Wie Humor kranke Menschen stärkt

von Redaktion

Wer schwer krank ist, hat nichts zu lachen? Das muss nicht sein! Denn Humor hilft nicht nur gesunden Menschen, sondern auch kranken. Doch was genau bewirkt Lachen im Körper? Fördert es vielleicht sogar die Heilung? Das verrät Prof. Peter Henningsen, Experte für Psychosomatik in München.

Was passiert im Körper, wenn man herzhaft lacht?

Lachen ergreift den ganzen Körper. Zunächst werden dabei bestimmte Areale des Gehirns aktiviert, das sogenannte Belohnungssystem. In Situationen, die man als positiv erlebt, werden hier Botenstoffe wie Dopamin ausgeschüttet. Auch beim Lachen passiert das. Lachen wirkt zudem auf das schmerzverarbeitende System, hat damit einen schmerzlindernden Effekt. Nachgewiesen ist auch eine Wirkung auf alle Stressachsen des Körpers. Lachen reduziert also Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin, die ihrerseits die Aktivität von Immunzellen beeinflussen. Lachen und Humor wirken also auf den gesamten Körper stressmindernd, auf alle Organe. Auch die Muskeln entspannen sich.

Lachen fördert also stets das Wohlbefinden?

Nicht jedes Lachen ist gesund! Aggressives Lachen ist nicht mit guter Gesundheit verbunden. Im Gegenteil: Andere auszulachen oder sich selbst lächerlich zu machen, geht eher mit erhöhter Depressivität einher. Aber das, was wir zuerst unter Lachen und Humor verstehen – man macht sich über eine Situation lustig, sieht etwas Witziges und lacht – das ist eher gemeinschaftstiftend. Diese positive Form des verbindenden Lachens ist eindeutig mit einer besseren psychischen Gesundheit verbunden – und auch mit der Fähigkeit, schwierige Situationen, wie schwere Erkrankungen, besser bewältigen zu können.

Hilft Humor auch direkt beim Gesundwerden?

Auch wenn das nicht unplausibel erscheint, muss man klar sagen: Der Effekt von Lachen und Humor auf das Heilungsgeschehen lässt sich nicht nachweisen. Das ist schwer zu trennen von vielen Faktoren, die Lachen und Humor beeinflussen. Das fängt schon mit der Persönlichkeit an: Sie beeinflusst sehr stark, wie viel Humor jemand hat – und ob er selbst noch in schweren Situationen lachen kann. Auch die soziale Unterstützung bestimmt den Umgang mit Erkrankungen.

Setzen Sie selbst Humor in der Therapie ein?

Gezielt? Nein. Es gibt ja sogenannte Lachtherapien, die gerade auch bei älteren Menschen eingesetzt werden. Da werden dann etwa Stand-up-Comedians geschickt oder so etwas. Lachen kann man nämlich auch üben – dadurch, dass man zum Lachen gebracht wird. Das ist etwas Wohltuendes, gerade auch für Menschen, die von Haus aus nicht so viel lachen. Man kann ja auch Lach-Yoga machen oder sogar Lach-QiGong. In unseren psychosomatischen Therapien setzen wir allerdings nicht gezielt auf Lachtherapien. Es gibt bei uns aber eine wichtige Regel: dass es, selbst wenn es um schwere Lebensbelastungen geht, wichtig ist, darüber auch mal humorvoll reden zu können. Zumindest über einzelne Aspekte. Denn Humor ist eine wichtige Ressource – etwas, das Menschen stärken kann.

Wie sieht das in der Praxis aus: Können Sie uns da ein Beispiel nennen?

Ich habe eine Patientin, die seit zehn Jahren zu mir kommt. Sie ist schwerst traumatisiert, hat aber eine gute Entwicklung genommen. Bei traumatischen Erfahrungen gibt es ja oft bestimmte Trigger, also bestimmte Situationen, die dazu führen, dass die Erinnerung wieder hochkommt. Bei dieser Patientin ist ein bestimmtes Geräusch so ein Auslöser. Und einmal hat sie selbst dieses Geräusch erzeugt, hat sich also selbst da reingebracht. Da ging es ihr dann zwar nicht gut. Wir konnten später aber gemeinsam darüber lachen. Das ist so ein Beispiel: dass man über Dinge, die eigentlich schlimm sind, auch mal lachen kann. Und damit zum Ausdruck bringt: davon geht die Welt nicht unter.

Läuft man nicht Gefahr, da schnell unsichtbare Grenzen zu überschreiten?

Na klar, das gilt ja immer! Und natürlich muss man mit Patienten und ihren Verletzlichkeiten noch mehr aufpassen, als man es auch so im Leben tun muss. Der Übergang von „wir lachen zusammen über etwas“ zu „einer fühlt sich ausgelacht“ ist ja oft fließend, ein schmaler Grat. Und bei Patienten, die sich ohnehin schnell herabgesetzt fühlen, muss man da natürlich besonders aufpassen. Erfahrung ist hier sehr wichtig.

Interview: Andrea Eppner

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