DIE HAUSARZT-KOLUMNE – NEUES AUS DER PRAXIS

Keine Dosis ohne Wirkung

von Redaktion

Einige unaussprechliche Wortschöpfungen aus der naturwissenschaftlichen Welt dürften mittlerweile zahlreichen Patienten, die an Bluthochdruck leiden, ein Begriff sein. Gemeint sind hier etwa N-Nitrosodiethylamin (NDEA) und N-Nitrosodimethylamin (NDMA). Denn: Seit Mitte 2018 wissen wir, dass manche Bluthochdruckmittel aus der Gruppe der sogenannten Sartane mit den besagten Nitrosaminen verunreinigt sind. Diese – potenziell krebserregenden – Stoffe können als „Beiprodukt“ chemischer Prozesse in der Herstellung der Medikamente entstehen.

Zunächst war nur eine Verunreinigung von Mitteln bekannt, die den Wirkstoff „Valsartan“ enthielten – diese wurden von einem chi- nesischen Pharmakonzern hergestellt. Inzwischen wissen wir, dass weitere, jedoch nicht alle, in Indien und Mexiko produzierten Sartane“ betroffen sind. Konkret: „Irbesartan“ und „Losartan“. Von einigen Präparaten ist auch die Menge bestimmter Nitrosamine bekannt.

Nach aktuellem Kenntnisstand bleiben die Folgen für die Gesundheit bei längerer Einnahme solcher Mittel unklar. Denn: Für Nitrosamine existieren keine absoluten Grenzwerte, ab denen eine schädliche Wirkung eintritt – oder eben nicht. Vielmehr gilt: Keine Dosis ohne Wirkung! Das heißt also, im besten Fall hat man keinerlei Kontakt mit diesen Stoffen.

Mit der Realität hat dies allerdings nur wenig zu tun, wenn man bedenkt, dass die betroffenen Substanzen in zahlreichen Lebensmitteln, wie gepökeltem Fleisch (zum Beispiel Salami), und Gegenständen wie Luftballons sowie – in erheblichem Maße (!) – auch in Tabakwaren vorkommen.

Vielleicht eine „kleine“ Beruhigung an dieser Stelle: Ein Risikobewertungsverfahren der europäischen Arzneimittelagentur kam zu dem Schluss, dass innerhalb von sechs Jahren eine tägliche Einnahme eines in maximaler Menge verunreinigten Sartanpräparates des chinesischen Herstellers bei 100 000 Patienten auf die Lebenszeit gerechnet 22 zusätzliche Krebsfälle verursacht. Verglichen mit dem allgemeinen Risiko, während seines Lebens an Krebs zu erkranken – in der EU trifft es aktuell eine von zwei Personen – ist dies sehr gering.

Ein weiterer Wirkstoff aus der Klasse der Bluthochdruckmittel machte zuletzt ebenfalls Schlagzeilen wegen erhöhter Krebsgefahr: das Hydrochlorothiazid (HCT). Die Ursache ist hier aber nicht ein krebserregender Stoff, sondern der Effekt der Fotosensibilisierung, das heißt konkret: Die Haut wird durch die Einnahme empfindlicher für Sonnenlicht. Das Risiko für weißen Hautkrebs steigt. Natürlich in Abhängigkeit von der Dauer der Einnahme sowie der Dosis.

Betroffene Patienten sollten daher stets aufgeklärt werden, erst danach können sie die Entscheidung über die weitere Therapie individuell mit ihrem Arzt treffen. Da es mittlerweile viele gute Alternativen gibt, sollte eine Umstellung der Medikation erfolgen – in jedem Fall bei Patienten mit erhöhtem Risiko für oder bereits bekanntem weißen Hautkrebs! Alternativ kann die Medikation beibehalten werden. Dann aber unter konsequentem UV-Schutz und engmaschigen hautärztlichen Kontrollen.

VON DR. SEBASTIAN BRECHENMACHER

Der hausärztlich tätige Internist mit Praxis in Krailling (Kreis Starnberg) schreibt heute über ein besonders wichtiges Thema: das Dilemma der verunreinigten Bluthochdruckmittel.

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