Sie spürt keinen Schmerz, keine Atemnot, fühlt sich nicht einmal kurzatmig: Kerstin Schmidt (Name geändert), 54, ahnt lange nicht, dass etwas Bedrohliches in ihrer Lunge wächst. Das ändert sich erst, als sie sich im Spätherbst 2018 einen Atemwegsinfekt einfängt. Eigentlich nicht ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Nur: Die Beschwerden werden schlimmer – statt besser. „Aus dem bronchialen Infekt entwickelte sich eine Lungenentzündung“, erinnert sie sich. „Ich musste ins Krankenhaus.“
Dort kommen die Ärzte der Ursache schnell auf die Spur: „Etwas verstopfte meine Atemwege wie eine Schlingpflanze“, sagt Schmidt. Ein Großteil ihres rechten Lungenflügels wird nicht mehr richtig belüftet. Die Folge: Schleim, der ständig in der Lunge gebildet werde, kann nicht mehr abtransportiert werden, erklärt Prof. Johannes Bodner, Chefarzt der Klinik für Thoraxchirurgie an der München Klinik Bogenhausen. Sammelt er sich an, wird er zum Nährboden für Bakterien – es kommt zu einer Lungenentzündung.
Doch was verstopft ihre Atemwege: ein gutartiger Tumor oder doch Lungenkrebs? Um das zu klären, kommt Schmidt ins Klinikum Bogenhausen zur „starren Bronchoskopie“. Bei einer solchen speziellen Atemwegsspiegelung führt der Arzt ein Röhrchen durch die Luftröhre in die Bronchien ein: So kann er die Lunge von innen untersuchen und auch Gewebeproben entnehmen. Die gute Nachricht: Es finden sich keine bösartigen Zellen – eine Riesenerleichterung.
Doch Schmidt weiß: Auch ein gutartiger Tumor muss raus. Zwei der drei Lungenlappen sind befallen, sollen daher entfernt werden. „Anfang Februar war es so weit“, erzählt sie.
Sie ist zuversichtlich, denn die Chirurgen haben ihr eine besonders schonende Technik vorgeschlagen: In der operativen Behandlung habe sich in den vergangenen Jahren „sehr viel getan“, erklärt Experte Bodner. Längst gebe es auch in der Lungenchirurgie nicht mehr allein die Möglichkeit einer konventionellen „offenen“ Operation.
Dabei gehen Chirurgen ziemlich brachial vor. Sie setzen einen etwa 20 Zentimeter langen Schnitt zwischen zwei Rippen und spreizen diese auseinander. So verschaffen sie sich Platz zum Operieren. Nach dem Eingriff entfernen sie den Wundspreizer und rücken die Rippen zurück an ihren Platz; alles wird gut vernäht. Nur: Die empfindlichen Nerven zwischen den Rippen nehmen die rohe Behandlung meist übel. Es dauert, bis sie sich nach dem Eingriff beruhigen. Das ist schmerzhaft. Auch die fürs Atmen wichtige Muskulatur des Brustkorbs wird beeinträchtigt, die Wunde braucht Zeit zum Heilen.
Bei Schmidt soll alles deutlich schneller gehen: Die Ärzte schlagen ihr ein Verfahren vor, das sie bei immer mehr Eingriffen anstatt einer offenen Operation anwenden: die „Schlüsselloch-Technik“. Dabei operiert der Arzt durch kleine Zugänge. Den nötigen Einblick ins Körperinnere verschafft ihm eine spezielle Stabkamera. Diese wird durch einen der Zugänge eingeführt. Ihre Bilder werden auf einen Monitor übertragen. So sieht der Arzt in den Körper – fast wie durchs Schlüsselloch.
Drei Schnitte reichen für einen Eingriff an der Lunge, jeder nur ein bis zwei Zentimeter kurz. Einer ist für die Kamera, die anderen für die OP-Instrumente. Die kleinen Öffnungen reichen, um Lungenlappen im Ganzen zu entfernen. Der Trick: Ist erst einmal die Luft raus, lassen sie sich klein zusammenfalten – und dann in einem derben Säckchen herausziehen.
Kürzere Schnitte, weniger Schmerzen, eine schnellere Heilung: Schmidt ist bald von den Vorzügen der Methode überzeugt. „Leider werden bislang nur 20 bis 30 Prozent der Patienten in Deutschland so behandelt“, sagt Bodner. Das liege wohl daran, dass die offene Operation bei einem Lungentumor einfacher ist. Die Schlüsselloch-Technik erfordere Spezialwissen und Erfahrung, die man nur sammeln könne, wenn man sehr oft solche Eingriffe durchführe; möglich ist das für Ärzte in Zentren für Thoraxchirurgie.
Bei Schmidt wollen die Mediziner zudem eine schonendere Narkose anwenden. Diese soll nur so tief sein, dass die Patientin noch selbst atmet. Das erfordert großes Können der Chirurgen: Da die Lunge mit Luft gefüllt ist und daher bei der OP nicht zusammenfällt, haben die Ärzte beim Operieren weniger Platz, erklärt Bodner. Zudem müssen sie beim Abklemmen der Lungengefäße jederzeit mit kleinen Bewegungen rechnen – und darum besonders vorsichtig sein. So ein Vorgehen ist ungewöhnlich: normalerweise wird bei solchen Eingriffen nur der gesunde Lungenflügel künstlich beatmet.
Bei Schmidt läuft alles wie geplant: Zwei der rechten Lungenlappen werden entfernt. Die Gewebeuntersuchung bestätigt, dass es sich um einen gutartigen Tumor handelt. Mit der Zeit könne aus solchen Tumoren aber auch Krebs entstehen, erklärt Bodner. Schmidt hat also Glück gehabt.
Und das gleich mehrfach: „Mir ging es nach der Operation schnell wieder ziemlich gut“, erzählt sie. Schon am Tag danach soll sie Atemübungen machen und auch aufstehen. „Dazu motivieren wir alle Patienten“, sagt Experte Bodner. Die Lunge wird dadurch besser belüftet – das fördert die Heilung. Bei Schmidt klappen die ersten Schritte auf dem Flur so gut, dass sie sich auch gleich ans Treppensteigen wagt. „Zwei Stockwerke habe ich geschafft“, sagt sie und lacht.
Nur in der Nacht direkt nach dem Eingriff hat sie Schmerzen, braucht lindernde Medikamente. Schuld daran ist der Drainageschlauch: Der liegt zwischen zwei Rippen, wo auch empfindliche Nerven verlaufen und oft gereizt reagieren. Der Schlauch ist aber nötig: Dort, wo die erkrankten Lungenlappen abgetrennt wurden, verschließen die Ärzte den verbleibenden Teil der Lunge zwar mit speziellen Clips. Es dauere aber etwas, bis diese wieder ganz dicht ist, erklärt Bodner. Bis dahin entweiche ein wenig Luft – und die muss raus: Der Schlauch bereite die meisten Schmerzen.
Umso mehr freut sie sich, wenn der nicht mehr nötig ist: Mit dem Schlauch verschwinden bei Schmidt auch die Schmerzen. Und: Schon am vierten Tag nach der Operation darf sie heim. Dort muss sie allerdings erst lernen, welche Bewegungen wieder problemlos möglich sind und bei welchen sie noch aufpassen muss. In einer Rehaklinik gewinnt sie dann nach und nach auch ihre Kraft zurück.
Wie krank und geschwächt sie durch die Lungenentzündung war – daran erinnert heute nichts mehr. Schmidt sieht so frisch aus wie der Sommer: Sie trägt ein kurzes, kirschrotes Kleid, dazu den passenden Lippenstift. Seit Ostern arbeitet sie sogar wieder in Vollzeit, als Teamassistentin in einer Münchner Kanzlei. Es geht ihr richtig gut. Nur hin und wieder steht noch ein Kontrolltermin in der Klinik an. „Das ist wichtig“, sagt Bodner. „Auch bei gutartigen Tumoren.“