Ob zur Vorsorge oder bei Beschwerden – um einen Blick in den Bauch zu werfen, greifen viele Hausärzte gern zum Ultraschallgerät: Die Untersuchung tut nicht weh, geht schnell und kommt ohne Strahlenbelastung aus. Allerdings zeigt sie manchmal auch, was bis dahin niemanden gestört hat – Steine in der Gallenblase.
Diese sind alles andere als selten: „Etwa neun Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer haben Gallensteine“, sagt Prof. Roland M. Schmid, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II am Klinikum rechts der Isar in München. Die gute Nachricht: Die meisten können mit ihren Steinen gut leben. Nur etwa zehn bis zwanzig Prozent der Betroffenen bekommen in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren Beschwerden. Lesen Sie hier, welche das sind und was hilft.
Führen große Steine zu mehr Beschwerden?
Gallensteine können wenige Millimeter groß sein, aber auch mal drei Zentimeter und mehr. Die Probleme wachsen aber nicht mit der Größe. „Ein großer Stein kommt aus der Gallenblase nicht raus“, sagt Schmid. Zum Problem werden vor allem kleinere Gallensteine, von denen sich bei manchen Menschen Hunderte in der Gallenblase (siehe Grafik) befinden. Zieht sich die Gallenblase nach einer Mahlzeit zusammen, können sie leicht in den schmalen Gallengang geraten – und stecken bleiben.
Zu welchen Beschwerden kann das führen?
Gerät ein Stein in den Gallengang, zieht sich dessen Muskelring zusammen und entspannt sich wieder. Diese wellenförmigen Bewegungen lösen den Stein leider nicht, führen aber zu kolikartigen Schmerzen im rechten Oberbauch. „Diese können bis in den Rücken und in die rechte Schulter ausstrahlen“, erklärt Schmid. Die Schmerzen sind meist so heftig, dass der Notarzt gerufen wird. Sie können wenige Stunden anhalten, lassen aber nach, wenn die Muskulatur des Gallengangs müde wird und erschlafft.
Wozu dienen die Galle und die Gallenblase?
Galle ist eine Verdauungsflüssigkeit. Sie wird in der Leber gebildet und in der Gallenblase bis zum nächsten Essen gespeichert. Zieht sich letztere zusammen, fließt die Galle über den Hauptgallengang in den Dünndarm. Die Gallenblase selbst ist ein Überbleibsel der Evolution: In der Urzeit war dieser Speicher wohl von Vorteil. Die Menschen fanden damals oft sehr unregelmäßig Nahrung, mussten dann aber große Mengen auf einmal verdauen. Heute können wir problemlos ohne Gallenblase leben.
Warum muss auch die Gallenblase raus?
„70 Prozent der Patienten mit Beschwerden entwickeln in den nächsten zwei Jahren wieder Probleme“, sagt Schmid. „Daher sollte man die Gallenblase zeitnah entfernen, wenn es zu Beschwerden gekommen ist.“ Der Grund: Die Zusammensetzung der Galle verändert sich nicht. Entfernt man nur die Gallensteine, bilden sich daher bald neue. Diese entstehen nämlich, wenn die Konzentration der in der Galle gelösten Stoffe eine gewisse Schwelle überschreitet. Dann setzen sich feste Körnchen ab, die zu richtigen Steinen heranwachsen können. Darum entfernt man die Gallenblase mitsamt Gallensteinen.
Wie läuft so eine OP ab?
Eine Entfernung der Gallenblase, eine „Cholezystektomie“, wird heute fast immer „laparoskopisch“ durchgeführt. Operiert wird also „durchs Schlüsselloch“: Der Chirurg setzt drei Minischnitte und führt durch diese Zugänge eine Kameraoptik und OP-Instrumente in den Bauch ein. Wo er operiert, sieht er auf einem Bildschirm. Der Vorteil: Die Patienten haben nach dem Eingriff weniger Schmerzen und sind schneller wieder fit. „Das ist eine sehr sichere Operation“, sagt Schmid. Sie könne selbst bei sehr alten Patienten durchgeführt werden. Ganz wichtig sei es aber, vorher genau abzuklären, ob wirklich die Gallensteine schuld an den Beschwerden sind. „Das muss plausibel sein“, sagt Schmid. „Sonst entfernt man am Ende eine gesunde Gallenblase –und die Beschwerden bleiben die gleichen wie zuvor.“
Entfernt man manchmal allein den Gallenstein?
Ja. Das ist allerdings keine Dauerlösung. Blockiert ein Gallenstein den Abfluss der Galle, droht aber ein gefährlicher Gallenstau. Keime können sich dann in der Galle vermehren – eine gefährliche Blutvergiftung droht. Damit es nicht so weit kommt, muss man den störenden Stein entfernen, um Zeit zu gewinnen. Früher war in solchen Fällen eine riskante, offene Operation nötig. Geändert hat sich das mit einem ebenfalls minimal-invasiven Verfahren, das Schmids Vorgänger am Klinikum rechts der Isar entwickelt hat: der „ERCP“. Auch dabei handelt es sich um ein endoskopisches Verfahren. Die Papille – die Stelle, an der der Gallengang meist gemeinsam mit dem Bauchspeicheldrüsengang in den Darm mündet – wird „mit einem elektrischen Messer“ geöffnet und der Stein dann mit einem Körbchen entfernt. Obwohl dieser Eingriff deutlich sicherer ist als die offene OP, die heute nicht mehr durchgeführt wird, birgt auch er Risiken. „Das macht man darum nur, wenn es unbedingt sein muss“, sagt Schmid. Eine gefürchtete Komplikation sei demnach eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Dazu kann es auch durch den Gallenstein selbst kommen – dann nämlich, wenn dieser genau dort im Gallengang steckt, wo der Bauchspeicheldrüsengang in den Zwölffingerdarm mündet. Das erhöht den Druck auf diesen Gang – und damit das Risiko einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse. „Eine solche Pankreatitis kann lebensbedrohlich sein“, warnt Schmid. Ist auch die Gallenblase entzündet, wird diese nach Entfernung des Steins oder der Steine aus dem Gallengang idealerweise innerhalb von drei Tagen nach Beginn der Symptome herausoperiert. Alternativ kann man die Gallenblase auch entfernen, wenn die akute Entzündung abgeklungen ist.
Was erhöht eigentlich das Risiko für Gallensteine?
Das Risiko für Gallensteine steigt mit dem Alter. Auch Frauen sind öfter betroffen. Generell spielt die genetische Veranlagung eine wichtige Rolle. „15 bis 20 Prozent der Patienten haben in der Familie Gallensteinträger, meist die Mutter“, sagt Schmid. „Bei eineiigen Zwillingen sind es etwa 25 Prozent.“ Auch Schwangere neigen aufgrund hormoneller Veränderungen eher zu Gallensteinen. Aus dem gleichen Grund kann die Einnahme von Antibabypillen Gallensteine fördern, ebenso die einiger anderer Medikamente sowie ein zu hoher Cholesterinspiegel.
Kann man vorbeugen?
„Am wichtigsten ist ein normales Gewicht“, sagt Schmid. Wer Übergewicht hat, sollte versuchen, abzunehmen – aber nicht zu schnell: Auch das fördere Gallensteine. „Man sollte nicht mehr als 1,5 Kilo pro Monat reduzieren“, rät der Experte. Sport und allgemein körperliche Aktivität beeinflussen den Stoffwechsel günstig. Auch eine ausgewogene, gesunde Ernährung hilft, Gallensteinen vorzubeugen. Also lieber gesunde pflanzliche Fette wählen und mehr Ballaststoffe. Und: regelmäßig essen, statt öfter mal einen Hungertag einzulegen. Denn nur, wenn man regelmäßig isst, entleert sich auch die Gallenblase öfter – das verhindert ein „Verschlammen“ der Galle. Es gebe zudem Hinweise, dass Vitamin C einen günstigen Effekt habe. Was Kaffeetrinker freuen wird: Sie haben seltener Gallensteine!