Hightech-Helfer im OP-Saal

von Redaktion

Im Klinikum Großhadern hat die Zukunft schon vor zehn Jahren begonnen: Patienten mit urologischen Erkrankungen können sich seither von Roboter „Da Vinci“ operieren lassen. Der hat bereits bei mehr als 2000 Eingriffen assistiert – eine Erfolgsgeschichte, wie auch der Fall von Peter K. zeigt.

VON ANDREA EPPNER

Peter K., 55, trägt Dreitagebart zum rot-braunen Sakko. Sein Hemd, weiß-blau kariert, steht oben offen. K. mag es sportlich-leger. Einen wie ihn nennt man in Bayern gern ein „g’standenes Mannsbild“. Doch die Diagnose, die ihn im Herbst 2018 traf, bringt selbst ihn zum Wanken: Prostatakrebs – mit Mitte 50.

„Das war der niederschmetterndste Tag“, erinnert sich Peter K., der nicht mit vollem Namen genannt werden will. Den Angriff im eigenen Körper hat er nicht kommen sehen. Ein emotionaler Tiefschlag. „Ich war einen halben Tag niedergeschlagen“, sagt K. Dann rappelt er sich wieder auf: Von innen bestrahlen? Nein! Der Krebs muss weg – auch wenn dafür die Prostata raus muss.

Die Prostata ist eine kastaniengroße Drüse im Unterleib des Mannes. Sie produziert nicht nur den Großteil der Samenflüssigkeit. Direkt unter der Blase gelegen umschließt sie auch die Harnröhre. Wird sie entfernt, sind daher „die allermeisten Patienten vorübergehend inkontinent“, sagt Privatdozent Dr. Boris Schlenker, leitender Oberarzt an der Urologischen Klinik am Klinikum Großhadern in München. Manche bleiben es sogar dauerhaft. Da im kleinen Becken Nervenstränge verlaufen, die wichtig für eine Erektion sind, kann der Eingriff auch die Potenz kosten.

Die Angst vor dem Krebs ist bei Peter K. jedoch größer. Und: Seine Frau hat bei der Recherche im Internet einen Chirurgen entdeckt, dessen Hände niemals zittern: den OP-Roboter „Da Vinci“. Der sei nerven- und gefäßschonender und hinterlasse kleinere Narben.

Dass Patienten selbst nach dem OP-Roboter fragen, ist heute nicht mehr ungewöhnlich, sagt Schlenker. Im Gegenteil: Heute müssten Patienten mehrere Wochen auf einen Termin warten. Vor zehn Jahren, als der „Da Vinci“ zum ersten Mal in Großhadern das Miniskalpell führte, sei die Skepsis dagegen groß gewesen. „Die Menschen hatten Angst, von einer seelenlosen Maschine operiert zu werden“, erzählt Schlenker. Dabei dürfe man sich das nicht vorstellen wie bei einem dieser vollautomatischen Fertigungsroboter bei BMW. Es sei nicht so, dass der Arzt daneben stehe und nur im Notfall eingreife.

Schlenker spricht daher lieber von einem „Roboter-Assistenzsystem“. Der „Da Vinci“ könne nicht die Expertise des Arztes ersetzen. Vor allem aber bewege er sich auch „keinen Hundertstel Millimeter, wenn nicht der Operateur den Anstoß dazu gibt.“

Wie das genau geht, ließ sich K. bei seinem ersten Termin in Großhadern erklären: Anders als bei einem konventionellen Eingriff ist kein großer Schnitt nötig. Operiert wird quasi „durchs Schlüsselloch“: Durch wenige kleine Zugänge werden eine Kameraoptik und die OP-Instrumente eingeführt. Das hinterlässt nicht nur kleinere Narben – mehrere kleine Wunden heilen auch schneller als ein einziger großer Schnitt. Patienten sind nach dem Eingriff daher früher wieder fit.

Der OP-Roboter leiht dem Chirurgen dabei „nur“ seine metallenen Arme: Sie halten und führen Kamera und OP-Instrumente. Letztere sind klein und äußerst beweglich – perfekt, um auf engstem Raum präzise zu operieren: Das macht den Roboter gerade bei Eingriffen im kleinen Becken zu einer großen Hilfe.

Gesteuert wird er von einem Operateur, der an einer Konsole mit Joysticks und 3-D-Bildschirm sitzt. Das hat mehrere Vorteile: Der Chirurg kann seine Hände ablegen, statt im Stehen zu operieren. „Das ist viel ermüdungsfreier“, sagt Schlenker. Und davon profitierten auch die Patienten – ihr Arzt bleibe bei der OP länger frisch und konzentriert. Auf dem Bildschirm kann er die Aufnahmen aus dem Körperinneren zudem stark vergrößert sehen. Damit erkennt er sogar mehr als ein Chirurg bei einer offenen Operation.

Ist der Arzt mit Roboterassistent also die bessere Wahl? Entscheidend sei die Expertise des Operateurs, der den Roboter bedient, sagt Schlenker. Betrachtet man allein die Langzeitergebnisse, seien beide Verfahren vergleichbar. Durch Studien sei aber klar belegt, dass der Blutverlust bei Einsatz des „Da Vinci“ geringer ist. Auch die Naht zwischen Harnröhre und Harnblase sei dann oft früher dicht als nach einer offenen OP: Das Nähen klappt bei guter Sicht einfach besser. Vor allem aber hätten die Patienten nach einem solchen Eingriff weniger Schmerzen.

Peter K. war schnell von den Vorzügen des Roboters überzeugt. Er entschied sich für den Eingriff – und hat es nicht bereut. „Ich hatte praktisch gar keine Schmerzen“, sagt auch er. Nur ein paar Tage schluckt er Schmerzmittel. Als der lästige Katheter entfernt ist, muss K. zwar anfangs sehr oft zur Toilette. „Doch mit der Kontinenz hat es gleich geklappt.“ Das ist eher ungewöhnlich: Trotz Übungen für den Beckenboden, die Patienten am besten noch vor dem Eingriff lernen, dauere das oft mehrere Wochen oder Monate, erklärt Schlenker.

Auch mit dem Sex klappte es bei Peter K. schon nach knapp sechs Wochen wieder: „Es funktioniert alles wie vorher“, sagt er. Sogar Kinder könne er theoretisch noch zeugen, aber nur per künstlicher Befruchtung: Da die Prostata fehlt, komme nur noch „heiße Luft“, wie er sagt. Der Tumor in seiner Prostata war allerdings auch eher klein. Bei größeren Tumoren müsse oft mehr Gewebe um die Drüse herum mitentfernt werden, sagt Schlenker. Damit steige auch das Risiko, wichtige Nervenstränge zu verletzen. Wunder kann auch der „Da Vinci“ nicht wirken.

„Besser als vorher wird es nicht: Das hatte man mir schon gesagt“, meint Peter K. Am wichtigsten war ihm ohnehin, den Tumor loszuwerden. „Ich bin dankbar, dass alles weg ist.“

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