rentensystem künftig nicht mehr funktionieren? Der Sozialwissenschaftler Professor Stefan Sell, 54, kennt die Antwort – und erklärt, was die dramatischen Umwälzungen am Arbeitsmarkt für Senioren bedeuten. Ein Interview, das mehr als nachdenklich macht.

In den nächsten Jahren gehen Millionen ältere Menschen in Rente, viele von ihnen werden harte finanzielle Einschnitte verkraften müssen. Droht Deutschland ein Renten-Schock?

Wir werden eine gewaltige Polarisierung der Alterseinkommen und damit eine tiefe Spaltung der Gesellschaft erleben. Auf der einen Seite steht die Gruppe, die finanziell sehr gut abgesichert in den Ruhestand geht. Diese Menschen haben nicht nur viele Jahre Vollzeit gearbeitet, sondern überdurchschnittlich verdient. Sie konnten Vermögen bilden und privat vorsorgen …

Wer steht auf der anderen Seite?

Eine immer größer werdende Zahl an Menschen, die im Alter ausschließlich von der gesetzlichen Rente leben müssen. Die Beträge sind oft so mickrig, dass sie vorn und hinten nicht reichen. Millionen Frauen und Männer werden in die Altersarmut abstürzen – auch Menschen in mittleren Einkommensgruppen.

Viele Politiker behaupten, Altersarmut sei eine Randerscheinung. Stimmt das?

Nein. Für die meisten Politiker gelten Rentner erst dann als arm, wenn sie staatliche Grundsicherung beziehen, also 416 Euro im Monat plus „angemessene“ Wohnkosten. Weil davon derzeit „nur“ etwas mehr als drei Prozent der Über-65-Jährigen betroffen sind, heißt es immer: Altersarmut ist kein Problem.

Eine Fehleinschätzung?

Natürlich! Und ein Ausdruck erschreckender Ignoranz. Schon heute beziehen mehr als eine halbe Million ältere Menschen Grundsicherung, etwa genauso viele hätten Anspruch darauf – nehmen ihn aber nicht wahr. Weil sie sich schämen, zum Sozialamt zu gehen, oder weil sie Angst haben, dass sie aus ihren Wohnungen rausmüssen.

Das Problem der Altersarmut ist größer als von der Politik zugegeben?

Deutschland kaschiert das Problem, indem es Altersarmut auf den Bezug von Grundsicherung reduziert. Das ist eine bewusste Irreführung, denn international gilt eine andere Definition. Demnach ist jemand „von Armut bedroht“, wenn er weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat.

Was bedeutet das also für Deutschland?

Wenn ein alleinstehender Mensch weniger als 980 Euro zum Wohnen und Leben hat, gilt er als armutsgefährdet. Legt man diese offizielle Schwelle zugrunde, sind bei uns mehr als 2,5 Millionen ältere Menschen betroffen.

Wie wird es künftig sein?

Die Zahl wird massiv steigen! Die erste große Welle von Altersarmut steht uns unmittelbar bevor, nämlich in Ostdeutschland. Dort gehen jene Menschen in Rente, die bei der Wiedervereinigung um die 40 Jahre alt waren. Viele verloren ihren Job, hangelten sich von einer Arbeitsbeschäftigungsmaßnahme zur nächsten – oder landeten in Niedriglohnjobs. Auf ihre Rente wirkt sich das verheerend aus. Auch im Westen gibt es Millionen schlecht bezahlte Jobs. Deshalb wird die zweite und dritte Welle Westdeutschland treffen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Denn viele Frauen und Männer sind im Niedriglohnsektor hängen geblieben. Rund 20 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland arbeiten heute für weniger als 10 Euro Stundenlohn. Sie sind die Verlierer unseres Rentensystems.

Niedrige Löhne führen zu Altersarmut?

Leute, die im Hotelgewerbe arbeiten, Kellnerinnen, Reinigungskräfte, Lkw-Fahrer, Pfleger oder Mitarbeiter in Callcentern – viele von ihnen haben ein sicheres Ticket in die Altersarmut. Eine Verkäuferin, die 45 Jahre lang für 8,84 Euro Mindestlohn gearbeitet hat, bekommt eine Rente von rund 700 Euro. Die liegt unterhalb der Hartz-IV-Schwelle. So geht es Millionen Menschen.

Wer gesetzlichen Mindestlohn bezieht, wird im Alter zum Sozialfall?

Bezogen auf das Alterssicherungssystem können sie den gesetzlichen Mindestlohn leider vergessen. Schon bei der Einführung des Mindestlohns habe ich darauf hingewiesen, dass der Betrag deutlich über 11 Euro liegen müsste, aus heutiger Sicht sogar bei mindestens 13 Euro.

Was sollte aus Ihrer Sicht geschehen?

Wir brauchen dringend eine Reform der Rentenversicherung. Man könnte zum Beispiel eine Rente nach Mindesteinkommen einführen. Das bedeutet: Niedrigverdiener, die nur 50 Prozent des Durchschnittseinkommens oder weniger bekommen, werden bei der Rente so behandelt, als hätten sie 75 Prozent verdient. Entsprechend höher wäre ihre Rente. Diese steuerfinanzierte Regelung hatten wir übrigens bis 1993. Dann wurde sie aus Spargründen abgeschafft.

Was käme noch infrage?

Die Einführung einer staatlichen Mindestrente, wie sie einige unserer Nachbarländer haben. In den Niederlanden etwa bekommt jeder, der mehr als 45 Jahre dort verbracht hat, eine Mindestrente von rund 1200 Euro brutto – selbst Leute, die ihr Leben lang „nur“ 20 Stunden pro Woche erwerbstätig waren.

Die deutsche Rentenversicherung gilt als Erfolgsmodell …

In der Vergangenheit hat sie sehr gut funktioniert, weil die meisten Menschen die Anspruchsbedingungen erfüllten. Sie haben Vollzeit gearbeitet, wurden nach Tarif entlohnt und so weiter. Aber seit den 1990er-Jahren erleben wir dramatische Veränderungen am Arbeitsmarkt. Immer mehr Menschen haben Billig- und Teilzeitjobs. Damit können sie keine vernünftige Rente erwirtschaften.

Eine Mindestrente würde die Menschen also vor Altersarmut bewahren?

Absolut! Sie würde verhindern, dass Leute, die hier gearbeitet und gelebt haben, am Ende zum Sozialamt müssen – und gezwungen werden, sich bis auf die Unterhose auszuziehen. Auch alte Menschen haben das Recht auf ein Leben in Würde.

Glauben Sie ernsthaft, dass die Mindestrente kommt?

Die Abkehr von einem über Jahrzehnte gewachsenen System würde eine ungeheure Kraftanstrengung bedeuten. Vor solchen Umbauten scheut sich die Politik, zumal man unbequeme Wahrheiten aussprechen müsste: Wer „kleinen Leuten“ eine halbwegs armutsfeste Mindestrente geben will, muss von oben nach unten umverteilen. Das hören viele nicht gern.

Fehlt Verantwortlichen der Mut?

Die meisten Politiker verstehen nicht, was es bedeutet, wenn jemand mit 900 Euro im Monat seine gesamten Lebenshaltungskosten decken muss. Für sie ist Altersarmut ein sehr theoretisches, sehr fremdes Phänomen. Und es ist kein wirklich großes Gewinner-Thema.

Werden die Menschen den Absturz in die Altersarmut klaglos hinnehmen?

Ich denke nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass Rentner, insbesondere in Ostdeutschland, mit Protest und Widerstand auf diese Entwicklung reagieren werden, ist sehr hoch. Insgesamt rechne ich mit einer Zunahme der Verteilungskonflikte in unserer Gesellschaft. Der soziale Stress wird zunehmen.

Immer mehr Ältere sind schon jetzt auf Unterstützung durch die Tafeln oder Vereine wie Lichtblick Seniorenhilfe angewiesen. Ein Tropfen auf den heißen Stein?

Ohne das Engagement ehrenamtlicher Helfer wären viele ältere Menschen verloren. Insofern sind solche freiwilligen Leistungen für jeden Betroffenen absolut wichtig. Aber sie lösen nicht das strukturelle Problem der Altersarmut. Die Politik sollte endlich darüber nachdenken, wie sie Renten armutssicher macht.

Interview: Simon Reiche

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