Wenn Männern Brüste wachsen

von Redaktion

Der heiße Sommer bringt es ans Licht: Bei manchem Mann wölbt sich unterm T-Shirt eine Brust, die mehr an die einer Frau erinnert. Betroffene wünschen sich meist, die „Männerbrust“ so schnell wie möglich loszuwerden. Wie das geht und woher das Phänomen kommt, erfahren Sie hier.

VON ANDREA EPPNER

Der Bauch ist flach wie ein Brett, unter der Haut zeichnen sich kräftige Muskeln ab: So einen Oberkörper zeigt jeder Mann gern. Manche würden ihren allerdings lieber verstecken, vor allem beim Baden – und das nicht nur, weil Bauch und Speckröllchen über die Badehose quellen, sondern weil die Brust wie die einer Frau aussieht.

Ist eine solche Frauenbrust beim Mann nur ein ästhetisches Problem – oder kann dahinter auch eine Krankheit stecken? Und: Wie wird die Brust wieder flach? Das erklären unsere Experten Prof. Klaus-Dieter Palitzsch, Chefarzt der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Angiologie und Notfallmedizin an der München-Klinik Neuperlach, und Prof. Riccardo Giunta, Direktor der Abteilung für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Ästhetische Chirurgie am Klinikum der Universität München.

Welche Ursachen kann es haben, wenn ein Mann eine weibliche Brust hat?

„Häufigster Grund ist eine sogenannte Pseudogynäkomastie“, sagt Palitzsch. Das sei allerdings kein Anzeichen einer Krankheit, sondern „vor allem ein kosmetisches Problem“ – und Folge von Übergewicht und zu wenig Bewegung. Bei Betroffenen wird die Brust größer, weil sich darin Fett einlagert. Wer abnimmt und seine Muskeln trainiert, bekommt also auch wieder eine flachere Brust. Schwieriger ist es, wenn ein echter Drüsenkörper vorhanden ist: Experten sprechen dann von einer „Gynäkomastie“, also einer echten Frauenbrust beim Mann. Der Drüsenkörper sei dann „hinter den Brustwarzen tastbar“, erklärt Palitzsch. Die Vergrößerung betreffe fast immer beide Seiten. Ist nur eine Brust vergrößert, sollten Männer zügig zum Arzt gehen. Dann könnte auch ein Tumor dahinter stecken. Denn auch Männer können, zwar selten, an Brustkrebs erkranken.

Zu welchem Arzt sollte man gehen?

Für eine erste Einschätzung ist man beim Hausarzt richtig: Durch Abtasten findet er schnell heraus, ob sich einfach nur Fett eingelagert hat oder ob ein vergrößerter Drüsenkörper das Problem ist. Bei einer echten Gynäkomastie wird er den Betroffenen an den Endokrinologen überweisen, einen Hormonspezialisten. Denn: „Wächst einem Mann eine Brust, liegt das in der Regel an einem Überwiegen der weiblichen über die männlichen Hormone“, erklärt Palitzsch. Hierzu muss man wissen: Im Körper jedes Menschen werden weibliche und männliche Geschlechtshormone gebildet. „Frauen haben genauso Testosteron wie Männer Östradiol haben.“ Entscheidend sei das Mischverhältnis. Überwiegen weibliche Hormone, fördert dies das Wachstum des Drüsenkörpers. Per Blutanalyse lassen sich solche hormonellen Veränderungen herausfinden. Es gibt allerdings Patienten, bei denen sich keine hormonelle Ursache findet.

Welche Auslöser gibt es?

Sehr viele. Es ist daher oft aufwendig, die richtige Ursache zu finden. Der Endokrinologe befragt den Patienten dazu genau und untersucht Brust und Hoden. Denn auch eine Hodenunterfunktion reduziert die Testosteron-Bildung – und führt so zu einer Gynäkomastie. Zu viel Alkohol und Drogen sind andere mögliche Auslöser. Aber auch Erkrankungen der Leber und Niere sowie eine Überfunktion der Schilddrüse können dahinterstecken. Verschiedene Medikamente fördern ebenfalls das Brustwachstum. Dazu zählen manche Herz-Kreislauf-Mittel, Psychopharmaka und Protonenpumpen-Hemmer gegen Magenschmerzen, ebenso Hormonpräparate bzw. Antiandrogene wie sie manche Prostatakrebs-Patienten einnehmen. Übergewicht kann auch zu einer echten Gynäkomastie führen: Denn in Fettgewebe wird das männliche Hormon Testosteron in das weibliche Östrogen umgewandelt. Kinder und vor allem Jugendliche in der Pubertät sind öfter betroffen. Aber: „Sie haben eine sehr hohe Chance, dass sich das selbst zurückbildet“, sagt Palitzsch.

Wie bringt man die Brust wieder zum Schrumpfen?

Bei einem echten Testosteronmangel, etwa durch eine Hodenunterfunktion, ersetzt man das Hormon. „Für alle anderen ist das keine Therapie“, warnt Palitzsch. Dann könne eine Testosterongabe sogar den gegenteiligen Effekt haben. Sind andere Erkrankungen die Auslöser, muss man diese behandeln, um damit auch die Frauenbrust loszuwerden. Bei Medikamenten versucht man, ein alternatives Mittel zu finden. Zur medikamentösen Therapie der Gynäkomastie empfiehlt Palitzsch eine Arznei, die mancher von der Brustkrebs-Therapie kennt: „Tamoxifen“. Es blockiert die Wirkung weiblicher Hormone. Da es auch das Risiko für Thrombosen und Embolien erhöht, kommt es jedoch nicht für jeden infrage. Allgemein seien die Erfolgsaussichten der medikamentösen Therapie nur dann gut, wenn das Brustgewebe noch weich ist. Hat es sich verhärtet, lasse sich dies nur noch durch eine Operation korrigieren.

Wann kann eine Operation noch sinnvoll sein?

Ein chirurgischer Eingriff sollte immer nur die letzte Option sein, sagt Palitzsch. Auch unser Experte für plastische Chirurgie, Prof. Riccardo Giunta, schickt Patienten, die sofort an eine Operation denken, erst einmal zum Endokrinologen. Gerade bei der Gynäkomastie sei die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg sehr wichtig, betont er. Medizinisch nötig ist eine OP zwar selten. Dennoch entscheiden sich viele Betroffene dafür. „Eine Frauenbrust stört die Männer natürlich sehr, weil das ein primäres weibliches Geschlechtsmerkmal ist“, sagt Giunta. Unterm engen T-Shirt und beim Baden lässt sich das Problem auch schlecht verstecken.

Wie häufig entscheiden sich Männer für eine OP?

Abrechnungsdaten von Krankenkassen kann man hier leider nicht zu Rate ziehen: Die meisten Männer müssten den Eingriff selbst bezahlen. Bei der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), deren Präsident Giunta ist, hat man 2014 aber eine Umfrage zur Häufigkeit von ästhetischen Eingriffen durchgeführt. Im genannten Jahr haben sich demnach 4150 Männer in Deutschland wegen einer Gynäkomastie einem chirurgischen Eingriff unterzogen. „Das ist einer der häufigsten ästhetischen Operationen beim Mann“, sagt Giunta.

Wie läuft eine solche Brust-Operation ab?

Das ist stark von Art und Ausmaß des Problems abhängig. Bei einer Pseudogynäkomastie reicht manchmal eine Fettabsaugung. Dann sei nur ein Schnitt seitlich an der Brustwand nötig, erklärt Giunta. Nach dem Eingriff muss der Patient sechs Wochen lang ein Kompressionshemd tragen. Das soll verhindern, dass sich Kanäle, aus denen das Fett abgesaugt wurde, mit Flüssigkeit füllen. Größer ist der Aufwand, wenn sich die Haut stark gedehnt hat, die Brust also auch gestrafft werden soll, indem überschüssige Haut entfernt wird. So ist das auch bei einer echten Gynäkomastie: Um den Drüsenkörper zu entnehmen, braucht der Chirurg einen größeren Zugang. Damit die Narbe später möglichst unauffällig ist, schneidet er dazu meist am Rand des Brustwarzenvorhofs entlang. Ist auch der Brustwarzenhof zu groß, lässt sich der gleich mit verkleinern, sagt Giunta. Manchmal müsse zusätzlich Fett abgesaugt werden, um ein gleichmäßiges Ergebnis zu erhalten. Die Kosten steigen mit dem Aufwand. Im Schnitt muss man mit 2000 bis 4000 Euro rechnen.

Welche Risiken gibt es?

Neben allgemeinen OP-Risiken wie Blutungen und Infektionen können nach einer Fettabsaugung Unebenheiten bleiben. Narben können auffälliger sein als erhofft. Wenn man zu radikal vorgehe, könne die Haut mit der Brustwand verwachsen, warnt Giunta: Wer sich für einen Eingriff entscheidet, sollte sich daher unbedingt an einen Facharzt für plastische Chirurgie wenden – darin sind sich die Experten einig. Der Eingriff erfordert viel Erfahrung und Können. „Das Risiko darf keineswegs verharmlost werden“, sagt Giunta. „Es bleibt eine Operation – der Patient muss wie bei jeder ästhetischen OP sorgfältig über Chancen und Risiken aufgeklärt werden. Insgesamt ist das Risiko aber kalkulierbar.“

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