Spirituelle Ersthelfer für Kranke

von Redaktion

Patienten leiden nicht nur körperlich und psychisch. Schwerkranke stellen oft auch existenzielle Fragen. Da sind Pflegekräfte und Ärzte schnell überfordert. Die junge Fachdisziplin „Spiritual Care“ will sie auf solche Situationen vorbereiten – und sie damit zu spirituellen Ersthelfern machen.

VON ANDREA EPPNER

„Warum hat es gerade mich getroffen?“ Eine Frage, die viele Patienten mit einer schweren Erkrankung irgendwann stellen – etwa ihrem Arzt, der ihnen gerade erklärt hat, wie ernst es um sie steht. Oder aber mitten in der Nacht der Krankenschwester, die nur eine neue Infusionsflasche anhängen wollte. Beide sehen sich plötzlich mit existenziellen Fragen konfrontiert – und auf die hat sie niemand richtig vorbereitet.

„Solche Krisen kommen gern mitten in der Nacht. Dann braucht es eine Art spiritueller Erstversorgung, die kompetent sein sollte“, sagt Prof. Constantin Klein, Psychologe und Theologe – und seit 2017 auch Stiftungsprofessor für „Spiritual Care“ an der Klinik für Palliativmedizin am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Damit ist er Experte für eine recht junge Fachdisziplin, von der viele Laien und selbst altgediente Ärzte noch nie gehört haben.

Ihren Ursprung hat „Spiritual Care“ in der Palliativmedizin – dem Fachgebiet also, in dem es nicht mehr um Heilung von Patienten geht, sondern darum, ihnen in der verbleibenden Zeit eine gute Lebensqualität zu erhalten. Dazu gehören auch spirituelle Bedürfnisse. Schon Cicely Saunders, die Begründerin der Hospizbewegung und Palliativmedizin, stellte dazu einst fest: Menschen leiden nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, sozial – und eben spirituell.

Genau um solche Fragen geht es, wenn von „Spiritual Care“ die Rede ist: Die Sorge um die spirituelle Seite, die zusammen mit vielen anderen Faktoren über das Befindens von Patienten und ihren Angehörigen bestimmt. Dabei geht es zwar oft, heute aber längst nicht mehr nur um unheilbar Kranke. Und: Sie ist nicht nur ein Fall für Klinikseelsorger, die Experten auf diesem Gebiet sind. Sie richte sich an alle Menschen, die in der Gesundheitsversorgung tätig sind, erklärt Klein. „Pflegekräfte, Ärzte und Therapeuten.“

Sie alle haben in ihrer Ausbildung zwar gelernt, wie man zum Beispiel einen Verband anlegt, eine Spritze setzt oder Patienten nach einer OP bei den ersten Schritten hilft. Doch wenn ein unheilbar Kranker plötzlich sagt: „Ich hätte doch noch so viel vorgehabt und jetzt liege ich hier und warte auf den Tod.“ Darauf sind die wenigsten vorbereitet, viele sind völlig überfordert. Nicht immer ist dann ein Klinikseelsorger in der Nähe. Manche Patienten wollen auch gar nicht, dass er kommt: Manche hätten in ihrer Kindheit und Jugend schlechte Erfahrungen mit kirchlichen Repräsentanten gemacht, sagt Klein. Konfrontiert mit Krankheit und möglichem Tod brechen die Erinnerungen bei den betagten Kranken wieder hervor.

Nun müsse natürlich nicht jeder, der im Beruf Patienten versorgt, ein Experte für „Spiritual Care“ werden, sagt Klein. „Ich halte es aber für ein wichtiges Anliegen, die Erstversorgung sicherzustellen.“ Etwa so, wie jeder Laie auch ohne Medizinstudium Erste Hilfe leisten kann, wenn er einen entsprechenden Kurs gemacht hat. „Spiritual Care“ soll medizinisches Personal in die Lage versetzen, Patienten auch auf spiritueller Ebene gut unterstützen zu können, wenn sie akut in Not geraten.

Denn dann zu helfen, ist gar nicht so schwierig. „Entscheidend ist oft gar nicht, dass man eine findige Antwort parat hat“, sagt Klein. „Viel wichtiger ist es, dem Kranken zu vermitteln: Er darf darüber reden, man nimmt sich Zeit, das mit ihm durchzustehen, und hört zu. Das macht in der Regel schon unheimlich viel mit den Patienten.“

In München lernen angehende Ärzte das in einem eigenen Seminar für „Spiritual Care“. Ein Angebot, das es in dieser Form nirgendwo sonst in Deutschland gibt. „Ein Unikum“, sagt Klein. Das Seminar ist eine Pflichtveranstaltung. Gerade in der Einstiegsphase bemerke er bei einigen Teilnehmern oft auch Skepsis. So gebe es in jedem Kurs zwei, drei, denen es sehr wichtig sei, gleich mal klarzustellen, dass sie selbst aber nicht spirituell seien.

Die Vorbehalte legen sich meist – sobald es um konkrete Gesprächssituationen geht. „Da steigen die Gruppen fast immer sehr gut ein“, sagt Klein. „Weil es dabei nicht um dogmatische Fragen geht, sondern um existenzielle Probleme, wie sie Patienten haben, die schwer krank sind oder gar mit einer Sterbeprognose konfrontiert sind.“

So lernen Studenten etwa auch, dass „ich bin spirituell“ längst nicht zwangsläufig heißt, dass sich ein Patient einer Religion oder Religionsgemeinschaft zugehörig fühlt. Der Begriff der „Spiritualität“ sei zwar tief im Christentum verwurzelt und auch über Jahrhunderte dadurch geprägt. Doch habe er sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. „Sodass man ihn auch anders, weiter gefasst, verstehen kann“, sagt Klein. „Das ist eine relativ junge Entwicklung.“

Wenn Menschen heute von sich sagen, sie seien spirituell, kann das also viel mehr bedeuten, als katholisch oder protestantisch zu sein. Es gehe letztlich um eine persönliche Sicht auf die Welt, die sich nicht im Materiellen erschöpfe, sondern auch eine spirituelle Seite habe. So könne „spirituell zu sein“ bedeuten, dass sich jemand dem Ideal des Humanismus verpflichtet fühlt oder eine Verbundenheit zu allem Leben. Oder aber, dass er sich auf ein göttliches Prinzip oder eben doch einen Gott bezieht, sagt Klein.

Das Seminar soll die angehenden Ärzte für solche Feinheiten sensibilisieren. Was es nicht liefert: Einen Katalog mit Antworten für alle Lebenslagen. Davor warnt Klein sogar. „Grundlegend ist, dass man authentisch reagiert“, sagt er. Wichtiger als die Antwort selbst sei die Haltung, die man ausstrahle – und die müssten die Teilnehmer oft selbst erst für sich finden. „Das ist hilfreich, wenn man beruflich mit solchen Fragen konfrontiert ist.“

Denn: Sich diesen einfach zu entziehen, ist für Klein keine Option. Ärzte würden Patienten sagen, wie sie sich ernähren, wie viel sie schlafen und wie sie sich bewegen sollen. Es gebe viele solcher Empfehlungen, die das Leben in seiner Gänze betreffen. „Dazu gehört aber auch das Spirituelle“, sagt Klein. „Dieses dann auszuklammern, ist ein Stück weit eine Verweigerungshaltung, die ich für nicht akzeptabel halte.“

Zumal es heute viele gute Studien gibt, die zeigen: Die Sorge um spirituelle Nöte der Patienten hat auch Einfluss auf ihr gesundheitliches Wohlbefinden. So könne das Gefühl, ihre Krankheit sei eine Strafe für etwas, sehr belastend für Patienten sein, sagt Klein. Dann könne es helfen, die Situation umzudeuten: Dann wird aus der Krankheit nicht mehr Strafe oder Schicksal, sondern eine Herausforderung, die das Leben oder auch eine höhere Macht für den Betroffenen bereithält.

Das verbessert dann nicht nur das Befinden der Patienten. Einzelne Studien deuten sogar darauf hin, dass es sogar Geld sparen kann: Kranke, die sich auch in spiritueller Hinsicht gut versorgt fühlen, brauchten oft weniger Medikamente, sagt Klein. Und müssen Patienten auf einer palliativmedizinischen Station versorgt werden, können sie häufig früher in ein Hospiz oder Pflegeheim oder manchmal auch nach Hause entlassen werden.

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