In diesen Tagen sitzen die bayerischen Abiturienten über den Abschlussprüfungen. Jetzt müssen sie zeigen, was sie in den vergangenen zwei Jahren in der Oberstufe vermittelt bekommen haben. In manchen Fächern haben sie tatsächlich fürs Leben gelernt. Beispielsweise in einem Geschichts-Seminar am Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching.
Dort ging es unter anderem um die vergangenen 100 Jahre. Lehrerin Ursula Honisch war es in ihrem P-Seminar wichtig, nicht nur die historischen Fakten zu vermitteln. Sie untersuchte zusammen mit 15 Schülern, wie sich die Zeitgeschichte auf den Speiseplan auswirkt. „Was die Leute essen, sagt viel aus, unter welchen Umständen sie leben mussten“, ist die Pädagogin überzeugt.
Die spannendste Entdeckung bei „100 Jahre deutsche Esskultur“ war die Steckrübe: In Kriegszeiten einst Hauptnahrungsmittel, weil es kaum etwas anderes gab, dann jedoch völlig vom Speiseplan verbannt. Die Nachkriegsgeneration wollte nichts mehr von den Rüben wissen, das Wurzelgemüse geriet beinahe völlig in Vergessenheit. Erst seit Kurzem erlebt die Steckrübe ein Comeback.
„Als ich sie im Kurs auspackte, kannte keiner die Steckrübe“, erzählt Lehrerin Ursula Honisch. „Ich davor übrigens auch nicht.“
Den Steckrübeneintopf kochen vier der insgesamt 15 Seminarschüler heute ausnahmsweise in der Schulküche. Die übrigen Rezepte haben die Jugendlichen in Zweiergruppen zuhause zubereitet und für die Gruppe dokumentiert. Das Ergebnis: 100 Jahre Esskultur, ein Rezeptheft mit 23 Gerichten und Zeitzeugen-Interviews.
Soweit möglich haben sich die Schüler dem Thema 100 Jahre deutsche Esskultur mit Zeitzeugen-Gesprächen genähert. Elisabeth Hartmann (18) hat beispielsweise ihre Tante Ursula Franke befragt, wie das früher war. „Sie hat mir viel von damals erzählt. Dinge, die man sonst nur aus Geschichtsbüchern kennt.“ Von ihr weiß die Abiturientin beispielsweise, dass „Essen schon immer ein wichtiger Bestandteil der deutschen Kultur war. Früher ist die ganze Familie zu allen Mahlzeiten zusammengekommen“, berichtet Elisabeth.
Hanah Khachani hat ihre Oma Martha Haas von früher erzählen lassen, wie das in ihrer Familie damals war. Die aus Mittelfranken stammende Großmutter hat ihr von der Milchsuppe berichtet. Ein Armeleuteessen, bei dem Brotwürfel in die gesalzene Milch getaucht wurden.
Hanah Khachani: „Die Leute haben damals versucht, alles selbst anzubauen. Weggeschmissen wurde nichts.“ Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sei das Essen üppiger geworden. „Meine Oma hat mir von Himbeerbonbons vorgeschwärmt“, erzählt die Schülerin.
Auf die Wirtschaftswunderjahre mit ihren üppigen Torten folgen internationale Trends: Ab den 1990er Jahren ist sogar die asiatische Küche hierzulande heimisch. Suppen wie die Tom Kha Gai gehören fortan in Deutschland auf den Speiseplan. Die Familie von Anja Spörl steht beispielhaft dafür: „Meine Mutter kommt aus Thailand, bei uns wird traditionell noch viel frisch gekocht.“
Geschichte mit Alltagsrezepten gewürzt – „wir haben viel über unsere Vorfahren und die Alltagskultur erfahren“, sagt Anna Hüsken. Auch, „dass sich Weltwirtschaftskrisen oder große politische Ereignisse wie der Mauerfall auf die Küche auswirken“.
Deutsche Geschichte, bodenständig, üppig, scharf. Aber immer wieder anders.