Rettung für verletzte Nerven

von Redaktion

„Kaputt ist eben kaputt.“ So denken viele Patienten, die durch einen Unfall das Gefühl in Hand oder Fuß verloren haben. Dabei gibt es durchaus Hoffnung für verletzte Nerven: Sie lassen sich oft retten – wenn man rechtzeitig handelt, sagt der Münchner Experte Prof. Riccardo Giunta.

VON ANDREA EPPNER

Scharfe Messer sind nichts für schwache Nerven – schon gar nicht, wenn man gern Avocados isst. Um die grünen Früchte mit dem großen Kern zu halbieren, nutzen viele eine riskante Technik: Sie legen die Avocado in die eine Hand und schneiden sie mit der anderen dann rundherum ein. Doch wer dabei mit dem Messer am Kern abrutscht, riskiert mehr als einen harmlosen Schnitt.

„Dabei sticht man sich leicht in die Hohlhand“, warnt Prof. Riccardo Giunta, Direktor der Abteilung für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Ästhetische Chirurgie am Klinikum der Universität München. Häufig werden dann auch Nerven durchtrennt. „Dann wird die Hand gefühllos. Zumindest in dem Bereich, der von dem Nerv versorgt wird.“ Die gute Nachricht: Das muss nicht so bleiben, denn oft lassen sich Nerven retten – selbst wenn das nicht sofort passiert.

Kann man alle Arten von Nerven heilen?

Nein. Besteht eine Unterbrechung der Leitungsbahnen in Gehirn oder Rückenmark, lassen sich die zerstörten Nervenzellen bislang meist nicht heilen, erklärt Giunta. Nach einem Schlaganfall oder einer Querschnittslähmung sollten sich Patienten also keine falschen Hoffnungen machen. Anders, wenn „periphere Nerven“ betroffen sind. So nennt man Nerven, die vom Rückenmark her in Richtung Extremitäten verlaufen. „Also typischerweise am Arm bis in die Hand oder auch am Bein bis in die Zehenspitzen“, sagt Giunta. Wird ein solcher Nerv verletzt, besteht durchaus die Chance, ihn zu retten. Der Grund: Hier wurden nicht komplette Nervenzellen zerstört, sondern nur deren Fortsätze. Diese „Axons“ ähneln langen Stromkabeln – und dienen genau wie sie dazu, elektrische Impulse weiterzuleiten. Werden sie durchtrennt, stirbt zwar der Teil ab, der nun ohne Verbindung zum Zellkörper ist. Von der Zelle her können diese Nervenfortsätze aber nachwachsen und damit Gefühl und Beweglichkeit zurückbringen.

Heißt das, man muss nur abwarten, dann erholt sich der Nerv von selbst?

Nein. So einfach ist es leider selten, wenn ein Nerv komplett durchtrennt wurde. Die Fortsätze wachsen dann ziellos ins umliegende Gewebe. Doch diese natürliche Regenerationsfähigkeit des Axons lässt sich steuern – indem man den Nerv in einer Operation unter dem Mikroskop näht, wie Giunta erklärt. Gefühl und Beweglichkeit kehrten aber nicht sofort danach zurück. „Das funktioniert nicht wie bei einem Stromkabel.“ Im Gegenteil, oft brauchen Patienten sogar sehr viel Geduld. Denn was man bei der Operation verbindet, sind die beiden losen Enden der Nervenhülle, die in der Regel erhalten ist. Den Rest muss der Körper selbst erledigen: Gerade einmal einen Millimeter pro Tag wachsen die Nervenfortsätze innerhalb der geflickten Nervenhülle. Das kann dauern, wenn eine größere Strecke zu überbrücken ist – Monate oder sogar Jahre.

Wann brauchen Patienten besonders viel Geduld?

Zum Beispiel bei einer „Arm-Plexus-Lähmung“, wenn sie also den Arm nicht mehr bewegen können. Dazu kann es kommen, wenn das Nervengeflecht verletzt wird, das vom Rückenmark her über die Schulter führt und den ganzen Arm versorgt – eine häufige Verletzung bei Motorradunfällen. Stürzt der Fahrer bei hoher Geschwindigkeit, drehe sich beim Sturz oft der Kopf in die eine, die Schulter in die andere Richtung, erklärt Giunta. „Dabei überdehnen die Nerven oder reißen ab.“ Auch bei Neugeborenen kann es zu einer solchen Arm-Plexus-Lähmung kommen – wenn sie im Geburtskanal stecken geblieben sind und mit der Saugglocke geholt wurden. Auch dabei können Nerven abreißen. Werden diese genäht, müssen die Fortsätze einen weiten Weg zurücklegen, ehe sie Hände und Finger erreichen. „Bei einem Säugling sind das rund 30 Zentimeter, also 300 Millimeter“, sagt Giunta. „Das kann ein bis zwei Jahre dauern.“

Wo kommt es noch häufig zu Nervenverletzungen?

Abgesehen von Schnittverletzungen an Armen und Beinen kann auch ein Tumor zum Problem werden, der einen Nerv befällt oder dicht daneben wächst. Wird die Geschwulst entfernt, wird nicht selten der Nerv verletzt. Bei einem Akustikusneurinom zum Beispiel, einem gutartigen Tumor am Hörnerv, kann es zu einer einseitigen Lähmung des Gesichtsnervs kommen. Wird der verletzte Nerv genäht, gewinnt der Patient damit oft die Kontrolle über die Mimik zurück.

Wovon hängt es ab, ob sich ein Nerv retten lässt?

Wichtig ist der Faktor Zeit – auch wenn es nicht auf Stunden ankommt. Wurde etwa nach einer Schnittverletzung der Hand nur die Wunde versorgt, nicht aber ein durchtrennter Nerv, ist es also noch nicht zu spät: Stellt der Patient in den nächsten Wochen fest, dass sich Fingerbeeren taub anfühlen oder sich Teile der Hand nicht richtig bewegen lassen, sollte er sich an einen Spezialisten wenden, statt abzuwarten, rät Giunta. „Die Chance, den Nerv primär zu nähen, darf man nicht verpassen.“

Wie viel Zeit hat man?

Die Entscheidung für oder gegen eine OP sollte möglichst in den ersten sechs Monaten fallen, rät Giunta. Denn: Der Muskel, der von dem verletzten Nerv versorgt wurde, baut schnell ab, sobald er seine Steuerung verloren hat, also nicht mehr bewegt wird. Nach etwa zwei Jahren ist er so stark geschädigt, dass er nicht mehr zu retten ist. Da auch der Nerv nach einem Eingriff Zeit braucht, um sich zu erholen, sollte man rechtzeitig handeln.

Was, wenn eine Nervennaht nicht reicht: Gibt es dann weitere Optionen?

Bei komplizierten Verletzungen kommt auch eine Nervenverlagerung infrage, um die Beweglichkeit wiederherzustellen. Kann ein Patient also etwa den Ellenbogen nicht mehr beugen oder die Schulter nicht mehr richtig heben, leitet der plastische Chirurg dabei einen Teil eines gesunden Nervs um – sodass der steuerungslose Muskel wieder versorgt wird. Ist der Nerv nicht nur durchtrennt, sondern fehlt ein Abschnitt, lässt sich das durch ein Stück gesunden Nervs überbrücken. Dazu könne man zum Beispiel einen Nerv an der Wade entnehmen, den man gut entbehren kann.

Wie wichtig ist die Reha?

„Extrem wichtig, gerade bei handchirurgischen Eingriffen“, sagt Giunta. Spezielle Übungen zielen dabei nicht nur auf die Beweglichkeit selbst ab, sondern auch auf den Tastsinn. Ist eine Oberfläche glatt oder rau? „Das Gehirn muss das Fühlen erst wieder lernen“, erklärt Giunta. „Ähnlich wie ein Neugeborenes.“

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