Die Leber hat es heutzutage nicht leicht: Wenn wir uns allzu üppig ernähren, kriegt auch sie ihr Fett weg. Dann sammeln sich in den Leberzellen viele kleine Fetttröpfchen. Freie Fettsäuren darin fördern Entzündungen. Selbst das erduldet die Leber klaglos. Kein Schmerz, kein Drücken, kein Unwohlsein zeigt an, wie sehr sie leidet.
„Die Leber schreit nicht. Darum ignorieren wir sie gern“, warnt Gastroenterologin Prof. Julia Mayerle, Chefärztin der Medizinischen Klinik und Poliklinik II am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Doch die ständige Entzündung setzt dem Organ zu. Die Leber vernarbt mit der Zeit, verliert nach und nach ihre Funktion. Bei einer solchen Zirrhose hat sie sich in ein „richtiges Schrumpforgan“ verwandelt, sagt Prof. Jens Werner, Chefarzt der Klinik für Chirurgie am LMU-Klinikum. Dann bleibe nur noch die Transplantation. Aber so weit kommt es zum Glück selten. Was jeder selbst für seine Leber tun kann, verraten hier unsere Experten.
Was ist eine Fettleber und was macht sie gefährlich?
Die Leber ist nicht nur wichtig, um das Blut von Giftstoffen zu befreien. Sie lagert auch Nährstoffe ein – darunter eben auch Fett. Das sammelt sich dann in winzigen Tröpfchen in Leberzellen. Von einer „Fettleber“, einer „Steatosis“ (NAFLD), spricht man, wenn der Anteil dieser fettgefüllten Zellen bei mehr als fünf Prozent liege, erklärt Expertin Mayerle. Das ist zunächst einmal nicht weiter schlimm. Nur: Eine verfettete Leber entzündet sich leichter – und dann wird’s gefährlich. Zumal eine solche „Steatohepatitis“ (NASH), also eine chronische Fettleber-Entzündung, zunächst lange nicht zu Symptomen führt. Je länger sie jedoch anhält, desto mehr Bindegewebe lagert sich in dem Organ ein – mit der Zeit entsteht eine Leberfibrose. Das Endstadium dieses Prozesses ist die Zirrhose: Dann ist das Organ gänzlich vernarbt, geschrumpft und weitgehend funktionslos.
Wer ist gefährdet, eine Fettleber zu bekommen?
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko erhöhen: Dazu gehört etwa die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus. Störungen des Fettstoffwechsels, auch Herzerkrankungen oder eine Schilddrüsenunterfunktion. Vor allem aber: Übergewicht und Fettleibigkeit. Da immer mehr Menschen zu viele Kilos auf die Waage bringen, steigt auch die Zahl der Patienten mit einer Fettleber (NAFLD). Mayerle zufolge sind das hierzulande etwa 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung – die Fettleber ist damit zu einem echten Volksleiden geworden. Männer sind davon öfter betroffen als Frauen, weil sie häufiger übergewichtig sind. Erschreckend: Es gebe auch immer mehr Kinder und Jugendliche mit einer Fettleber, sagt Werner. Denn auch in dieser Altersgruppe steigt der Anteil der Übergewichtigen.
Und was ist mit Alkohol, spielt der keine Rolle?
Doch. Auch zu viel Bier, Schnaps und Wein lässt die Leber verfetten. Alkohol wird im Metabolismus letztlich in Fett umgewandelt, erklärt Mayerle. Allerdings unterscheide man in der Medizin die alkoholische (AFLD) von der nichtalkoholischen Fettleber (NAFLD) – zwei komplett verschiedene Erkrankungen. Erstere geht auf übermäßigen Alkoholkonsum zurück. Hat dieser zu einer Fettleber (ASH) geführt, sind die Folgen noch einmal dramatischer: Kommt es bei diesen Patienten zu einer Leberentzündung, besteht akute Lebensgefahr. „Das ist ein sehr schweres Krankheitsbild“, sagt Mayerle. Etwa die Hälfte der Betroffenen stirbt innerhalb eines Monats.
Wie schnell verläuft die Erkrankung bei einer nichtalkoholischen Fettleber?
Deutlich langsamer. Auch wenn sich die verfettete Leber entzündet hat, vergehen oft zehn bis 15 Jahre, ehe daraus eine Zirrhose entsteht. Und: Längst nicht bei allen entzündet sich eine Fettleber. Dazu kommt es nur bei etwa fünf bis sieben Prozent der Patienten. Ein geringer Anteil, der sich beim Blick auf die Gesamtbevölkerung relativiert: Da allein in Deutschland rund 12 Millionen Menschen mit einer Fettleber leben, ist die Zahl der Patienten mit einer Fettleberentzündung trotzdem hoch. Man rechne mit etwa 750 000 Betroffenen. Das Problem: „Viele wissen gar nicht, dass sie eine Fettleber haben“, sagt Werner. Wer übergewichtig sei, sich damit aber pudelwohl fühle, könne also dennoch ein erhöhtes Risiko haben, warnt der Experte.
Wie lässt sich herausfinden, ob man betroffen ist?
Oft wird eine Fettleberentzündung zufällig durch eine Blutuntersuchung festgestellt, sofern die Leberwerte (siehe Kasten) geprüft werden. Wenn der Arzt das nicht gelegentlich macht, sollten vor allem gefährdete Personen – also Übergewichtige, Diabetiker und Menschen mit erhöhten Blutfettwerten – danach fragen. Auch ein Routine-Ultraschall führt häufig zur Diagnose einer Fettleber. Ob sie entzündet ist, zeigt dann eine Blutuntersuchung.
Was tun, wenn die Werte tatsächlich erhöht sind?
Sie zeigen zunächst einmal nur an, dass mit der Leber wahrscheinlich etwas nicht in Ordnung ist. Dann sollte man zunächst ausschließen, dass eine durch Viren ausgelöste Entzündung vorliegt, sagt Mayerle. Eine solche Virushepatitis lasse sich heute nämlich in der Regel gut mit Medikamenten behandeln. Steckt kein Virus dahinter, wird der Arzt die Leber mit dem Ultraschallgerät genauer untersuchen. Damit kann er eine Fettleber in der Regel gut erkennen.
Lässt sich eine Fettleber denn auch heilen?
Sehr gut sogar. Auf eine Antifettpille hoffen Patienten aber vergeblich. Die Therapie besteht schlicht darin, abzunehmen. Schaffen Patienten das, schmilzt auch das Fett in der Leber dahin. „Das kriegen sie sehr rasch weg“, sagt Mayerle. Selbst eine entzündete Leber erholt sich dann wieder vollständig – wenn Patienten rechtzeitig gegensteuern. Zwar lässt sich der zerstörerische Prozess selbst in Frühstadien der Leberfibrose noch umkehren. Irgendwann sei aber ein Punkt erreicht, an dem sich das Organ nicht mehr vollständig erholt. Dann kann man mit einem gesünderen Lebensstil zumindest das Fortschreiten der Erkrankung bremsen.
Wie bringt man das Fett in der Leber zum Schmelzen?
Von einseitigen Diäten raten unsere Experten ab – und warnen zudem vor Hungerkuren. Wer zu rasch abnimmt, fällt schnell in alte Gewohnheiten zurück – dann zeigt die Waage bald mehr als zuvor. Mayerle empfiehlt daher, lieber längere Pausen zwischen den Mahlzeiten und rät zu Abwechslung. „Das Ziel ist eine ausgewogene Ernährung“, sagt sie. Am besten sei eine mediterrane Kost, die zudem fettreduziert ist. Also: wenig Fleisch, dafür öfter Fisch, viel Gemüse und regelmäßig Obst. Alkohol, Süßes und Deftiges seien natürlich auch in Maßen erlaubt, beruhigt Werner.
Was hilft noch?
Auch Bewegung ist wichtig. Am besten geeignet ist Ausdauer-, ergänzt durch Kraftsport. „Letztlich ist es die Kombination aus Ernährung und Bewegung“, sagt Mayerle. Diabetiker sollten zudem gut darauf achten, ihre Blutzuckerwerte in den Griff zu bekommen. Das Gleiche gilt für Menschen mit erhöhten Blutfettwerten. Präventiv lasse sich also viel tun. Nur mit der Disziplin hapere es oft. „Die Physiotherapie gegen die Rückenschmerzen machen wir, weil uns das täglich belastet“, sagt die Expertin. Nur die Leber vergessen wir oft – weil sie stumm leidet.