Große Fortschritte im Kampf gegen HIV

von Redaktion

„Zweiter Patient von HIV geheilt“: So war es kürzlich in vielen Medien zu lesen. Auch bei uns. Doch was bedeutet dieser Fall – für andere Infizierte und die Forschung? Und: Welche Fortschritte gibt es in der Therapie? Ein Experte gibt Antworten, kurz vor dem Start der „Münchner AIDS- und Hepatitis-Werkstatt“.

VON ANDREA EPPNER

Zwölf Jahre und knapp 40 vergebliche Versuche: So lange hat es gedauert, bis sich das „medizinische Wunder“ von Berlin endlich wiederholt hat: In London wurde schon vor einiger Zeit ein HIV-infizierter Patient behandelt, der nun als geheilt gilt. Damit ist er nach dem „Berliner Patienten“ der zweite weltweit. Auch bei ihm ist das Immunschwäche-Virus nicht mehr nachweisbar – seit rund 19 Monaten, obwohl er keine HIV-Medikamente nimmt, wie Ärzte im Fachblatt „Nature“ berichten.

„Dass jetzt ein zweiter Patient mit derselben Methode wie der erste geheilt werden konnte, ist natürlich ein großer Hoffnungsschimmer“, sagt Dr. Hans Jäger, HIV-Experte und Internist im MVZ Karlsplatz in München sowie Kongressleiter der „8. Münchner AIDS- und Hepatitis- Werkstatt“, die am Freitag startet. Doch was bedeutet diese neuerliche Heilung für andere Infizierte? Hier die wichtigsten Antworten.

Was genau wurde bei den beiden ersten geheilten HIV-Patienten gemacht?

Beide Patienten waren nicht nur mit HIV infiziert. Sie hatten auch „eine von HIV unabhängige, schwere andere Grunderkrankung“, erklärt Jäger. So war der „Berliner Patient“ Timothy Ray Brown an Leukämie erkrankt. Auch der „Londoner Patient“ hatte Krebs – er litt an einem Hodgkin-Lymphom; dabei ist das Lymphsystem betroffen. Beide Patienten erhielten nicht wegen HIV, sondern wegen der Krebserkrankung eine Stammzelltransplantation. Und: „Man hat bei beiden einen Spender gesucht, der eine genetische Veränderung hat, die vor HIV schützt“, erklärt Jäger. Sie finde sich bei „etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland“. Menschen mit dieser Genveränderung können sich nicht mit HIV anstecken. Genau diesen Schutz haben sie mit ihrer Stammzellspende an die HIV-infizierten Empfänger weitergegeben: Deren Blut und Knochenmark habe sich so verändert, dass sich das Virus nicht mehr vermehren kann – und das hat die Patienten geheilt.

Lässt sich diese Methode dann auch bei anderen HIV-Patienten anwenden?

Die Methode kommt nur für HIV-Infizierte infrage, die wegen einer zweiten, schweren Erkrankung eine Stammzelltransplantation brauchen, sagt Jäger. Das heißt: Auf andere Patienten lässt sich dieses Therapiekonzept nicht übertragen. Denn so eine Behandlung ist nicht nur sehr teuer. Sie bedeutet vor allem auch ein deutlich größeres Risiko im Vergleich zur Therapie mit antiviralen Medikamenten (siehe weiter unten im Text), selbst wenn Patienten diese lebenslang einnehmen müssen. Doch sind die Wirkstoffe inzwischen viel verträglicher, die Anwendung ist einfacher, Resistenzen bilden sich nur noch selten. Eine Stammzelltransplantation ist dagegen auch heute noch eine enorme Belastung: Zur Vorbereitung erhält der Empfänger eine Bestrahlung und Chemotherapie. Beides ist nur bei einer schweren Krankheit wie Krebs sinnvoll. Immerhin hat der „Londoner Patient“ eine deutlich mildere Vorbehandlung ohne Bestrahlung erhalten als noch vor zehn Jahren der Patient in Berlin: Dieser sei an den Vorbereitungen beinahe gestorben, sagt Jäger.

Wird dieser zweite Bericht einer Heilung die Therapie also nicht verändern?

Nein, vorläufig nicht. Doch dieser zweite Fall bringt die Forschung voran – und von der können auf lange Sicht auch andere Patienten profitieren. Denn: Lange war unklar, was genau den „Berliner Patienten“ geheilt hat: Waren es die besonderen Stammzellen? Oder doch die Bestrahlung und Chemotherapie? Zwölf Jahre lang hat man immer wieder versucht, den Erfolg von damals bei anderen Patienten zu wiederholen – vergeblich. Viele starben allerdings auch an ihrer zweiten Erkrankung. Der „Londoner Patient“ belegt nun erstmals, dass die Therapieidee funktioniert. „Das Gute ist, dass wir jetzt ein Konzept haben, von dem wir wissen, dass es – zumindest bei zwei Patienten – hingehauen hat“, sagt Jäger. Und womöglich sogar bei einem Dritten: In Düsseldorf gibt es nämlich einen weiteren Patienten, der „in ähnlicher Form“ behandelt wurde und seit vier Monaten ohne HI-Virus und antivirale Medikamente lebt. Das sei aber zu kurz, um von Heilung zu sprechen.

Gibt es denn Ansätze, diese Idee für andere Therapien zu nutzen?

Tatsächlich suchen Forscher bereits nach Möglichkeiten, den Effekt einer Transplantation mit immunmachenden Stammzellen auf verträglichere Art herzustellen. Eine Idee: ein gentherapeutischer Eingriff, der die genetische Veränderung, die immun gegen HIV macht, erzeugt – zum Beispiel per Genschere „Crispr/Cas“. Doch: „Das ist noch in den Kinderschuhen“, sagt Jäger. Zumal auch unklar sei, ob ein solcher Eingriff nur nützlich für Patienten wäre – oder ihnen zugleich schaden könne. „Da gibt es noch viele Fragezeichen.“

Wie gut kommen Patienten mit den aktuell verfügbaren Therapien klar?

„Forscher und Patienten hoffen natürlich, dass wir bald Heilung bekommen“, sagt Jäger. Immerhin: „Die meisten Patienten brauchen heute nur noch eine gut verträgliche Tablette pro Tag.“ Statt eine Handvoll Pillen mit heftigen Nebenwirkungen wie früher. Mit den heutigen Tabletten lasse sich das Virus erfolgreich unterdrücken und das Immunsystem wieder vollkommen normalisieren. Die Wirkstoffe richten sich gegen verschiedene Enzyme, die HI-Viren bräuchten, um sich zu vermehren. Diese antivirale Therapie funktioniert sehr gut. Und: „Was die meisten Leute und oftmals auch Ärzte nicht wissen: Ein behandelter Patient ist nicht mehr ansteckend“, sagt Jäger. Darum müsse er andere auch nicht mehr über seine Infektion informieren.

Gibt es bei der Tabletten-Therapie Fortschritte?

Noch nehmen die meisten Patienten Tabletten gegen HIV, die drei Enzymhemmer enthalten. „Wir haben jetzt aber auch Patienten, die wir mit nur noch zwei Komponenten sehr erfolgreich behandeln können“, sagt Jäger. „Weil die Medikamente so gut geworden sind.“ Für Teilnehmer von Medikamentenstudien sind diese Tabletten schon seit zwei Jahren erhältlich. Seit Kurzem gibt es die „duale Therapie“ auch auf Rezept. Davon könnte „wahrscheinlich eine sehr große Zahl von Patienten profitieren“, sagt Jäger. Denn: Ein Wirkstoff weniger bedeutet eine Entlastung für Organe wie Leber und Niere, in denen besagte Wirkstoffe abgebaut werden müssen.

Gibt es Alternativen zum täglichen Pillenschlucken?

Ja, allerdings bislang nur in Forschungsprojekten. Statt täglich eine Tablette zu schlucken, bekommen Studienteilnehmer alle acht Wochen eine Spritze. Dabei werden zwei Wirkstoffe injiziert, die so mit „Nanopartikeln“ verpackt sind, dass sie eine Langzeitwirkung haben. „Das geht sehr gut. Die Spritze tut aber etwas weh“, sagt Jäger. Trotzdem wollen die meisten Patienten, die das probiert haben, nicht zurück zu den Tabletten, „weil sie dadurch jeden Tag neu an ihre Erkrankung erinnert werden“. Die Spritzen verschaffen ihnen eine Pause. Jäger rechnet damit, dass diese Therapie in etwa einem Jahr in Apotheken erhältlich sein wird. Und: „Wenn man das in diese Richtung weiter denkt, wird es irgendwann nur noch eine Injektion pro Jahr sein.“

Artikel 3 von 7