Neurodermitis: Hilfe für kranke Haut

von Redaktion

Immer mehr Kinder leiden an Neurodermitis: Diese Hautkrankheit wird heute bei etwa 20 Prozent der Babys und Kleinkinder festgestellt. Heilen lässt sie sich zwar nicht. Aber: man kann sie gut unter Kontrolle bekommen – selbst in schweren Fällen.

VON ANDREA EPPNER

Bei den ganz Kleinen zeigen sich die roten Flecken oft zuerst im Gesicht, später am ganzen Körper. Die Haut ist meist schuppig – und juckt fürchterlich. „Stärker als bei praktisch allen anderen Hauterkrankungen, die wir kennen“, sagt Prof. Andreas Wollenberg. Er ist Oberarzt an der Hautklinik an der Thalkirchner Straße in München, in der die München Klinik mit dem Klinikum der Universität München zusammenarbeitet.

Wollenberg leitet dort eine Spezialsprechstunde für Neurodermitis-Patienten – und hat gut zu tun: Die Zahl der Betroffenen wächst. Die Ursache sehen viele Experten im westlichen Lebensstil. Vor allem die bessere Hygiene haben sie im Verdacht. So sind Kinder, die auf dem Bauernhof groß werden und früh mit Keimen im Kuhstall in Kontakt kommen, seltener betroffen als Stadtkinder.

Es gibt also einiges, was für diese Theorie spricht. Nur: Dem Betroffenen nützt das wenig. „Der braucht vor allem eins: eine gute Behandlung“, sagt Wollenberg.

Und hier hat sich viel getan: Aktuelle medizinische Leitlinien, an denen Wollenberg federführend mitgearbeitet hat, sehen ein Stufenschema für die Therapie vor. Diese wird umso intensiver, je schwerer die Erkrankung ist. Gemessen wird das mit einem speziellen Punktesystem, dem „SCORAD“-Index. Je nach Schwere, reicht die Behandlung dann von täglicher Hautpflege, die nur bei Bedarf durch wirkstoffhaltige Cremes unterstützt wird, bis hin zu einer systemischen Therapie – Tabletten oder Spritzen also, die nicht nur örtlich, sondern im ganzen Körper wirken.

Konsequente Hautpflege ist für alle Patienten wichtig. Bei ihnen ist nämlich die „Hautbarriere“ gestört: Da die Haut bei ihnen trockener und schuppiger ist, können Allergene und Keime leichter eindringen und örtlich zu Entzündungen führen. Gute Pflege kann viele dieser Ekzeme verhindern. So kommt es seltener zu einem Schub.

Infrage kommen dafür eine Vielzahl von Lotionen und Cremes. „Wir empfehlen dabei keine bestimmten Produkte“, sagt Wollenberg. Auch wenn „Emolliens plus“ einen kleinen Zusatznutzen hätten. Entsprechende Produkte bekommt man in der Apotheke. Aber: Wer nicht so viel Geld habe, könne sich auch im Supermarkt versorgen, sagt der Experte. Sie sollten möglichst frei von Duftstoffen und allergenarm sein. Wichtiger als die Wahl des Produkts sei aber, dass Patienten ihre Haut überhaupt täglich pflegen – und nicht an der Menge sparen. Für einen Erwachsenen sollten es etwa 250 Gramm pro Woche sein, für Kinder entsprechend etwas weniger.

Eine solche Basispflege empfiehlt Wollenberg übrigens auch für Kinder, die noch nicht erkrankt sind, aber ein hohes Risiko dafür haben. Das ist der Fall, wenn bereits Vater oder Mutter an Neurodermitis oder Allergien leiden. Die Anlagen dazu geben sie oft an ihre Kinder weiter. Doch bedeutet das nicht, dass diese zwangsläufig erkranken. Eltern können sogar etwas tun, um das Risiko zu senken: die Haut ihres Kindes von Geburt an täglich mit geeigneten Lotionen pflegen. Das Auftreten einer Neurodermitis ließe sich damit um fast 50 Prozent verringern, sagt Wollenberg. Ebenfalls hilfreich zur Prävention: Stillen und ergänzend Beikost ab dem vierten Lebensmonat. In dieser Phase lernt das Immunsystem nämlich, dass manche Stoffe, etwa auch im Essen, völlig harmlos sind.

Dazu muss man wissen: Bei Patienten mit Neurodermitis ist nicht nur die Hautbarriere gestört. Hinzu kommt eine Fehlsteuerung des Immunsystems. Das erklärt, warum Betroffene auch ein höheres Risiko für Heuschnupfen, allergisches Asthma und andere Allergien haben.

Die Behandlung der Neurodermitis ist so komplex wie die Faktoren, die daran beteiligt sind. Eine Strategie, die für jeden passt, gebe es daher nicht, sagt Wollenberg. Experte sei hier der Hautarzt. Das Stufenschema bietet aber eine gute Orientierung. So reiche bei einer leichten Neurodermitis – zusätzlich zur täglichen Pflege – eine Behandlung, wenn Hautveränderungen auftreten. Dann helfen Kortisoncremes, aber auch „Kalzineurin-Inhibitoren“, etwa die Wirkstoffe „Tacrolimus“ und „Pimecrolimus“, die ebenfalls als Creme angewandt werden – bis sich die Haut wieder beruhigt hat.

Dennoch: Gerade vor Kortison haben viele Patienten Angst. Sie fürchten zum Beispiel, dass die Haut davon dünner wird. Bei richtiger Anwendung sei das aber nicht der Fall, beruhigt Wollenberg. Auch machten Kortisoncremes weder impotent noch nehme man davon zehn Kilo zu – das befürchten manche nämlich. Mit stärkeren Nebenwirkungen sei nur bei der Einnahme als Tablette zu rechnen. Das sei bei Neurodermitis aber ohnehin die Ausnahme. Als Faustregel gelte: „Äußerlich angewendet ist Kortison meistens richtig, innerlich angewendet dagegen fast immer falsch“, sagt Wollenberg.

Leiden Patienten an mittelschweren Formen der Neurodermitis, reicht die Kombination aus Pflege und Therapie bei Bedarf oft nicht aus. Dann können weitere Maßnahmen, etwa eine Behandlung mit UV-Licht, die Behandlung ergänzen. Bei schwerer Neurodermitis (SCORAD ab 50 Punkten) ist meist eine systemische Behandlung mit Tabletten oder Spritzen nötig. Hautärzte setzen dann oft auf den Wirkstoff „Ciclosporin“, der aber nur vorübergehend angewendet wird.

Reicht auch das nicht, gibt es für Patienten mit schwerer Neurodermitis zudem eine relativ neue Wirkstoffgruppe: „Biologika“. Dazu gehört der Antikörper „Dupilumab“, der bislang nur für Erwachsene zugelassen ist. Patienten spritzen sich das Medikament alle zwei Wochen in den Bauch. „Dupilumab wirkt sehr selektiv und hat sehr wenige Nebenwirkungen“, sagt Wollenberg. Das Problem: Biologika sind teuer. Pro Jahr kostet die Therapie rund 20 000 Euro. Sie kommt daher nur infrage, wenn andere zugelassene Medikamente nicht angezeigt sind.

Das gilt wohl in Zukunft auch für weitere Wirkstoffe, die aktuell in klinischen Studien erprobt werden, etwa auch an der Hautklinik an der Thalkirchner Straße. Dazu gehören zum Beispiel die Antikörper „Nemolizumab“ und „Tralokinumab“. Hinzu kommen „Jak-Inhibitoren“ – eine Wirkstoffgruppe, die bereits bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt wird: Einige dieser Arzneien werden auch bei Patienten mit schwerer Neurodermitis geprüft.

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