Darmkrebs: Reden rettet Leben

von Redaktion

Wer Darmkrebs bekommt, hat gute Chancen, gesund zu werden – wenn die Krankheit früh erkannt wird. So wie bei Dieter Maurer, 61. Doch er wusste nichts über das „familiäre Risiko“ – und verschwieg daher seiner Tochter, 37, die Wahrheit. Ein schwerer Fehler. Eine berührende Geschichte im Darmkrebsmonat März.

VON BARBARA NAZAREWSKA

Dieter Maurer, 61, wollte seine Tochter nur schützen, wollte sein Leid von ihr fernhalten, sie einfach nicht belasten – damals, vor rund zehn Jahren, als ihm die Ärzte sagten: „Sie haben Darmkrebs.“ Er habe sich dann in sein Schneckenhaus verkrochen, erzählt er: „Ich wollte das selbst verarbeiten.“ Wozu die Melanie beunruhigen?, dachte er sich. Also schwieg er, verlor kein Wort über den Krebs. Über das „familiäre Risiko“ (siehe Kasten) hatte ihn niemand aufgeklärt.

Dieter Maurer wurde wieder gesund, zumal Ärzte die Krankheit relativ früh bei ihm entdeckt hatten. Die Heilungschancen sind dann ziemlich gut. Er war sich sicher, jetzt sei alles überstanden. Doch was kam, war für ihn schlimmer als alles andere zuvor.

Seine Tochter Melanie Maurer, 37, bekam Darmkrebs. Aber anders als beim Vater wurde ihr Krebs erst sehr spät erkannt – die Diagnose bekam sie im August 2017. Damals erwartete sie ein Kind. Sie verlor das Baby kurz darauf, im zweiten Schwangerschaftsdrittel. Wochenlang war der Fötus unterversorgt gewesen, bis er im Mutterleib starb. Schuld daran war der Krebs – von dem lange niemand etwas ahnte, obwohl Melanie Maurers Verdauungssystem verrückt spielte. „Ich hatte immer wieder heftige Schmerzen, zudem Blut im Stuhl. Irgendwann habe ich sogar nur noch gebrochen“, erzählt sie.

Die Ärzte dachten, sie habe vergrößerte Hämorriden, daher auch das Blut im Stuhl. Sie verschrieben ihr Salben und Schmerzmittel. Denn Darmkrebs gilt als Erkrankung des Alters – es ist daher unwahrscheinlich, dass jemand wie Melanie Maurer, nicht mal 40, daran leiden könnte. Unwahrscheinlich, aber eben nicht unmöglich. Schon gar nicht, wenn es Fälle von Darmkrebs in der Familie gab – hier ist das Risiko um bis zu ein Vierfaches erhöht. Nur genau das wusste zu diesem Zeitpunkt ja niemand. Deshalb kam die Diagnose auch erst so spät.

Dieter Maurer hat bis heute ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner erwachsenen Tochter. „Hätte ich gewusst, welche Folgen mein Darmkrebs haben kann – ich hätte natürlich was gesagt! Und es wäre alles anders gelaufen …“

Dann nämlich könnte Melanie Maurers drittes Kind noch leben. Und seine Tochter wäre nicht arbeitsunfähig geworden, hätte noch ihren eigenen Stoffladen. Hätte „ihr altes Leben“, wie sie heute sagt. Im neuen Leben ist alles anders. Und unheimlich anstrengend. Melanie Maurer hat jeden zweiten Tag Bauchkrämpfe. Deshalb muss sie ihren Darm auch regelmäßig durchspülen. Sie fühlt sich oft schwach, muss nach einem strengen Zeitplan essen, kann lange nicht so viel mit ihren Kindern, die 7 und 9 Jahre alt sind, unternehmen, wie sie gern möchte.

Sie hat einen künstlichen Darmausgang, sie kann nicht lange sitzen. Und ihre Nervenschmerzen machen ihr ständig zu schaffen, jeden Tag. Aber sie ist eine starke Frau. „Ich habe mich liegend und krabbelnd durch die ganze Nummer gekämpft“, sagt sie heute.

Sie hat alles überstanden: die Bestrahlung, die Chemo, die Operation. Dennoch ist sie realistisch genug, um zu wissen: „Eine komplette Wiederherstellung, das wird es bei mir nicht geben.“ Trotzdem blickt sie nach vorn. Es hätte ja noch schlimmer ausgehen können.

Gerade bauen Melanie Maurer und ihr Mann ein Haus in der Nähe von Nürnberg. „Die Beziehung hat das Ganze zusammengeschweißt“, erzählt sie. Bald wollen die beiden heiraten.

Melanie Maurers Vater Dieter wünscht sich vor allem eines: „dass so etwas meiner Kurzen nicht noch einmal passiert. Und auch nicht den zwei ganz Kurzen“, sagt er. Damit meint er seine Enkel.

Vater und Tochter haben eine gute Beziehung. Der Darmkrebs hat sie nicht entzweit.

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