Nur ein paar Tage ohne Stuhlgang, schon breitet sich ein drückendes Gefühl im Bauch aus: Fast jeder hat das schon erlebt – etwa, wenn er besonders reichlich geschlemmt hat. Oder im Urlaub, wenn sich der Darm bei einer Fernreise erst an den neuen Tagesrhythmus gewöhnen muss. Dann arbeitet er langsamer, der Stuhl im Darm wird hart – und der Gang zur Toilette zum Problem.
„Wenn Stuhlgang seltener als zwei Mal pro Woche zustande kommt und der Stuhl besonders hart ist, spricht man von einer Verstopfung“, erklärt Experte Prof. Wolfgang Schepp, Chefarzt für Gastroenterologie am Klinikum Bogenhausen in München. Passiert das nur vorübergehend, ist das selten dramatisch. Bei manchen Menschen wird die Verstopfung aber zum Dauerproblem: Eine solche chronische „Obstipation“ kann schwere Konsequenzen und gefährliche Ursachen haben. Lesen Sie hier, was Sie dazu wissen müssen!
Welche Menschen sind besonders oft betroffen?
Schätzungen zufolge leiden hierzulande etwa fünf bis 15 Prozent der Menschen an einer chronischen Obstipation. Manche Gruppen sind häufiger betroffen: „Mehr Frauen als Männer klagen über eine Verstopfung“, sagt Schepp. Auch Ältere plagen sich damit häufiger als Jüngere. Das liegt aber meist weniger am Alter, als an veränderten Lebensumständen: So bewegen sich Senioren oft nicht mehr so viel, trinken weniger, nehmen aber häufiger Medikamente – darunter auch solche, die eine Verstopfung als Nebenwirkung haben können. Schmerzmittel gehören dazu, aber auch Antidepressiva und Parkinson-Medikamente.
Welche Ernährung kann eine Verstopfung fördern?
Wer sich ballaststoffarm ernährt, ist häufiger betroffen. Ballaststoffe sind unverdauliche Bestandteile der Nahrung. Sie geben dem Stuhl mehr Volumen – und das ist wichtig: „Ein großes Stuhlvolumen signalisiert dem Darm, dass er sich bewegen und den Darminhalt vorantreiben soll“, erklärt Schepp. Viele Ballaststoffe stecken in Vollkornprodukten, Salat, Obst und Gemüse. Wer solche Lebensmittel nur selten zu sich nimmt, neigt daher eher zu einer trägen Verdauung. Das gilt aber auch für Menschen, die zu wenig trinken: Nur, wenn genug Wasser bis in den Darm gelangt, ist der Stuhl weich und kann leicht gleiten. Wer Ballaststoffe isst, aber nicht genug trinkt, kann eine Verstopfung sogar verschlimmern.
Wie viel Wasser sollte man trinken?
„Eineinhalb Liter am Tag gelten als Mindestanforderung“, sagt Schepp. Wer durch Hitze oder körperliche Betätigung viel schwitzt, sollte entsprechend mehr trinken. Verzichten sollte man auf Bewegung aber nicht: Wer viel sitzt, nimmt damit auch der Verdauung den Schwung.
Können auch Erkrankungen die Ursache sein?
Ja. Zwar ist sehr oft einfach ein ungesunder Lebensstil die Ursache einer Verstopfung. Doch auch verschiedene Erkrankungen können dazu führen. „Bei der Unterfunktion der Schilddrüse zählt die Verstopfung zu den ersten Symptomen“, sagt Schepp. Eine solche kann aber auch ein frühes Warnsignal für Darmkrebs sein. Bei einer chronischen Verstopfung muss der Arzt das also als mögliche Ursache ausschließen. Abklären sollte er zudem, ob sich eine „Rektozele“ gebildet hat: eine Ausbuchtung aller Schichten der Vorderwand des Mastdarms. Schwaches Bindegewebe, starkes Pressen beim Stuhlgang und bei Frauen die Entfernung der Gebärmutter fördern solche Ausbuchtungen.
Gibt es weitere Ursachen?
In manchen Fällen hängt die Verstopfung mit einer gestörten Koordination des Schließmuskels zusammen, die man „Anismus“ nennt: Steigt der Druck im Mastdarm durch Pressen an, muss der Schließmuskel erschlaffen, um die Stuhlentleerung zu ermöglichen. Verkehrt sich dieser Reflex ins Gegenteil, steigt der Schließmuskeldruck beim Pressen an und erschwert die Entleerung. Helfen kann ein „Biofeedback-Training“.
Welche Untersuchungen sind häufig nötig?
Um ernste Erkrankungen des Darms auszuschließen, sollte bei einer neu aufgetretenen Verstopfung stets eine Darmspiegelung erfolgen. Hat der Arzt dabei nichts Auffälliges entdeckt, kann er mit einem „Kolon-Transit-Test“ feststellen, wo im Darm das Problem liegt. Bei diesem Test schlucken Patienten mehrere Tage hintereinander Kapseln, die „röntgendichte“ Teilchen enthalten. Röntgenstrahlen können diese also nicht passieren. Das ist wichtig, denn nach einigen Tagen folgt eine Röntgenaufnahme des Bauches: Sie macht die Kapseln sichtbar. Daran sieht der Arzt, wie weit der Darminhalt vorangekommen ist. So kann er unterscheiden, ob es sich um ein Problem beim Transport durch den gesamten Dickdarm oder um eine Störung der Ausscheidung aus dem Enddarm handelt.
Welche Folgen hat es, wenn die Verstopfung unbehandelt bleibt?
Wer gar nicht zum Arzt geht, riskiert nicht nur, dass gefährliche Ursachen – wie Darmkrebs – übersehen und zu spät behandelt werden. Die Verstopfung kann auch selbst zu Schäden am Darm führen: Ist der Druck auf die Darmwand dauerhaft erhöht, hält diese manchmal nicht mehr stand. So kann es passieren, dass die Darmwand stellenweise von innen nach außen gedrückt wird. Dann bilden sich „Divertikel“. „Das sind Ausstülpungen der Darmwand“, erklärt Schepp. Darin sammelt sich oft Stuhl, was zu Entzündungen führen kann: Bilden sich kleine Abszesse in solchen Divertikeln, spricht man von einer „Divertikulitis“, einer schmerzhaften Entzündung. Diese kann richtig gefährlich werden, wenn ein mit Bakterien infiziertes Divertikel platzt. Breitet sich die Entzündung aus, kommt es schlimmstenfalls zu einer Bauchfellentzündung: eine Not-OP wird nötig.
Womit müssen Patienten sonst noch rechnen?
Eine unbehandelte Verstopfung kann auch zu Problemen am Darmausgang führen: Durch zu starkes Pressen beim Toilettengang kommt es nicht nur häufig zu leichten Blutungen und sogar zu Rissen, sondern manchmal auch zu einem „Analprolaps“: Die Schleimhaut des Analkanals wird dabei durch den Schließmuskel aus dem Anus nach außen gedrückt und kann sich entzünden.
Welche Therapie hilft bei chronischer Verstopfung?
Ist die Ursache ein ungesunder Lebensstil, sollte man hier zuerst ansetzen: „Viel Bewegung, eine ausreichende Trinkmenge und Ballaststoffe“, sagt Schepp. Zusätzlich können natürliche Mittel wie etwa Flohsamenschalen, Weizenkleie oder Leinsamen helfen. Sie geben dem Stuhl mehr Volumen und bringen so den Darm wieder in Schwung. Reicht das nicht, sind auch stuhlaufweichende Medikamente aus der Apotheke eine Option. Solche „Macrogole“ gibt es freiverkäuflich als Pulver, das man mit Wasser anrührt und täglich trinkt. Da „Macrogole“ nicht aus dem Darm ins Blut aufgenommen werden, müssen Patienten keine Angst vor Nebenwirkungen haben: Das Pulver bindet Wasser und hält dadurch den Stuhl weich, wird aber vollständig wieder ausgeschieden. Wichtig zu wissen: Es wirkt nur dann richtig, wenn Patienten auch viel trinken.
Kann man nicht einfach Abführtropfen nehmen?
Abführmittel sollten bei einer Verstopfung immer nur das letzte Mittel sein: Sie beeinflussen die Darmbewegung, zwingen den Darm also, durch eine vorwärts gerichtete Muskelwelle den Stuhl in Richtung Darmausgang zu drücken. Das kann im akuten Fall zwar helfen, ist aber keine Dauerlösung – weil es nicht an den echten Ursachen ansetzt. Gefährliche Langzeitfolgen müssen Patienten dagegen nicht fürchten, beruhigt Schepp: „Die Einnahme von Abführmitteln führt weder zu Entzündungen noch zu Tumoren oder zu einer Darmlähmung.“ Bleibt der Darm trotz aller Maßnahmen träge, raten manche Ärzte zu einem drastischen Schritt: den Dickdarm per Operation kürzen. Unser Experte hält das allerdings nur in äußerst seltenen Fällen für eine sinnvolle Maßnahme.