Astrid und Gerhard Berndt sind Wunschgroßeltern wie aus dem Bilderbuch. Vor vier Jahren hat sich das Ehepaar, das keine eigenen Enkel hat, bei dem Nürnberger Verein „Großeltern stiften Zukunft“ gemeldet. Danach ging alles ganz schnell: Bei einem Kennenlerntreffen freundeten sie sich mit den zwei Kindern der Familie Mahler (Namen geändert) an. „Maja saß gleich auf der Schulter meines Mannes“, erzählt Astrid Berndt. Auch die Erwachsenen waren sich sympathisch. Die Sache war besiegelt.
Seit vier Jahren betreuen die Berndts nun Maja (7) und ihren Bruder Johannes (11). Die eigenen Großeltern können sich krankheitsbedingt nicht um ihre beiden Enkel kümmern, die Eltern sind berufstätig. Maja bastelt und backt mit ihrer ehrenamtlichen Oma, während Johannes mit Gerhard Berndt Fußball spielt oder in die Natur geht. Es wird viel gelacht, es sind schöne Stunden, die alle vier zusammen verbringen – und auch innige Momente. Wie mit „echten“ Omas und Opas.
Der Verein „Großeltern stiften Zukunft“ wurde vor 15 Jahren gegründet, ähnliche Initiativen gibt es in ganz Deutschland. „Kinder sollen mit der älteren Generation etwas zu tun haben, von ihren Werten und ihrer Lebenserfahrung profitieren“, erklärt die Vereinsvorsitzende Bärbel Sturm. Ziel einer Verbindung zweier Familien sei gegenseitiges Geben und Nehmen.
Sturm ist selbst Wunschoma: „Ich erziehe nicht, will aber dennoch Werte vermitteln. Es ist bereichernd, so eine Beziehung zu einem Kind erleben zu dürfen. Wir haben ein schönes Miteinander.“
Diese Ansicht teilt auch das Ehepaar Berndt. „Wir machen mit den Kindern Erfahrungen, die wir sonst nicht hätten.“ Die beiden Familien sind sogar schon zusammen in den Urlaub gefahren, die Wunschgroßeltern waren bei der Einschulung dabei, Geburtstage werden gemeinsam gefeiert.
Damit das Miteinander auch gelingt, müssen beide Seiten allerdings genaue Absprachen treffen. Gleich zu Beginn haben sich die Berndts und die Mahlers beispielsweise darauf geeinigt, dass sie „bei Bedarf Treffen vereinbaren“. Es sollte nicht um eine professionelle Kinderbetreuung mit festgelegten Zeiten gehen. „Unsere Freiheit ist uns wichtig, wir verreisen gerne, sind viel unterwegs“, sagt Astrid Berndt.
Wichtig ist auch die Frage der Erziehung. Leibliche Großeltern kritteln schon mal gerne am Erziehungsstil der Eltern herum. „Das geht bei Wunschgroßeltern nicht“, sagt Vereinsvorsitzende Sturm ganz deutlich. Oberstes Gebot sei Zurückhaltung beim Umgang mit den Kindern. „Wir zeigen ihnen andere Aspekte des Lebens – dürfen dabei aber nie missionarisch sein.“
Manchmal falle es schon schwer, sich nicht einzumischen, so die Erfahrung der Berndts. „Manches sehen wir einfach anders als die Eltern. Wir wollen zum Beispiel, dass die Kinder am Tisch sitzen bleiben, bis auch der Letzte zu Ende gegessen hat.“ Die selbst auferlegte Zurückhaltung gelingt deshalb nicht immer: „Die heutige Elterngeneration hat einfach eine andere Denke, wir kritisieren auch schon einmal.“
Was aber offenbar kein Problem ist: Maja hat ihre Wunschgroßeltern sehr ins Herz geschlossen. „Die zwei sind so toll“, erzählt sie und lacht dabei. „Ich gehe so gerne zu ihnen, weil ich sie richtig lieb habe.“ Und ihre Mutter Beate Mahler sagt: „Ich erlebe es als Geschenk, wenn sich Menschen so aufeinander einstellen.“
„Unser Ziel war es, dass unsere Kinder ältere Menschen kennenlernen, die fit und gesund sind, die Geduld und Lust mitbringen“, sagt die Mutter. Mit den Berndts habe es vom ersten Moment an funktioniert. „Sie waren so unaufgeregt, kompetent und offen. Wir sind über das Verhältnis sehr glücklich. Sie sind zwar nicht die ,richtigen’ Oma und Opa, irgendwie dann aber doch.“ Allerdings sind nicht alle Wunschgroßeltern und Familien mit ihrer Wahl so glücklich. Manchmal bekommt Vereinschefin Sturm auch Anrufe, dann heißt es seitens der ehrenamtlichen Omas und Opas: „Die Familie will einfach zu viel von mir.“
Ludger Klein vom Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik gibt außerdem zu bedenken: Problematisch sei es, wenn ältere Menschen den Großelterndienst „therapeutisch“ nutzen wollten, etwa um Depressionen entgegenzuwirken oder um familiäre Konflikte zu kompensieren. Viele Vermittlungsstellen verlangen außerdem ein polizeiliches Führungszeugnis, bevor jemand als Wunschopa oder Wunschoma aktiv werden kann.
Der Nürnberger Verein hat für sein Engagement zahlreiche Preise erhalten, darunter den Ehrenamtspreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Doch ein Ungleichgewicht bleibt: „Es melden sich viel zu wenige Wunschgroßeltern“, sagt Sturm. Zurzeit hat der Verein 125 Anfragen von Eltern oder Alleinerziehenden. „Wir konnten bislang nur rund 65 vermitteln.“ Sturm appelliert deshalb: „Wunschgroßeltern zu sein, ist eine einmalige Erfahrung! Man bekommt von den Kindern so viel zurück, das macht glücklich.“
Weitere Informationen
zu Leihomas und -opas finden Sie im Internet, etwa bei: www.grosseltern.de. Dort gibt es mehrere Rubriken, zudem Tipps und Adressen, wie man sich engagieren kann.