Mutter Natur hat das schon ziemlich gut eingerichtet: Wenn Menschen das Arbeitsleben hinter sich lassen, wartet auf viele ein ganz neuer, oft weitaus inspirierender Lebensinhalt: die Enkel. Nach Daten aus der Langzeitstudie „Deutsche Alterssurvey“ betreut etwa jeder Vierte im Alter ab 65 Jahren mindestens ein Enkelkind. Wer das tut, kann sich glücklich schätzen. Denn: „Es ist ein Gewinn an Lebensqualität, es ist eine sinnerfüllende Tätigkeit“, sagt der Familientherapeut Hans Berwanger.
Im Idealfall sind Oma und Opa dabei nicht nur Spielkamerad in den ersten Jahren, sondern langfristig echte Bezugspersonen. Zwar bekommen laut UN-Weltbevölkerungsbericht Eltern ihr erstes Kind immer später, wodurch auch Großmutter und Großvater „in die Jahre kommen“. Aber: Gleichzeitig leben Oma und Opa heute länger und sind im Alter deutlich fitter als vorherige Generationen.
Somit können die Großeltern des 21. Jahrhunderts die Enkel länger betreuen. „Sie sind oft geistig, körperlich und auch psychisch fit, sind weltoffen, nehmen die Enkel mit auf Reisen oder machen mit ihnen Sport. Und: Sie sind neugierig auf die Welt“, erklärt Experte Berwanger. Die Zeit mit den Jungen hilft ja auch den Alten, sich ihre Fitness für Unternehmungen lange zu bewahren.
„Großeltern profitieren unheimlich von der Frische und Begeisterungsfähigkeit der Kinder“, sagt Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe. „Sie werden gebraucht, sie erleben Freude – und sie profitieren von dem, was die jüngeren Menschen so haben: eine andere Sicht der Welt, Freude am Augenblick.“
Für Enkel sind Großeltern zunächst die ersten Bezugspersonen jenseits des Elternhauses. Das hilft den Kindern, sich selbst als Teil einer Welt zu verstehen, die über das Hier und Jetzt hinausgeht. Die Studie „Generationenübergreifende Zeitverwendung: Großeltern, Eltern, Enkel“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI) erklärt das so: Enkel begreifen durch die Gespräche mit ihren Großeltern, dass sich Realitäten verändern – dass Eltern und Großeltern in einer anderen Realität gelebt haben als sie, und dass auch nach ihnen auch noch etwas kommt.
Doch Großeltern und Enkel profitieren nicht nur in den ersten Jahren voneinander. Schulkinder etwa können ihren Großeltern einen direkten Zugang zum Wissen des 21. Jahrhunderts verschaffen. „Wir hören ganz oft, dass Enkel begeistert ihren Großeltern das Smartphone erklären. Und die lassen es sich lieber von den Enkeln erklären als von den eigenen, längst erwachsenen Kindern“, sagt Expertin Sowinski. Die Enkel selbst fühlen sich durch das Interesse der Großeltern ernst genommen und kompetent.
Das Gefühl, ernst genommen zu werden, ist übrigens ein zentrales Motiv der Bindung von Enkeln zu Großeltern. Auch die manchmal belächelte Angewohnheit von Oma und Opa, ihnen mehr oder weniger heimlich Geld zuzustecken, spielt da eine Rolle. „Das zeigt: Ich gebe dir Geld, damit du selber entscheidest, was du dir davon kaufst“, erklärt Sowinski weiter. Und: „Wir raten dazu, dass es auch eine eigene Großelternwelt gibt. Also, dass wenn die Enkel kommen, nicht immer die Regeln der Eltern gelten müssen.“ So hätten Enkel einen Zufluchtsort, der später noch wichtig sein kann – etwa in den schwierigen Jahren der Pubertät. Mama und Papa sind dann irgendwann nur noch nervig und peinlich, doch auf die Beziehung zu Oma und Opa hat der jugendliche Hormonwahn oft kaum Einfluss.
Wenn sich die Großeltern bis dahin aus der Elternrolle rausgehalten haben, hätten Jugendliche auch keinen Grund, sich abzunabeln, sagt Familientherapeut Berwanger. „Dann gibt es bei den Großeltern Trost und Zuversicht – und die Botschaft ,Du bist schon in Ordnung, wie du bist.’“
Großeltern üben meist auch einen geringeren Leistungsdruck auf die Kinder aus als Eltern. Die Erfahrung, schon die eigenen Kinder durch die Pubertät begleitet zu haben, gibt ihnen eine Art großelterliche Gelassenheit: „Bei Oma und Opa lässt man die Seele baumeln und sich einen heißen Kakao machen bei Liebeskummer“, erklärt Berwanger.
Neben dem Liebeskummer sieht Expertin Sowinski noch einen weiteren Grund für die Allianz der Halbstarken mit den Älteren: „Im Alter werden viele Menschen anarchistischer und schräger, sind nicht mehr so angepasst und scheren sich nicht mehr so sehr um die Meinung von anderen.“ Es soll den einen oder anderen Jugendlichen geben, der sich damit – besser – identifizieren kann.
Eine solche herzliche Langfrist-Beziehung ist kein Einzelfall: Laut DJI-Studie bezeichnen 83 Prozent der Großeltern in Deutschland die Verbundenheit zu ihren Enkeln als eng oder sehr eng – und in 93 Prozent der Beziehungen treten Wut und Ärger nie oder nur selten auf. Das ist vielleicht ein Trost für Eltern, denen solche Eintracht mit ihren Kindern nicht vergönnt ist: Sie können sich dann auf die Karriere als Oma oder Opa freuen.